Zufriedenheit wird zu Gelassenheit

Von Wolf-Ulrich Klünker, Juli 2017

Der Begriff Zufriedenheit zielt auf ein Erleben in der Situation; Gelassenheit meint dagegen eine grundlegende innere Haltung.

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Zufriedenheit ist vom Erleben abhängig, Gelassenheit aber kann gegenüber der Erlebnissituation als emanzipiert gelten: sie bewährt sich auch in schwierigen Lebenslagen, in denen ich nicht zufrieden sein kann, die mir sogar die innere Ruhe nehmen können. So gibt sich die Gelassenheit als Willensausrichtung zu erkennen, während Zufriedenheit eher eine Reaktion im menschlichen Gemüt darstellt. Allerdings haben beide eines gemeinsam: Es gibt sie nicht, sie sind als Eigenschaft des Menschen heute nicht anzutreffen. »Der Mensch braucht zur inneren Ruhe die Selbst-Erkenntnis im Geiste. Er findet sich selbst in seinem Denken, Fühlen und Wollen. Er sieht, wie Denken, Fühlen und Wollen von dem natürlichen Menschenwesen abhängig sind. Sie müssen in ihren Entfaltungen der Gesundheit, Krankheit, Kräftigung und Schädigung des Körpers folgen.« Diese Formulierung des fünften anthroposophischen Leitsatzes Rudolf Steiners macht deutlich, dass innere Ruhe (und damit Zufriedenheit und Gelassenheit) nur aus geistiger Selbsterkenntnis hervorgehen können. Solange die Leibabhängigkeit von Denken, Fühlen und Wollen nicht überwunden wird, sind weder Zufriedenheit noch Gelassenheit möglich. Mit dem Denken lebe ich zunächst in der Vergangenheit, mit dem Fühlen in der Gegenwart, mit dem Wollen in der Zukunft.

Gefühlssicherheit durch Meditation

Zufriedenheit in der Lebensgegenwart, also im Lebensaugenblick, kann nur als Gefühlssicherheit erreicht werden. Das Gefühl ist aber als Gegenwartserleben flüchtig; es ist im nächsten Moment schon wieder vergangen. Gerade auf meine Gefühle kann ich mich zunächst nicht verlassen. Gefühlssicherheit hängt davon ab, ob es gelingt, Lebensvergangenheit und -zukunft in das Augenblickserleben hineinzunehmen. Dies geschieht in der Meditation. Meditation bezieht sich nicht auf einen besonderen Gegenstandsbereich der Erkenntnis; auch wird das Denken nicht vertieft, sondern intensiviert. Das Denken kann aber nur intensiver werden, wenn ich es willentlich verstärke. Ein Gedankenzusammenhang wird nicht durch seinen Inhalt, auch nicht durch seine Bedeutung für mich oder meine Umgebung, sondern nur durch die Willensintensität kräftiger, die ich ihm zuwende. – Als Ergebnis einer solchen Intensivierung des Denkens stellt sich etwas Überraschendes ein; es entsteht zunächst keine neue Erkenntnisdimension, sondern Sicherheit im Gefühl, also als Lebensgefühl, das meine Gegenwart bestimmt. Daraus kann sich Zufriedenheit als Grundstimmung ergeben, die schließlich auch zur Lebenshaltung der Gelassenheit sich weiterentwickeln kann.

Wie wird der Geist seelisch?

Geistige Schulung darf sich nicht nur der Frage zuwenden, wie die Seele vergeistigt wird. Vielmehr sieht sie sich ebenso sehr vor die Frage gestellt, wie geistige Wirklichkeit seelisch erlebt werden kann. Dies ist nur möglich, wenn es gelingt, geistige Erfahrung in demselben Maß seelisch erlebnisfähig zu gestalten wie die biografisch mitgebrachte innerseelische Situation. In einem Vortrag vom 10. Oktober 1918 beschreibt Rudolf Steiner, wie der Geist in der Seele erlebbar wird: durch Intensivierung des Denkens und des Vorstellungslebens, so dass es Sinnes- und Körperempfindungen, auch seelischen Erlebnissen in keiner Weise nachsteht, sondern diese sogar ihm gegenüber als »Ruhe« erlebt werden können. Weiter: durch Radikalisierung des Willenslebens (»Selbstkultur«), so dass die Ziele der Selbsterziehung – wenn sie auch als unendlich schwierig zu erreichen scheinen – zugleich aber als ebenso sehnsüchtig erstrebenswert empfunden werden wie Handlungsorientierungen, die sich aus Triebbedürfnissen ergeben.

Erkenntnisgrenze und Lebensproblem

Üblicherweise besteht die Neigung anzunehmen, die Lebenssituation und seelische Disposition würden die Grenzen der eigenen Erkenntnisfähigkeit bestimmen. In Wahrheit ist die umgekehrte Verursachung zu denken: Die Annahme von Erkenntnisgrenzen bringt eine bestimmte seelische Gestimmtheit hervor. So setzt die Erkenntnispraxis nicht Zufriedenheit oder gar Gelassenheit voraus, sondern Letztere ergeben sich aus dem Umgang mit dem Denken. Dieses Abhängigkeitsverhältnis kann zunächst überraschend wirken; bei näherer Betrachtung wird aber deutlich, dass die Erkenntnishaltung ein Primat gegenüber der Lebensstimmung besitzt. Bereits diese Einsicht bildet eine erste Etappe auf dem Weg zu seelischer Zufriedenheit und geistiger Gelassenheit – denn im Letzten wird sich zeigen, dass Zufriedenheit im seelischen Erleben, Gelassenheit dagegen als geistige Ausrichtung zu begreifen sind. –

Aus der Annahme von Erkenntnisgrenzen gegenüber geistiger Wirklichkeit »entspringen den Menschen heute nicht bloß theoretische Zweifel, sondern Unsicherheit der ganzen Seele, Unsicherheit des Gemütes, … wenn auch die Menschen sich darüber hinwegtäuschen«, so Steiner. Das Zurückschrecken vor der Erkenntnis geistiger Wirklichkeit äußert sich »in unbestimmten Gefühlen, in allerlei unterbewussten Empfindungen« und macht die Menschen »unsicher im Leben«, »unsicher und untüchtig im äußeren Handeln, im Verhältnis zu ihren Mitmenschen«. Warum? Weil das Wesen des Menschen selbst übersinnlicher Natur ist. Wird nun geistige Wirklichkeit aus der eigenen Erkenntnisbemühung ausgeschlossen, so wendet sich der Mensch von seinem eigenen Wesen ab! Schließt er aber die Augen vor dem eigenen Ich, das geistigen Ursprungs ist, so verliert er auch das »richtige innerliche Selbstvertrauen«.

Zufriedenheit und Gelassenheit sind an eine ihnen entsprechende Seelenstimmung gebunden; diese Seelenstimmung geht aber letztlich aus der Orientierung des Erkenntnislebens auf geistige Wirklichkeit hin hervor. ‹›

Zum Autor: Wolf-Ulrich Klünker ist Leiter der Delos-Forschungsstelle für Psychologie in Berlin und Professor für Philosophie und Anthroposophie an der Alanus Hochschule, Alfter

Literatur: R. Steiner: Anthroposophische Leitsätze, GA 26, Dornach 1998, ders.: Die Ergänzung heutiger Wissenschaft durch Anthropo-

sophie, GA 73, Vortrag vom 10. Oktober 1918, Dornach 1987, ders.: Der übersinnliche Mensch, GA 231, Vortrag vom. 15. November 1923, Dornach 1982

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