Ferreros Haselnüsse. Annäherungen an die Wirtschaft

Von Jochen Ketels, Oktober 2016

Was die Wirtschaft eigentlich ausmacht, ist umstritten, welche Grundannahmen in die Wirtschaftslehre einfließen, wird kontrovers diskutiert. In der Oberstufe der Waldorfschule versuchen wir, den bei den Schülern anzutreffenden Empfindungen und Impulsen zu diesem Thema eine Stimme zu geben und ihre eigentlichen Anliegen begrifflich zu fassen. In der Auseinandersetzung mit Realitäten und Begriffen schärft sich ihr Urteilsvermögen.

Foto: © Francesca Schellhaas / photocase.de

Alba in Norditalien, in den 1940er Jahren. Der Konditor Pietro Ferrero hat eine Idee: Aus gerösteten Haselnüssen und Kakao stellt er einen süßen Brotaufstrich her, der später unter dem Namen Nutella die Frühstückstische der Welt erobern sollte. Heute zählt die Familie Ferrero zu den wohlhabendsten Europas. Auf mehr als 25 Milliarden US-Dollar wird ihr Vermögen geschätzt, der Umsatz mit Süßwaren in Deutschland beläuft sich auf rund 1,6 Milliarden Euro jährlich. Eine wichtige Zutat sind Haselnüsse, der größte Teil der Welternte kommt aus der Türkei. Dort arbeiten nach amtlichen Statistiken rund 400.000 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und siebzehn Jahren in der Landwirtschaft. Ein Journalist der ZEIT besuchte im Jahr 2014 den zehnjährigen Mustafa, der sieben Tage in der Woche bis zu zwölf Stunden täglich Haselnüsse pflückt, für einen Tageslohn von vierzehn Euro. Die Werbeausgaben von Ferrero in Deutschland liegen bei 400 Millionen Euro jährlich. Im Werbespot bindet das blonde Töchterchen bei Goldstaub und Klaviermusik vor dem geschmückten Tannenbaum ihrem Golden Retriever eine sternförmige Packung Rocher um den Hals.

Mir wird klar, dass ich beteiligt bin

Jeder nachhaltige Unterricht beginnt mit dem Interesse an der Welt: Mir wird klar, dass ich beteiligt bin, auch ich liebe Süßes. Empfindungen tauchen auf: Die Welt ist nicht gerecht und wir haben damit etwas zu tun.

Der Horizont öffnet sich, neue Fragen tauchen auf, manche werden gestellt, manche bleiben im Hintergrund: Warum verbietet die Türkei nicht die Kinderarbeit? Ist diese Firma schuldig? In welchem Zusammenhang steht meine Konsumentscheidung mit fairen, gerechten wirtschaftlichen Verhältnissen? Wie beeinflusst die Werbung für Süßigkeiten die Gesundheit von Kindern? Wie könnte man durch Umbau der Kostenstruktur im Unternehmen die Pflückerlöhne erhöhen? Wie gestaltet der Erfindergeist die Wirtschaft? Wer sorgt für die Einhaltung der Menschenrechte?

Wir wollen verstehen: »Warum?«

Im erörternden Gespräch geht der Weg von unseren Empfindungen hin zur begrifflichen Anstrengung. Ich will besser verstehen, »warum«? Doch halt, keine vorschnellen, etwa ideologischen Begriffsbildungen, keine zu einfachen Antworten, keine undurchdachten Urteile. Beispielhaft begegnen wir im Unterricht Verhältnissen, die das globalisierte Wirtschaftsleben in großer Zahl bereithält. Welche Einsichten lassen sich daraus gewinnen, worauf kommt es an? Im Hintergrund unserer Erkenntnisbemühungen steht der Entwicklungsgedanke: Die Verhältnisse sind im Fluss und wir selber sind ein Teil der Erzählung, eingebettet in den globalen Zusammenhang der modernen Wirtschaftsverhältnisse, an denen der Konsument, der Handel, die Produzenten, die organisierenden, investierenden Kapitalkräfte beteiligt sind. Der Wirtschaftsvorgang vom Stück umgewandelter Natur über unseren Hunger auf Süßes bis zur Müllentsorgung bildet eine Gesamtheit.

Es gilt, die Begriffe offen zu halten

Ich selber bin ja der Konsument, ohne mich geht es in der Wirtschaft nicht. Vieles ließe sich ändern bei der Wertschöpfungskette der Süßwarenindustrie: Der Einzelhandelspreis, der Werbeanteil und die Pflückerlöhne könnten in ein anderes Verhältnis zueinander gesetzt werden! Elementare Wirtschaftsbegriffe wie Kapital, Arbeitsrecht, Umsatzrendite, effizienter Mitteleinsatz, Konsumentenmacht, Beeinflussung der Kaufentscheidung durch Werbung kommen zur Sprache, doch nicht unter der Maßgabe, sie als fest definierte Begriffe zu »lernen«.

Ausgehend von Phänomenen, ideologiefrei zu unterrichten heißt: Die Begriffe, die sich an solche Realitäten anschließen, beweglich und offen halten, das eigene Denken gegenüber »Arbeit«, »Kapital«, dem Handel, dem Konsumenten und Produzenten wachhalten, zu möglichst differenzierten Begriffen kommen.

Fair Trade ist eine Alternative

Zum Beispiel das Fair-Trade-Unternehmen Contigo aus Göttingen: Kaffeehandel mit einem festen Partner, der Weltmarktpreis bestimmt hier nicht mehr die Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten. Hier ist Kinderarbeit vertraglich ausgeschlossen. Diese Kooperation umfasst eine Krankenversicherung nach deutschem Modell, geregelte Arbeitszeiten, Maßnahmen zum Arbeitsschutz, Bildungsangebote und Ähnliches.

Der Preis für den Rohkaffee wird in direkter Absprache verlässlich und langfristig vereinbart, so dass den Produzenten ein Mehrfaches des branchenüblichen Lohnes gezahlt werden kann. Der Kaffeekonsument setzt sich mit seiner Kaufentscheidung bewusst über Marktgesetze hinweg. Hier werden neben der Profitmaximierung andere Wirtschaftsprinzipien erfahrbar.

Jeder ist mitverantwortlich

Jeder schaut – zunächst – auf sich, geht aus vom Eigennutz, den Adam Smith lehrte. Und dennoch, bei genauem Hin­sehen, müssen wir dabei nicht stehenbleiben. Wirtschaft ist ganz real das »Füreinander-Leisten«. In einer arbeitsteiligen Welt geht es gar nicht anders. Diese Grunderkenntnis kann dabei helfen, die Verbindung zwischen uns als Konsumenten und dem Produzenten zu erspüren. Unser Gerechtigkeitsempfinden, einmal wachgerufen, kann neues Denken und Handeln anstoßen, Ziele des Wirtschaftens können anders gefasst werden, der Handlungswille wird angeregt. Selbstwirksamkeit kann in der Unterrichtsstunde noch nicht erfahren werden. Sie zu spüren, bedeutet hier, uns selbst als verantwortlich Handelnde gegenüber allen an der wirtschaftlichen Wertschöpfung Beteiligten zu begreifen.

So gewinnen wir einen Bezug zur Wirklichkeit und lernen, unserer Mitverantwortung für das Weltgeschehen gerecht zu werden.

Moralische Phantasie als Unterrichtsziel

Wirtschaft kann heißen, nur den eigenen Vorteil ins Auge zu fassen wie Renditeziele, Börsengewinne oder Konsumentenschnäppchen. Wirtschaft kann auch heißen, kreativ in die Verhältnisse einzugreifen und neuen Formen aus einem Bewusstsein des Miteinanders den Weg zu bereiten. Den Bemühungen um einen fruchtbaren Unterricht sollte nicht die eigene Intention fehlen: einen Weg zu zeigen, wie jenseits der Dominanz der Marktkräfte Wege für menschenwürdige wirtschaftliche Verhältnisse in der »moralischen Phantasie« gefunden werden können.

Zum Autor: Jochen Ketels unterrichtet Mathematik und Sozialkunde an der FWS Göttingen

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