Waldorfschule heute braucht Sozialkunde

Von Till Ungefug, Oktober 2016

Wenn die Waldorfschule ihre gesellschaftlichen Gründungsanliegen wieder aufgreifen möchte, so kann ein Ausbau der politischen Bildung einen wesentlichen Beitrag dazu leisten. Damit würde sich zugleich auch eine seit Jahren geäußerte und heute brennend aktuelle Forderung ihrer Schülerinnen und Schüler erfüllen.

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»Wir können Politik nicht als einen kleinen Bereich unserer Gesellschaft betrachten, der zwar auch seine Berechtigung hat, aber nicht das Wesentliche des Lebens ist. Politik bestimmt unser Leben, ob wir es wahr haben wollen oder nicht. Ob es um Bildungswesen und Zentralabitur, um Agrarpolitik und das Erlauben von genmanipuliertem Saatgut oder ganz einfach um Sozialpolitik und Hartz IV geht, immer hat Politik direkten Einfluss auf unser Leben und unsere Freiheiten

(aus: Ist unser Stundenplan noch zeitgemäß? In: NahAufnahme. Schülerzeitung der Waldorfschulen Hannovers, Juni 2010, S. 22)

Am 9. August 1919, wenige Tage vor der Eröffnung der ersten Waldorfschule in Stuttgart, wies Steiner auf drei grundlegende Anliegen der von ihm begründeten Pädagogik hin: »Die große Frage für die Zukunft wird sein: Wie werden wir uns zu benehmen haben gegenüber den Kindern, wenn wir sie so erziehen wollen, dass sie als Erwachsene in das Soziale, das Demokratische, in das Liberale in umfassendstem Sinne hineinwachsen können?« Dieses Zitat zeigt eindrücklich, wie eng Steiners pädagogisches Anliegen in Zusammenhang mit dem politischen Geschehen der Gegenwart und Zukunft stand und wie deutlich er eine politische Bildung im weitesten Sinne des Wortes als Weg zur Entwicklung freiheitlicher Sozial- und Demokratiefähigkeit in seiner Pädagogik verankerte.

Sowohl der Anspruch der Freiheitlichkeit als auch die Aufgabe der sozialen Bildung haben in der Waldorfpädagogik seit jener Zeit immer einen hohen Stellenwert eingenommen und wenn auch in beiden Bereichen noch ein erheblicher Abstand des Erreichten zu der ursprünglichen Intention festzustellen ist, so werden der Waldorfschule in diesen Bereichen sowohl von ihren Absolventen als auch von einer breiteren Öffentlichkeit Erfolge zugesprochen, wie zum Beispiel in der umfassenden Studie »Absolventen von Waldorfschulen« deutlich wird.

»Der Politikunterricht endet mit dem Mittelalter«

Fragt man allerdings ehemalige oder aktuelle Schülerinnen und Schüler der Waldorfschulen sowie deren Eltern nach dem dritten von Steiner angesprochen Bereich, der Demokratiebildung, so wird hier – jedenfalls in der Wahrnehmung der Betroffenen – ein deutlicher Mangel erlebt, wenn als Tenor von Waldorfabsolventen festgehalten wird: »Also der Politikunterricht endete bei uns eigentlich meistens mit dem Mittelalter« oder »über Politik wurde überhaupt nicht geredet, geschweige denn unterrichtet« (Panyr, Barz).

Nun bedeutet Demokratiebildung nicht nur explizite Kenntnisse in Politik, sondern sie ist verbunden mit einer Willens- und Gefühlsbildung, die viel basaler und im Erziehungsprozess viel früher anzulegen ist. Der bewusste Anteil jedoch, der sich in der Waldorfoberstufe entfalten sollte, verbindet sich mit dem Fach »Sozialkunde«.

Vom Schutzraum zur aktiven Gestaltung

Waldorfschulen sind nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil sie einerseits einen »Schutzraum« bieten, innerhalb des rasanten Wandels der Welt einen Ort der Selbstbesinnung schaffen und der Kommerzialisierung aller Lebensbereiche ein Konzept autonomer, Menschenbildung gegenüberstellen. Diesem ersten Ideal, das die Kindheitspädagogik leitet, steht bei Steiner aber besonders für das Jugendalter ab dem 14. Lebensjahr ein zweites, polares Ideal gegenüber: Die Waldorfschule soll die Jugendlichen mit der heutigen sie umgebenden Welt in lebendige Verbindung bringen, Interesse für ihre aktuelle – durchaus unvollkommene – Lage wecken und zur konkreten Handlungsfähigkeit in ihr befähigen. Aus Steiners Sicht ist die Waldorfschule zudem nicht dazu da, ihre eigene Existenz zu behaupten, sondern als ein Agent der Freiheit in die Gesellschaft hinein zu wirken.

Ein solches Bedürfnis nach Weltkontakt verbindet sich bei Schülerinnen und Schülern vielfach mit der Forderung nach der Stärkung politischer Bildung in Waldorfschulen, nach einem Ausbau des Faches Sozialkunde. Dieses Bedürfnis ist mehr als aktuell: Die medialisierte Welt bestürmt uns dauernd mit Events und Katastrophenmeldungen. Unser individuelles und persönliches Beziehungsnetz ist ab dem Jugendalter durch reisende und in fernen Ländern tätige Freunde und Verwandte wie selbstverständlich rund um den ganzen Globus ausgespannt. Menschen aus der ganzen Welt fassen in Notlagen den Entschluss zur Migration. – Da wird es zur direkten Lebensfrage, zu verstehen, was die treibenden Kräfte dieser Gegenwart sind, welches Recht gilt und welches gelten müsste und welche politischen, sozialen und ökonomischen Beziehungen uns mit all dem Gesehenen verbinden. Wir fühlen, dass wir involviert sind, und aus diesem Gefühl entsteht die Ausgangsfrage der politischen Bildung, die Frage nach dem Warum all dieser sozialen Erfahrungen.

Jugendliche brauchen ganz anders als noch vor wenigen Jahrzehnten die Reflexions-, Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten sozialkundlichen Lernens. Eine Schule, die am Puls der Zeit leben möchte, kann dieses Pochen der Welt nicht überhören.

Die dialogische Kultur stärken

Wesentliche Kernanliegen der politischen Bildung sind so nahe verwandt zur Steinerschen Jugendpädagogik, dass sie ureigene Leitbilder der Waldorfschule stärken und mit neuem Leben erfüllen können: Das Wecken von Weltinteresse, die Reflexion der gewordenen Verhältnisse in Kultur und Gesellschaft, das konkrete Herbeiwünschen einer humaneren Welt sowie die damit verbundene Handlungsmotivation und Verantwortungsübernahme.

Politische Bildung sucht im Dialog einen Raum der Beziehung, sie setzt auf die Entwicklungsfähigkeit des Menschen und damit der sozialen Verhältnisse, zeigt sich also grundlegend als prozessorientiert und in Bewegung. Sie ist damit ausgerichtet auf die Ermöglichung von Freiheit für den einzelnen heranwachsenden Menschen. Da sie die Individualität des Du auch im erzieherischen Verhältnis anerkennt, kann sie sich nicht anders als eine Suchbewegung verstehen. So, wie für Joachim Bauer das Moment menschlicher Freiheit, der freie Wille »ein dialogischer, die Wahrheit suchender sozialer Akteur« ist, so kann politische Bildung nur eine Bildung im Dialog sein.

Das bedeutet konkret die Unterschiedlichkeit der Individuen in den Blick zu nehmen, diese anzuerkennen und darauf Rücksicht zu nehmen. Mehr noch: Es bedeutet, andere Kulturen und auch andere Formen des Lebens in einer Welt biologischer, kultureller und geistiger Vielfalt zu suchen. Das dialogische Element ist, zuletzt auch in spirituellem Bezug, eine Suche nach dem Du. Insofern mag man das Plädoyer für politische Bildung an Waldorfschulen auch als Plädoyer für die Stärkung einer Pädagogik im Dialog sehen, im Dialog mit den Heranwachsenden, im Dialog mit der Gesellschaft.

Dies alles fordert eigene Beweglichkeit und macht das Prinzip der Entwicklung zum Kernanliegen, das Eingeständnis selbstverständlicher Unvollkommenheit und den beständigen Wunsch nach Verbesserung. Wir sind noch nicht fertig, wir leben in kontinuierlicher Umgestaltung: als Individuum, als Gestalter einer Schule, als Gesamtgesellschaft, letztlich als Menschheit. Das Feld des Politischen, das zwischen den sich verändernden Individuen aufgespannt ist, stellt ein fragiles, veränderliches und veränderbares Beziehungsgeflecht dar. Damit zeigt sich auch die Demokratie »als stets gefährdetes soziales Experiment. […] Demokratie ist also noch immer ein Zukunftsprojekt« (Himmelmann). Was in diesen Worten als ein Leitbild der Demokratie gefasst wurde, gilt ebenso für den Werdegang einer einzelnen Bildungsinstitution wie auch die Waldorfschulbewegung als Ganzes.

Die Aspekte dieses Bildungsideals haben in sich die Geste der Öffnung: hin zum anderen Menschen, hin zur Lebendigkeit, hin zur Gegenwart. Sie leiten zu einer Pädagogik der Suche.

Rebellen der Zukunft

In der Orientierung lebensgemäßer Ideen auf die geistige Macht eines offenen, unbestimmten Zukünftigen hatte Steiner vor hundert Jahren all seine Aufbruchshoffnung gesetzt. Kurz vor Schulgründung, am 17. August 1919 drückt er das so aus: »Der Lehrer sollte nicht losgelassen werden zu unterrichten und zu erziehen, […] ohne dass er einen Begriff bekommt von dem, wie in unsere Kultur hereinragen Vergangenes und Zukünftiges, römisches Rechtswesen, griechische Geistessubstanz, und der unbestimmte Rebell der Zukunft, der uns rettet.«

Hannah Arendt spricht 1958 in Bremen am Schluss ihres Vortrags »Die Krise der Erziehung« etwas sehr Ähnliches aus: »In der Erziehung entscheidet sich, ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen und sie gleichzeitig vor dem Ruin zu retten, der ohne Erneuerung, ohne die Ankunft von Neuen und Jungen, unaufhaltsam wäre. Und in der Erziehung entscheidet sich auch, ob wir unsere Kinder genug lieben, um ihnen ihre Chance, etwas Neues, von uns nicht Erwartetes zu unternehmen, nicht aus der Hand zu schlagen, sondern sie für ihre Aufgabe der Erneuerung der Welt vorzubereiten.«

Die Stärkung politischer Bildung an Waldorfschulen ist eine Chance, die gesellschaftlichen Impulse der aus politischem Engagement motivierten Gründung der Waldorfschule lebendig zu machen.

Es gilt, neben dem autonom Freiheitlichen und einer tätigen Sozialfähigkeit die dritte Säule von Steiners Konzeption der Waldorfschule aufzurichten: Die zwischen beidem und zwischen den Menschen vermittelnde, auf die Gegenwart hin ausgerichtete politische Bildung. Wir haben aus der Gegenwart unserer globalisierten Welt heraus die Verantwortung, den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen das nötige Rüstzeug mitzugeben, »dass sie als Erwachsene in das Soziale, das Demokratische, in das Liberale in umfassendstem Sinne hineinwachsen können« (Steiner).

Zum Autor: Till Ungefug ist tätig als Oberstufenlehrer an der Waldorfschule in Hannover-Bothfeld (Deutsch, Sozialkunde, Geschichte, Kunstbetrachtung und Theater) sowie Dozent am Lehrerseminar in Kassel (v.a. Sozialkunde), außerdem Mitherausgeber der »Sternkreis«-Liederbücher.

Literatur:

H. Arendt, U. Ludz (Hg.): Zwischen Vergangenheit und Zukunft, München 2000

J. Bauer: Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens. München 2015

G. Himmelmann: Demokratie-Lernen: Was? Warum? Wozu? In: W. v. Edelstein / P. Fauser: »Demokratie lernen & leben«, Berlin 2000

S. Koolmann et al.: Sind sie nicht irgendwie ein wenig anders – diese Waldorfeltern? In: Erziehungskunst 10/2015

S. Panyr, H. Barz: Was ehemalige Waldorfschüler über ihre Schule denken. In: H. Barz / D. Randoll (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung, Wiesbaden 2007

R. Steiner: Die Erziehungsfrage als soziale Frage (GA 296), Dornach 1991

T. Ungefug: Perspektiven der Sozialkunde – Plädoyer für ein unentdecktes Kernfach der Waldorfpädagogik (erscheint Herbst 2016)

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