Widersprüche leben. Sozialkunde in der Oberstufe

Von Till Ungefug, Oktober 2016

Wie gestaltet sich ein fachlich sinnvoller und an den Entwicklungsaufgaben des Jugendalters orientierter Lehrgang der Sozialkunde?

Foto: © Charlotte Fischer

Die Sozialkunde wendet sich an Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Jede Art von Sozialverständnis baut wesentlich auf dem Fundament von sozialem Erleben, sozialem Handeln und eben einem entfalteten Curriculum des Sozialen Lernens auf. Hier punkten die Waldorfschulen nicht nur mit einer Vielzahl an Projekten, Fahrten, Bühnener­fahrungen, Praktika und anderen Wegen gemeinschaft­lichen Handelns, sondern auch in der Gesamtanlage des Unterrichts und Fächerkanons, wie von ihren Absolventen und Teilen der Öffentlichkeit ausdrücklich anerkannt wird.

All diese Aktivitäten leben aber gerade davon, dass das Soziale Lernen in ihnen unbewusst bleibt – sie brauchen die spätere Ergänzung einer betrachtenden Bewusstseinsbildung. Die entscheidenden Grundlagen werden also schon in der Unter- und Mittelstufe gelegt, auf sie kann – und muss aber auch – die Reflexionsübung des Oberstufenfachs Sozialkunde aufbauen.

Dieser Erkenntnis trägt die aktuelle Neuherausgabe des sogenannten »Richter-Lehrplans« erstmals Rechnung, in dem auch das Kapitel zur Sozialkunde neu gefasst ist. Ein voll entwickelter Lehrgang der Sozialkunde in der Waldorfoberstufe könnte wie folgt umrissen werden.

Individualität und Gerechtigkeit

Im 9. Schuljahr stehen die Ideale von Individualität und Gerechtigkeit im Mittelpunkt. Da hier das Ich und die zukunftsbildende Kraft seines Willens besonders im Blick stehen, ist ein methodischer Grundzug und besonderer Schwerpunkt die erfahrungsgesättigte, erlebnishafte Begegnung mit Inhalten und vor allem mit Menschen, die für diese Inhalte einstehen. Dies kann besonders gut durch Exkursionen, Einladungen oder Besuche von Persönlichkeiten gelingen. Die Schüler sollen sich erproben – zum Beispiel durch Praktika – und anschließend das Erlebte reflektieren. Weltinteresse kann so geweckt werden.

Die Sozialkunde möchte Beispiele eines sich realisierenden Idealismus und des Ringens um gesellschaftliche Weiterentwicklung geben, sie miterlebbar und verstehbar machen. Themenbereiche können sein: Medien und Information, die Grundrechte, politische Meinungs- und Entscheidungs­bildung, das Rechtssystem und Schlaglichter des gesellschaftlichen und politischen Wandels, wie zum Beispiel in Biographien und Initiativen idealistisch handelnder Menschen und ihrer Auseinandersetzung mit den Beharrungskräften gesellschaftlicher Vergangenheit und Gegenwart.

Demokratie und Gesellschaft

Im zehnten Schuljahr wenden wir uns den Grundstrukturen der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Lebens­welt zu. Der Blick wird auf die für alle Menschen gleichen Bedingtheiten gelenkt. Dabei geht es um Gesetze und Prinzipien, Rechtsordnungen sowie die materiellen und naturräumlichen Bedingungen alles Wirtschaftens und der daraus entstehenden Grundformen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Zu diesen Bereichen kommen aus der Lebenswelt der Jugendlichen Grundlagenkenntnisse zur Erwerbstätigkeit und Fragen der politischen Mitbestimmung hinzu. An diesen Themen kann sich die Fähigkeit zum Urteil ausbilden und verfeinern.

Gefühlte Überzeugungen erhalten oder verlieren eine sachliche Grundlage. Der innere Ordnungsprozess und das Finden und Begründen von Wertmaßstäben werden gefördert. Zentral ist die Erkenntnis, dass Kultur und Zivilisation in von den Menschen geschaffenen Strukturen besteht, die alle oberflächlich sichtbaren Entwicklungen prägen und bestimmen.

Als Themenfelder bieten sich hier an: Rechtsordnung und Gewaltententeilung, das Wahlsystem und politische Parti­zipation sowie als Kontrapunkt alternative Gesellschafts­entwürfe wie Konzepte von direkter Demokratie, Komple- mentärwährungen, Fragen eines Grundeinkommens oder der Kreislaufwirtschaft (etwa »cradle to cradle«).

Das führt hinüber zu Grundbegriffen des Wirtschaftens wie Warenkette, Arbeitsteilung und Infrastruktur, Marktmechanismen, Preisbildung aus Angebot und Nachfrage oder Agrar-, Industrie-, Dienstleistungsgesellschaft. Grundlagen zum Arbeitsrecht (Lehrvertrag, Kündigungsschutz) können hinzukommen.

Menschenwürde und Solidarität

In der 11. Klasse stehen Fragen der Humanität, einer weltumspannenden Solidarität, die Würde des Menschen sowie die Kernpunkte des sozialen Geschehens im Zentrum. Der Unterricht legt nun einen Schwerpunkt auf das dialektisch erörternde Denken und Gespräch, das individuelle Differenzierungen, Variablen und alternative Denkkonzepte systematisch vergleichend einbezieht. Stärker als bisher treten ab jetzt die seelischen Tiefenschichten aller sozialen Verhältnisse in den Blick. Die erst jetzt authentisch und differenziert greifbare Frage nach dem »Du« lässt sich – ohne dass sie explizit präsent sein muss – anhand einer Vielzahl von Themen reflektieren, durchfühlen und durcharbeiten. Darauf kann das Empfinden für die Würde des Menschen und ihre Realisierung in jeder Form der zwischenmenschlichen Beziehung aufbauen, sowohl im unmittelbaren Umfeld wie im weltweiten Bezug des »globalen Dorfs«. Anregend sind dafür alle Formen von Perspektivwechseln und des künstlerisch-spielerischen Einfühlens in andere Rollen oder eigenständige Versuche der Moderation von Gesprächen und Spielen durch die Lernenden. Das rechte Maß der Dinge zu finden, auf das Besondere des Gegenübers ausgerichtet zu differenzieren, kann zur prägenden Qualität des Lernweges in diesem Jahr werden.

Als Themen bieten sich an: Menschenwürde und Güterabwägungen, Annäherungen an die politische Theorie, sozialer Wandel in den vielfältigen Facetten der Gesellschaft und dazu alle Fragen der Wirtschaft im weltweiten Bezug, was auch die Kräfte der Zivilgesellschaft und Befreiungsbewegungen sowie Unrecht und Erniedrigung als Nährböden von Konflikten und Gewaltbereitschaft einschließt. Den Hoffnungsbildern einer gelingenden Sozialbeziehung steht damit das medial sehr präsente Scheitern dieser Beziehung gegenüber.

Das international allgegenwärtige Schlagwort des Terrorismus bedarf in diesem Sinne einer differenzierenden Reflexion, die zum Beispiel die Perspektivik der Begriffsbildung oder Motive und Erscheinungsformen im Wandel der Zeit, massen- und medienpsychologische Faktoren von Angst und Gewalt in den Blick nimmt.

Reflexion und Überblick

Das 12. Schuljahr wagt dann die Überschau. Es ist hier der Anspruch des Unterrichts, vielfältig und vielschichtig Zusammenhänge sowohl in den fachlich-thematischen Schwer-

punkten als auch zwischen den unterschiedlichen Fähigkeiten der jungen Menschen in Kognition, Empathie und Gestaltungskraft anzusprechen und zu fördern. In der Sozialkunde sind die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur, zwischen Ich, Mitmensch und Umwelt Leitlinie und Übungsfeld für die Ausbildung eines reflexiv-überblickenden Urteilsvermögens, das nun in vollem Maß mit der Komplexität und Relativität menschlicher Daseinsbedingungen und unserer Erkenntnisse darüber konfrontiert werden kann. Die jungen Erwachsenen sollen in die Lage kommen, in konstruktiver Weise auch mit den Widersprüchen unseres Daseins auf der Erde zu leben.

Eine Sozialkunde für Volljährige sollte dafür Perspektiven und Instrumente erschließen. Dabei ist es eine besondere Herausforderung, dass von der ganzen Unterrichtsanlage her das Empfinden oder die Initiative nicht von der Kognition an den Rand gedrängt werden. Beiträge zu einem ganzheitlichen Ansatz können auch Plan- und Rollenspiele unter Einbezug von Handlungsstrategien sein – wie sie ethische Fragen nahelegen. Solche Erfahrungen bieten den Lernenden durch Hineinarbeiten in eine vorgezeichnete Perspektive die Möglichkeit, diese oft als abstrakt erlebten Zusammenhänge in ihren lebensvollen Aspekten und zwischenmenschlichen Beziehungen zu erfahren und zu reflektieren.

Von dieser Grundlage aus sind alle Themenfelder nahe­liegend, welche die Welt als ein Ganzes ins Bewusstsein rücken, also die internationale Politik, das Entstehen einer globalisierten Welt aus den Wechselwirkungen von Wirtschaft, Politik und Kultur, wobei nicht zuletzt das internationale Finanzwesen (auch: Kapital als Handlungsmacht, Psychologie des Geldes oder alternative Geldtheorien) zu betrachten ist.

Für die Abiturvorbereitung wird sich der Sozialkunde-Unterricht auf die Anforderungen staatlicher Prüfungsordnungen und Kerncurricula ausrichten.

Zum Autor: Till Ungefug ist Oberstufenlehrer an der Waldorfschule in Hannover-Bothfeld (Deutsch, Sozialkunde, Geschichte, Kunstbetrachtung und Theater) sowie Dozent am Lehrerseminar in Kassel (v.a. Sozialkunde), außerdem Mitherausgeber der »Sternkreis«-Liederbücher.

Die Grundlage des vorliegenden Beitrags entstand in der Zusammenarbeit mit M. Michael Zech und einer Arbeitsgruppe weiterer Fachkollegen. Ausführliche Darstellungen finden sich in: T. Ungefug, M. Zech: Sozialkunde. In: Richter, Tobias (u.a.): Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule, Neuausgabe 2016. | T. Ungefug: Perspektiven der Sozialkunde – Plädoyer für ein unentdecktes Kernfach der Waldorfpädagogik (erscheint Herbst 2016)

Hinweis: Eine ausführliche Herleitung des Autors, warum Sozialkunde notwendig und aus dem Lehrplan nicht wegzudenken ist, finden Sie hier: »Waldorfschule heute braucht Sozialkunde«.

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