Zirkeltraining. Pennäler prüfen Politiker

Von Armin Heiderich, Oktober 2016

Der Politik-Lehrer kann sich durchaus in einem Dilemma sehen: Politik umfasst weitaus mehr als das, was Politiker reden und tun. Im Politikunterricht gibt es wichtigere und spannendere Themen zu besprechen, als die Verlautbarungen von Merkel u. Co., die wir in den Nachrichten hören und lesen können. Andererseits kommen wir aber um die Parteien nicht herum. Wir müssen den Schülern auf der einen Seite zeigen, wie sie durch ihr ganz alltägliches Verhalten Politik machen und wie sie selber den Gang der Welt beeinflussen können, und wir müssen sie auf der anderen Seite auch mit den Parteien bekannt machen, mit den Politikern und den politischen Institutionen.

Foto: © Saimen./photocase.de

»Wir müssen uns davon verabschieden, … dass Politiker die Welt retten können. Politiker sind Sklaven ihres Systems, sie können gar nicht mehr frei umsetzen, bleiben in Sachzwängen gefangen und reagieren unter Druck. Sie können nicht mehr agieren und inspirieren. Jeder einzelne muss die Verantwortung des Tuns übernehmen.«

Helmy Abouleish, Geschäftsführer der ägyptischen SEKEM-Initiative

»In der modernen Massendemokratie kann der Bürger den politischen Entscheidungsprozess auf sich allein gestellt kaum beeinflussen. Politische Beteiligung vollzieht sich in erster Linie über die Mitarbeit in Parteien. Sie wirken zwar nicht allein an der politischen Willensbildung mit, bestimmen aber das politische Leben in einem Maße, dass das politische System der Bundesrepublik Deutschland als Parteienstaat oder Parteiendemokratie bezeichnet wird.«

Horst Pötzsch

Auf Tuchfühlung mit der Politik

Nehmen wir also folgende Situation: Eine Landtagswahl steht an und das Landesparlament hat vor einigen Jahren beschlossen, das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen. Die Schüler in der 10. und 11. Klasse sind also Erstwähler. Der Lehrer möchte sie mit der Parteienlandschaft und den örtlichen Kandidaten bekannt machen. Bei einer Podiumsdiskussion, zu der man je einen Politiker der großen Parteien einlädt, bleiben die Schüler in der Regel Zuhörer und nur die Interessiertesten stellen selber Fragen. Außerdem kommen die Politiker nur in einem Bruchteil der Zeit zu Wort. Und dann sind sie es oft – leider – gewohnt, zunächst zu kritisieren, was die Vorredner gesagt haben und – wenn es ganz schlecht läuft – sie persönlich zu attackieren.

Alternativ dazu können Politiker einzeln eingeladen werden. In Zeiten des Wahlkampfes – bei mittlerweile mehr als den früheren vier Standardparteien CDU, SPD, Grüne und FDP – dauert es mehrere Wochen, bis die Schüler so die Parteien und Kandidaten kennengelernt haben, und das Verfahren ermüdet.

An der Schule in Hamburg-Bergedorf sind wir einen dritten Weg gegangen: In der 10. und 11. Klasse bereiteten sich die Schüler in Kleingruppen von fünf bis sechs Schülern auf selbst gewählte, weiter oder enger gefasste Themen vor: Energiepolitik, Massentierhaltung, Einsatz der Bundeswehr im Ausland. Eingeladen wurden zum gleichen Termin je zwei Vertreter der Parteien CDU, SPD, Die Grünen, FDP und Die Linke: die Kandidaten aus dem Wahlkreis, in dem die Schule liegt, und ein möglichst junges Parteimitglied – letzteres mit dem Gedanken, den Schülern zu zeigen, dass es auch engagierte Parteimitglieder gibt, die nicht wesentlich älter sind als sie selbst.

In der Turnhalle wurden fünf Parteienstationen (je ein Tisch und acht Stühle) und fünf Zwischenstationen mit je sechs Stühlen aufgebaut. Zu Beginn der Veranstaltung nahm jede Gruppe eine der zehn Stationen ein. Nach jeweils zehn Minuten rückten die Gruppen im Zirkel eine Station vor. An den Parteienstationen wurde jeweils angeregt über das von der Gruppe vorbereitete Thema gesprochen. An den Zwischenstationen hatten die Schüler Gelegenheit, das Gehörte nachzubesprechen und sich Notizen zu machen. In knapp zwei Stunden konnte auf diesem Weg jeder der knapp 60 Schüler mit den Kandidaten der fünf Parteien über sein Thema ins Gespräch kommen und sich ein Urteil bilden. Die beiden Politiker einer Partei konnten sich beim Reden zwar abwechseln, besonders die Kandidaten waren jedoch fast zwei Stunden lang sehr gefordert.

Am Ende wurde diese Veranstaltung von beiden Seiten, sowohl von den Schülern als auch von den Politikern, als sehr intensiv beschrieben und als ein Format, das durchaus wiederholt werden sollte.

Eine schriftliche Verarbeitung der Veranstaltung schloss sich an. Zum einen fasste jede Gruppe als Ganzes die Statements der Politiker zu ihrem Thema knapp zusammen. Zum anderen formulierte jeder Schüler allein sein persönliches Fazit: Welcher Kandidat hat mich im Hinblick auf mein Thema am meisten überzeugt?

In einer anschließenden Unterrichtseinheit gründeten die Schüler – wiederum in Kleingruppen – eine fiktive Partei und schrieben ein mehrere Punkte umfassendes Programm. Es war interessant zu sehen, welche Ziele hierbei von den Schülern formuliert wurden.

Zum Autor: Armin Heiderich ist Deutsch-, Geschichts- und Sozialkundelehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Bergedorf

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.