Angstlerner

Von Henning Kullak-Ublick, März 2017

Im Bildungswesen regiert die Angst: Wo stehen wir im Ranking um Effizienz, Leistung, Vergleichbarkeit, international und bundesweit? Und neuerdings: Verpassen unsere Kinder den Anschluss an das digitale Zeitalter?

Ab wann können-sollen-müssen sie in die Computerwelt integriert werden? Mit 14, 7 – oder lieber schon im Kinderwagen? Wann werden Effizienz, Leistung und Vergleichbarkeit veranlagt und ab wann landet man nur noch auf den hinteren Rängen? Schwierige Fragen, in der Tat! Vielleicht werden sie aber auch einfach grundlegend falsch gestellt? Was, wenn die nach dem »PISA-Schock« geradezu panisch installierten Bildungsstandards das Wesentliche völlig übersehen?

Franz Glaw hat in seiner Stellungnahme im Namen der Waldorfschulen zu dem kürzlich vorgelegten »Digitalpakt« der Bundesregierung den herrlichen Vorschlag gemacht, man solle ihn doch um einen »Analogpakt« ergänzen (nicht ersetzen), also die Voraussetzungen dafür schaffen, dass alle Kinder und Heranwachsenden mit ihren Händen, Füßen und Sinnen den Weg vom Vorstellen zum Handeln und wieder zurück zu einem auf eigener Erfahrung basierenden Verstehen üben können, durch handwerkliche, künstlerische oder andere kreativ willensbildende Aktivitäten. Nachdem immer deutlicher wird, dass unsere mehr oder weniger flächendeckend vor Bildschirmen aufgewachsene Generation besonders anfällig für »alternative Fakten« zu sein scheint, wird es allerhöchste Zeit, dass die Kinder von heute ihre Sinne, ihre Phantasie, ihre Empathiefähigkeit und ihre geistige Beweglichkeit wieder – oder endlich – sicher zu gebrauchen lernen, damit sie inmitten unserer von immer raffinierteren Algorithmen geprägten Welt als individuell fühlende und denkende Menschen urteilen und handeln können.

Das Rennen um Effizienz, Leistung und Vergleichbarkeit geht komplett an den eigentlichen päda­gogischen Fragen unserer Zeit vorbei. Letztlich basiert es auf einem Menschenbild, das glaubt, der Mensch sei nur ein weiterer Produktionsfaktor, den man analog zur technischen Entwicklung optimieren müsse, damit er nicht den Anschluss verliert. Es ist dieses Denken, das immer mehr Menschen in dem Gefühl leben lässt, inmitten all der grandiosen Erfindungen unserer Zeit überflüssig und abgehängt zu sein. Effizienz, Leistung, Vergleichbarkeit und Optimierung sind industrielle Kategorien und gehören dort auch hin.

Für den Menschen reichen sie nicht aus, sonst wären Massenvernichtungswaffen und exzessive Börsengewinne besonders gelungene Beispiele guter Bildung. Es kommt darauf an, dass unsere Kinder die Erfahrung machen und diese dann auch denken können, dass jeder Mensch einzigartig ist, dass Lernen uns mit unserer unglaublich wunderbaren und schönen Welt und allen Menschen, die auf ihr leben, verbindet, dass diese Welt viel größer ist als wir und doch die Aufmerksamkeit eines jeden von uns benötigt und, dass das Lernen niemals aufhören kann. Angst ist auch in der Schule der schlechteste Ratgeber, ganz im Gegensatz zur Liebe.

Siehe: Waldorfschulen fordern Analog-Pakt

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100

Kommentare

Kai Eggert, 02.03.17 09:03

Was sind die Bildungsziele?

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