Auf jeden kommt es an

Von Henning Kullak-Ublick, Februar 2017

2017 wird in Europa gewählt und nicht alle haben Angst davor.

Wenn die Bürger im Saarland, in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Frankreich und Norwegen ihre Stimmen abgeben, wird sich allerdings jedes Mal noch drängender die Frage stellen, warum das mit dem »Abgeben« der Stimme nicht mehr funktioniert. Warum fühlen sich so viele Menschen abgehängt, ausgegrenzt, ohnmächtig gegenüber den treibenden Kräften unserer Gesellschaft? Was kann ihnen ihre Stimme zurückgeben, um das Feld nicht jenen zu überlassen, die ihre bittere Suppe auf dem Feuer dieser Ohnmachtsgefühle kochen? Nur: Wer sind denn »die«, denen ihre Stimme zurückgegeben werden muss – und von wem denn überhaupt?

Der Erfolg der Populisten beruht zum großen Teil darauf, dass sie ihre Finger in die offenen Wunden legen, welche die Demokratiedefizite der EU, der alles dem Profit unterwerfende Neoliberalismus und ein ausgrenzendes Schulwesen in unserer Gesellschaft schwären lassen. Dass es uns in Deutschland dabei vergleichsweise sehr gut geht, ändert nichts an dem Gefühl einer wachsenden Zahl von Menschen, nicht mehr gefragt zu sein.

1917, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, initiierte Rudolf Steiner eine politische Bewegung, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als zentrale Ordnungsprinzipien moderner Gesellschaften erschloss: Das Geistes- und Kulturleben bedarf der Freiheit, der demokratische Rechtsstaat basiert auf dem Gleichheitsgrundsatz und das arbeitsteilige Wirtschaftsleben bedarf der assoziativen Zusammenarbeit, was konsequent gedacht früher oder später zu einem glo­balen Begriff der Brüderlichkeit führt.

Obwohl die politische Bewegung damals scheiterte, beziehen sich drei bedeutende zivilgesellschaftliche Bewegungen der Gegenwart auf exakt diese Prinzipien und stellen zusammen einen radikalen Gegenentwurf zu den brandgefährlichen nationalistischen Strömungen von 2017 dar:

Die Ergänzung der repräsentativen Demokratie durch direktdemokratische Volksabstimmungen räumt den Bürgern, also dem Souverän, auch zwischen den Wahlen ein Mitspracherecht ein – Partizipation ist die moderne Form der Gleichheit.

Ein Grundeinkommen für alle gibt der Arbeit ihre Würde wieder, weil sie sie aus Abhängigkeitsverhältnissen löst und zugleich das unproduktive, demütigende Hartz-IV-System abschafft. Assoziative Zusammenarbeit ist die moderne Form der Brüderlichkeit.

Die Freiheit des Menschen und der Gesellschaft braucht als Basis ein Schulwesen, das selbst den Geist der Freiheit atmet. Bildung braucht Vielfalt und freie Zugänglichkeit statt staatliche Regulierung oder wirtschaft­liche Vereinnahmung. Freie Schulen sind die Grundlage einer mündigen Gesellschaft.

Wenn wir den Populisten etwas entgegensetzen wollen, müssen wir unsere Gesellschaft so weiter­entwickeln, dass jeder einzelne Mensch zählt und das auch merkt. Was wir heute brauchen ist nicht weniger, sondern mehr Demokratie, nicht weniger, sondern mehr Solidarität und nicht weniger, sondern mehr Freiheit. »Die« sind nämlich wir.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis.

Kommentare

jochen , 07.02.17 14:02

. . . . und nicht alle haben Angst davor
Ich finde das nicht, zudem Überschrift, ja in Form der Aufforderung und Einleitung kaum im Artikel wieder.

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 14.02.17 11:02

Ergänzungen welcome ☺

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