Berge versetzen

Von Henning Kullak-Ublick, April 2017

»Diese Klasse kann man überhaupt nicht unterrichten!« Mit diesen aufmunternden Worten übergab mir eine Kollegin die Namensliste meiner neuen Erstklässler, als ich zum letzten Mal eine Klasse übernahm.

Genau diese Kinder erstaunten mich dann acht Jahre lang durch die Intensität, mit der sie sich immer wieder neu mit der Welt auseinandersetzten. Wurde ich nach ihnen gefragt, fiel mir oft nichts Besseres als die Feststellung ein: »Die versetzen sowieso jeden Tag einen Berg – meine Aufgabe ist nur, dafür sorgen, dass sie ihn in die richtige Richtung versetzen.« Jana war mir als besonders problematisch angekündigt worden, weil sie im Kindergarten auf jede kleinste Abweichung von der Routine mit Angst, oft verbunden mit lautem Weinen, reagierte. Mit umso größerer Bewunderung bemerkte ich aber bald, mit welchem Heldenmut sie sich den vielen Aufgaben stellte, die für sie oft zunächst unüberwindbar schienen. Über diesen Mut möchte ich hier schreiben.

Als Rudolf Steiner am 21. August 1919 seinen ersten Vortrag für das zukünftige Kollegium der Waldorfschule hielt, sprach er einleitend von den Aufgaben der Erziehung in unserer Zeit. In einem nur mündlich überlieferten Abschnitt berührte er die Frage, wie das Kollegium den Mut aufbringen könne, um in der Erziehung wirklich zu tun, was die Zeit erfordert. War er seit 1917 dafür eingetreten, das Schulwesen in eine von politischen, ökonomischen oder weltanschaulichen Einflussnahmen unabhängige Selbstverwaltung zu überführen, ging er jetzt auf die innere Substanz dieser Freiheit ein.

Dabei entwickelte er eine Schulführungsidee, die heute noch revolutionär ist, weil sie die vollständige Verantwortung für das pädagogische Handeln in die Hand jedes einzelnen Lehrers legte. Dabei erwartete Steiner allerdings eine so intensive anthropologische, entwicklungspsychologische und anthroposophische Forschungsarbeit, verbunden mit einem so tiefgehenden Interesse an den Schülern durch die Lehrerinnen und Lehrer, dass sie daraus eine Erziehungskunst entwickeln würden, die keinem vorgegebenen Programm mehr folgen muss, sondern den tatsächlichen Entwicklungsbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler folgen kann: Schulleitung als Begegnung am Wesentlichen, als Forschung, als Wahrnehmung und als Quell neuer Ideen – und für den Mut, auch gegen den Strom zu schwimmen, wenn das den Schülern dient.

Heute wird Schule zunehmend von der Angst getrieben, irgendwelche Ziele zu verfehlen, die nichts mit dem Leben, aber sehr viel mit der Vergabe von Chancen zu tun haben. Das Ergebnis sind Standards, Erhebungen, »Teaching for the test« und die panische Angst, den technologischen Fortschritt zu verpassen, wovon man sich auf der Bildungsmesse »Didacta« kürzlich wieder ein umfassendes Bild machen konnte.

Wenn wir mit Jana mithalten wollen, brauchen wir mehr Heldenmut, in unseren Kollegien, aber auch im »Bund der Freien Waldorfschulen«, der nicht bloß als Interessenvertretung, sondern vor allem als Bund von freien Schulen gegründet wurde. Damit wir uns im Austausch weiterent­wickeln. Und Berge versetzen.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis

Kommentare

Natalie Antkowiak, 04.04.17 17:04

Toller Artikel!

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