Menschen-Orte

Von Henning Kullak-Ublick, März 2015

»Wir sind im Krieg geboren und werden wahrscheinlich auch im Krieg sterben« – ein Satz, der mich begleitet, seit ich ihn im November 2014 von einer Waldorfschülerin im israelischen Kibbuz Harduf gehört habe.

Das Gespräch fand anlässlich einer Tagung der »Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis« mit Elftklässlern der ältesten der 18 israelischen Waldorfschulen statt. Wie alle israelischen Schüler wussten sie, dass sie bald zum Militärdienst eingezogen würden, der sich unmittelbar an die Schulzeit anschließt. Von den gleichen Schülern sahen wir am Vormittag eine fröhliche Monatsfeier, am Abend eine zauberhafte eurythmische Inszenierung von Tschaikowskys Nussknacker-Suite. Vorher hatten die Teilnehmer der Internationalen Konferenz, die jährlich zweimal aus dreißig Ländern der ganzen Welt zusammentreffen, um an grundlegenden Zeitfragen und den daraus erwachsenden globalen pädagogischen Herausforderungen zu arbeiten, verschiedene Waldorfschulen und Kindergärten in Jerusalem, Tel Aviv und im Norden Israels besucht. Auffallend war, wie wunderbar kindlich und unbefangen sich die jüngeren Schüler benahmen, während wir Besucher zutiefst ergriffen waren von der Intensität dieses Landes, in welchem nicht nur seine vieltausendjährige Geschichte, sondern existenzielle religiöse, soziale und politische Gegensätze auf kleinstem Raum allgegenwärtig sind.

Diese Aktualität entstaubte den Blick auf die Mission der Waldorfschulen. Worum geht es in einer Zeit, die von wachsenden religiösen und politischen Fanatismen geprägt ist, in der immer weitere Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens ökonomisiert werden und in der die Kindheit zweckgebunden instrumentalisiert wird? – Darauf müssen Waldorfschulen Antworten geben. Sie müssen zu Orten werden, an denen

• Widerstand gegen jede Vereinnahmung der Menschlichkeit geleistet wird;

• der Mechanisierung des Lebens ein lebendiges Denken entgegengesetzt wird;

• die Begegnung von Mensch zu Mensch Gemeinschaften begründet, in denen das Individuelle individueller werden darf;

• man niemandem gegenüber verantwortlich ist als der geistigen und seelischen Entwicklung jedes einzelnen Kindes;

• Erwachsene und Kinder an und voneinander lernen, weil sie mit der geistigen Wirklichkeit jedes einzelnen Menschen rechnen;

• Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zur gelebten Erfahrung werden;

• man sich als Teil eines globalen Impulses versteht, der sich um die gemeinsamen Aufgaben der Menschheit kümmert.

Unser Gespräch mit den israelischen Elftklässlern führte uns gegen Ende zu den komplizierten Beziehungen der Bevölkerungsgruppen ihres Landes. Dabei flossen vereinzelt auch Tränen, aber in einem Punkt waren sich alle einig: »Das Wichtigste, was wir an dieser Schule für unser Leben gelernt haben, ist, dass wir in jedem Menschen den Menschen sehen, ganz gleich, ob er Jude, Moslem oder Druse ist.«

Henning Kullak-Ublick, von 1984-2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis.

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