Sternstunden

Von Henning Kullak-Ublick, Dezember 2016

Im Leben einer Klasse gibt es manchmal heilige Momente. Man kann sie nicht herbeizitieren, planen oder gar festhalten, aber man kann ihnen die Tür offenhalten und darauf achten, dass sie nicht unbemerkt vorüberziehen.

Was macht diese heiligen Momente aus? In solchen Augen­­blicken begegnen sich alle, Schüler wie Lehrer, in einem inneren Bild, einer Wahrnehmung, einem neuen Gedanken oder einer Idee. In dem von allen gemeinsam gebildeten, wachen Innenraum wächst jeder einzelne über sich hinaus und erlebt seine tiefe Verbundenheit mit der Welt. Eine solche Erkenntnisgemeinschaft nährt sich vom Staunen, lange bevor daraus ein Urteil wird.

Was in der Geborgenheit einer Klasse und in Sternstunden gelingt, kann eine ganze Schulgemeinschaft durchziehen, wenn sie ab und zu klassenübergreifende Feierstunden schafft, in denen die Blicke aller, ob groß oder klein, durch die Kunst, wichtige Ideen oder sinnvolle Aktionen auf das Menschliche, das uns über alle politischen, sozialen, ethnischen oder biografischen Grenzen hinweg verbindet, gerichtet werden.

Wenn man den Kreis noch weiter zieht, wird schnell klar, dass es immer die großen Bilder, die großen Ziele und Erzählungen sind, die uns Menschen Barrieren überwinden lassen. Nicht aus dem, was wir schon sind, sondern aus dem, was wir uns vornehmen, entstehen Gemeinschaften, entsteht Neues, entsteht Frieden, entsteht der Respekt vor dem ganz anderen.

Im Gegensatz zum dumpfen Kollektiv, das seine Kraft aus der Gleichschaltung bezieht und alles Individuelle oder Fremde ausschließt, entsteht Gemeinschaft erst durch die Bedeutung, die ihr jedes einzelne Mitglied mit seinen Gedanken, Gefühlen und Impulsen gibt. »Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft«, schrieb Rudolf Steiner.

Die Weihnachtszeit ist eine gute Zeit, darüber wieder einmal nachzusinnen. Selbst wenn man kein Christ ist, ist die Erzählung jenes Kindes, das bitterarm und ohne jede materielle Sicherheit zwischen »Ochs und Esulein« zur Welt kommt, wahr: Jeder von uns trägt dieses Kind in sich. Ob es uns erlösen kann oder dem Kindsmord zum Opfer fällt, liegt ganz allein in unserer Hand. Die Weihnachtsgeschichte ist eine der ganz großen Erzählungen der Menschheit, weil sie in ihrer unmittelbar das Herz berührenden Spiritualität so einfach wie unauslotbar tief ist.

Angesichts der neuzeitlichen Demagogen, die ihre Faszination aus Angst schürenden Negativbildern beziehen, kommt mir das Taufgeschenk, das an der Wiege der Waldorfpädagogik stand, in den Sinn: der Blick auf den sich entwickelnden Menschen, immer konkret, immer einzigartig und immer wieder neu. Aus diesem Impuls ist eine weltweit wirksame Pädagogik geworden, die die Freiheit zum Ausgangspunkt und Ziel allen pädagogischen Handelns hat.

Menschlichkeit kann man nicht herbeizwingen, aber man kann ihr die Türe offenhalten. Wenn nicht mehr die Angst, sondern der Blick auf den Menschen selbst unser Handeln bestimmt, sind wir Hirten und Könige zugleich. Weltweit.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf  Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis.

Kommentare

Cornelius Lasch, Frankfurt am Main, 12.12.16 11:12

Lieber Herr Kullak-Ublick,
vielen Dank für diese nachdenklich machend und aufmunternd wirkende Betrachtung zur Weihnacht!
Ich lese gerade Harald Welzers "Selbst Denken" - da passt Ihr Text genau dazu: Es sind diese grossen Geschichten der Menschheit vom "Wie es einmal gewesen sein wird", die wir zur Gestaltung unserer Zukunft brauchen!
Herzliche Grüße und frohe Weihnachten!

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