Unterstützer gesucht

Von Henning Kullak-Ublick, Juli 2017

Vor zwei Jahren warnte ich die Waldorfschulen mit einem Brief davor, Verschwörungstheoretikern eine Plattform zu geben. Der Brief verbreitete sich viral, die Reaktionen reichten, sieht man von ein paar differenzierteren Zuschriften ab, von der »Wahrheit zu 9/11« über »deep government«-Phantasien und der Entlarvung der »Mainstream-Medien« bis zu allerlei nicht Zitierfähigem.

Damals kam mir das alles äußerst skurril vor – und heute? ...  sind »Fake News« und das Misstrauen gegen den »Mainstream« in Presse, Wissenschaft und Politik europaweit zur Normalität geworden, der Pfeil zeigt klar nach rechts. Wir freuen uns inzwischen über die knappe Mehrheit, mit der sich die Franzosen bei ihrer Präsidentschaftswahl für Emmanuel Macron und gegen Marine le Pen entschieden haben, aber die AfD, Trump, Erdogan, Orban, Kaczynski, Wilders und wie sie alle heißen, sitzen durch Wahlen legitimiert in Parlamenten und Regierungen. So gerne ich mich in der Sicherheit wiegen würde, dass an unseren Waldorfschulen ja alles ganz anders und unsere freiheitlich-demokratisch-sozial-ökologisch-internationalistisch-aufgeklärte Waldorf-Welt noch in Ordnung ist – ich kann es nicht: Wir stehen mitten in unserer Zeit, einschließlich der Zunahme von völkischen, rassistischen oder anderen Formen des Rechtsextremismus in der Gesellschaft. Rechtsextremistische Vorkommnisse sind an Waldorfschulen zwar äußerst seltene Ausnahmen, aber wir können nicht so tun, als gäbe es sie nicht. In der 2007 verabschiedeten »Stuttgarter Erklärung« des Bundes der Freien Waldorfschulen heißt es unter anderem: »Weder in der Praxis der Schulen noch in der Lehrerausbildung werden rassistische oder diskriminierende Tendenzen geduldet. Die Freien Waldorfschulen verwahren sich ausdrücklich gegen jede rassistische oder nationalistische Vereinnahmung ihrer Pädagogik und von Rudolf Steiners Werk.«

Zwei Jahre, nachdem die Flüchtlingswelle uns kalt erwischt hat und in der Folge der für Europa schon immer verheerende Nationalismus neu entfacht wurde, reicht das »Verwahren« gegen rassistische Vereinnahmung nicht mehr aus – wir müssen uns aktiv positionieren. Die Reflexion unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses gehört an jeder Schule auf die Tagesordnung, genauso wie ein qualifizierter Gesellschafts- und Wirtschaftskundeunterricht, der die Schülerinnen und Schüler befähigt, auf der Basis solider Kenntnisse selbstständige Urteile zu bilden. Deshalb ist es unterstützenswert, dass die Schülerinnen und Schüler mehrerer Waldorfschulen für ihre von der Abschiebung bedrohten geflüchteten Klassenkameraden auf die Straße gehen und fordern, dass sie ihre Schulzeit hier abschließen können, so traurig der Anlass dafür ist.

Der Bund der Freien Waldorfschulen hat sich den Forderungen der Schüler angeschlossen und fordert in einer Petition, dass der Abschluss einer begonnenen allgemeinbildenden Schulausbildung als dringender persönlicher Grund für eine Duldung in das Aufenthaltsgesetz übernommen wird, wie das für qualifizierte Berufsausbildungen bereits der Fall ist. Unterstützen Sie die Petition! Wir brauchen diese jungen Menschen nicht weniger, als sie uns brauchen.

Link: www.openpetition.de/petition/online/sichere-aufenthaltserlaubnis-fuer-fluechtlinge-waehrend-der-schulzeit

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis

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