Temperamente im Klassenzimmer – ein Praxisbericht

Von Martin Schnabel, Juli 2011

Wie man im täglichen Unterricht mit den Temperamenten umgeht, schildert der langjährige Klassenlehrer Martin Schnabel von der Michael Bauer Schule in Stuttgart.

Ein Temperament zu erkennen, ist nicht immer einfach

So. Welches Mäntelchen ziehe ich denn heute an? Das cholerische? Oder doch besser das melancholische? Braucht die Klasse das phlegmatische oder eher das sanguinische?

Morgens, vor dem Unterricht, spürt man, so wie die Krankenschwester den Puls fühlt, den »Stimmungspuls« der Klasse: eine gelangweilte, müde, träge Ruhe? Ein Durcheinanderschwatzen, in dem fast nur geredet, und kaum zugehört wird? Prügeln sich die Jungs schon vor dem ersten Läuten? Dann sagt man sich als Lehrer: Nein, doch lieber jenes Mäntelchen anziehen.

Für mich dauert der rhythmische Teil nicht so lange, bis die Kinder müde und ausgelaugt sind, er dient nur zum Sammeln, Konzentrieren und dazu, dass die Klasse »ein Ganzes wird«. Entweder überwiegt das unbewusste Wiederholen, um die Gefühlswelt zu harmonisieren (Morgenspruch, gleichmäßiger Ablauf), oder ich lege den Schwerpunkt  auf das bewusste Wiederholen (Abbrechen des Gedichtes, mehrmals einige Zeilen üben, einzeln sprechen lassen). Dabei lässt sich wunderbar mit den Temperamenten spielen. Jedes darf zur Geltung kommen, und man spürt, was an diesem Tag überwiegen muss.

Dann beginnt der eigentliche Hauptunterricht: Dreigeteilt! Es ist jetzt gegen halb Neun. Zuerst kommt der Denkteil, mit der Wiederholung und den neuen Inhalten der Epoche. Gegen Neun folgt der Teil, der den Willen anspricht, vielleicht das Schreiben im Epochenheft. In der letzten Viertelstunde liegt der Schwerpunkt auf dem Fühlen. Übrigens muss das nicht durch eine Geschichte geschehen. Es könnte auch im Rechnen die Frage angesprochen werden: Wie viele Primzahlen gibt es denn und werden die Abstände zwischen ihnen wohl enger oder weiter, je größer die Zahlen werden? Idealerweise gilt diese Gliederung ja auch in den Fach­unterrichten, selbst im Werken, wo aber natürlich der Schwerpunkt beim Tun liegt.

Die Temperamente? Mal vergesse ich sie völlig, mal klappt die intensive Zuwendung zu einer Gruppe instinktiv. Die Schüler sitzen nach Temperamenten geordnet in Gruppen, die natürlich verschieden groß sind. Deshalb frage ich mich auch immer, wie man denn in halbierten oder kleineren Klassen überhaupt genügend Choleriker finden will, um diese gruppenweise zu setzen. Aber das nur nebenbei …

Bei der Geschichte ist es am einfachsten, mit den Temperamenten zu »spielen«. Auch beim »Stoffteil« geht es gut, und wenn man die Unruhe bei den Sanguinikern bemerkt, wird man sich ihnen besonders zuwenden und die Geschwindigkeit so anziehen, dass sie bald wieder dabei sind. Oder man wendet sich mit gründlichen, genauen Schilderungen vorwiegend den Phlegmatikern zu. Dann darf man auch mal poltern oder schimpfen. Brauchen die Choleriker ein Gewitter, so versuche ich, nicht über sie, sondern über irgendetwas loszudonnern, das mit dem Unterrichtsinhalt zusammenhängt, vielleicht über die Ungerechtigkeit der Welt, die es einem Kolumbus so schwer macht, sein Lebensziel zu verfolgen. Dabei ist darauf zu achten, nicht unmotiviert herumzubrüllen, sondern dass sich die Lautstärke langsam steigert, sonst werden womöglich die dahinter sitzenden Melancholiker zu sehr verschreckt.

Für mich ist die Beschäftigung mit den Temperamenten das Mittel, um mit großen Klassen, unkonzentrierten Kindern und der Gefahr der Langeweile besser fertig zu werden! 

Das Zauberwort heißt »von sich aus« 

Wie wirken die Gruppen aufeinander? Ein Kind erzählte einmal zu Hause: »Du, Vater, ... Pause ... der, der neben mir sitzt ... Pause … der ist ... Pause ... sooo langweilig!« Hier hat ein Phlegmatiker den anderen offensichtlich wahrgenommen ... Sie wirken aufeinander, aber das braucht viel Zeit und nicht alle paar Monate eine andere Sitzordnung. Dann werden die Phlegmatiker durch ihre Umgebung von sich aus aktiver.

Ich denke »von sich aus« ist das Zauberwort. Nicht dadurch, dass der Lehrer seine Schüler dressiert, wirkt er grundlegend und dauerhaft. Vielmehr lautet die Frage: Wie schaffe ich eine Umgebung, in der der junge Mensch sich selber ändert? Dabei muss der Lehrer zunächst mehr aushalten. Bis die beiden Choleriker sich aneinander abgeschliffen haben, kann mehr als ein Jahr vergehen. Und wenn zwei Sanguiniker, die anfangs beste Freunde waren, sich nur streiten und anzicken und mich fragen, wie lange sie noch nebeneinander sitzen müssen, ist die ruhige, freundliche Antwort meist: »Bis Ihr es könnt!« Zwei Störer auseinanderzusetzen bringt etwas, aber nur kurzfristig. Und wenn am Ende des Jahres zwei, die sich dauernd abgelenkt haben, zu mir kommen und mich bitten, im kommenden Schuljahr einen anderen Nachbarn zu bekommen, weil sie mehr aufpassen wollen und neben so einem Schwätzer sich einfach nicht konzentrieren können, dann freue ich mich, so ganz still und heimlich für mich … 

Zum Schluss eine Warnung: Die Temperamente der Kinder sollen nicht umgewandelt werden, es gilt »die Stärken zu stärken« und »die Schwächen zu schwächen«!