Faustische Wasen

Von Ute Hallaschka, Oktober 2013

Die »Faust-Elemente« im Stuttgarter Forum Theater

Wer nicht regelmäßig Bahn fährt, der kann sich kaum einen Begriff machen von den Mysterien des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs. Große Bahnhöfe sind die Foren, an denen sich an jedem Wochenende regelrechte Festspiele der niederen menschlichen Natur ereignen. Die Begegnung mit dem Leibhaftigen.

In besonderer Lage ist da zur Zeit Stuttgart. Die Baustelle – eine offene Grube für den unterirdischen Zukunftsbahnhof. Oberirdisch treten dadurch neue Verhältnisse ein. Lange Umwege zwischen Bretterwänden – suchende, irrende Menschen.

Es war das Wochenende nach dem deutschen Einheitsfeiertag. Der wurde dieses Jahr offiziell in Stuttgart ausgerichtet. Noch war die Stadt in Katerstimmung, die Reste der öffentlichen Party kaum weggeräumt, da drohte ihr schon die nächste Flutwelle: Shoppende Massen in der Königsstraße, Volksfest-Besucher auf dem Cannstatter Wasen, gröhlende VfB-Fans. Doch auch das: Die »Faust-Elemente« feierten Premiere im Stuttgarter Forum Theater. Jobst Langhans (Regie) und Claudius Weise (Dramaturgie) haben einzelne Szenen aus beiden Dramen so klug zusammengestellt, dass sich daraus mehr als ein Ganzes bildet.

Das sechsköpfige Ensemble leistet in der rund vierstündigen Vorstellung (mit 2 Pausen) Unglaubliches. Sämtliche Darsteller gestalten die jeweilige Rolle aus der Eigenheit ihres individuellen Spielvermögens und erschaffen den Text quasi mit. Nicht herauskatapultiert oder entrückt in eine schöne Scheinwelt der Vergangenheit oder der Zukunft. Sonst hätten wir eben den Pakt mit dem Teufel geschlossen, von dem das Stück handelt. Aber hier und heute geht es ums Dasein, um Präsenz, um Standhalten, um den Zuschauer seiner selbst, kurz: es geht um Einsicht.

Der Geist dieser Unternehmung ist unerschrocken faustisch und geradezu quantentheoretisch. Er scheut nicht die Einbildung der Aktualität unserer gesellschaftlichen Lage. Mit liebevoller Zuneigung zum Zeitgeschehen und ebenso großer Liebe zur Sprache Goethes wird hier dem betrachteten Textobjekt die Haltung des Betrachters hinzugefügt. Indem sie die konkreten Zeitbezüge eröffnen, ist der Zuschauer betroffen von den exakten Aussagen zur Gegenwart. Theater kann doch etwas sagen – wenn man es lässt.

Zurück am Bahnhof hätte sich dem Homunkulus geboten: Heerscharen von Menschen, die auf ihrem Rücken Plastiksäcke voll Müll schleppen. Ununterbrochen strömen sie heran, sind gekleidet in karierte Folklore-Trachten und Lederhosen. Sie tragen Bierflaschen und Essen in der Hand. Hinter ihnen und um sie herum Scherbenhaufen, zertretene Essensreste und alle paar Meter eine Lache Erbrochenes. Ein infernalisches Brüllen von Schlachtrufen. Falls Homunkulus nun fragen würde: Was tun sie hier? Dann müsste man ihm sagen: Alle diese Menschen haben Freizeit und sie sind auf der Suche nach Helena – nach dem Schönen, der Liebe, dem Glück, der Erfüllung ihrer Sehnsüchte, dem Gelungenen, der Zufriedenheit ihres eigenen Lebens. Sie suchen den Augenblick, der so schön wäre, dass sie sagen: Verweile doch!

Aufführungen finden noch bis zum 10.11. statt. Genaueres auf der Webseite des Forum Theaters Stuttgart.