Der Mensch stammt nicht vom Affen ab. Zoologie in der Oberstufe

Von Martin Schwarz, März 2013

Stehen in der neunten Klasse das hochspezialisierte Tier und der entwicklungsoffene Mensch im Mittelpunkt, so in der zehnten die inneren Organe, in der elften die Zelllehre und in der zwölften Klasse das gesamte Tierreich. Martin Schwarz, Biologielehrer in Kirchheim-Teck gibt einen Einblick in die Besonderheiten des Waldorflehrplans.

Jeder kennt das Bild: Der auf allen Vieren krabbelnde Affe richtet sich im Laufe der Evolution zum auf zwei Beinen gehenden Menschen auf. Einprägsam und überzeugend macht es das Grundparadigma der modernen Biologie deutlich: Wir stammen vom Affen – oder allgemeiner – von den Tieren ab. Wir sind nichts anderes als eine spezialisierte Tierart. Man muss aber nicht daran glauben, dass der Mensch vom Affen abstammt. Dass Evolution vielleicht ganz anders stattgefunden hat und die biologischen Phänomene eine völlig andere Deutung zulassen, ist innerhalb einer goetheanistischen Zoologie keine Frage, kann aber in einer 9. Klasse nicht erschöpfend besprochen werden. Man kann aber eine Bilderfolge dagegenstellen:

Friedrich A. Kipp: Die Evolution des Menschen, 1980 (auch die folgende Abbildung)

Dargestellt ist die Entwicklung eines Orang-Utanschädels, vom Säugling über das Kindstadium bis zum erwachsenen Männchen. Man erkennt, dass der Affe sich von einem sehr menschenähnlichen Zustand hin zu einem deutlich tierischeren Zustand entwickelt. Vor der Betrachtung dieser Schädel erarbeiten die Schüler aber durch folgende Überlegungen die Begriffe »menschlich« und »tierisch«. Sie betrachten den menschlichen Schädel und beschreiben, was sie sehen.

Der Mensch als Mittelpunkt – 9. Klasse

Der senkrechte Gesichtsschädel mit der senkrechten Stirn, dem kleinen Nasenbein und dem Kinn steht in einem ausgewogenen Verhältnis zu dem kugeligem Gehirnschädel. Das Hinterhauptsloch liegt so an der Schädelbasis, dass der Schädel auf der Wirbelsäule nahezu ausbalanciert ist. Man betrachtet dann noch die Kiefer und die Zähne. In den parabelförmigen Kieferbögen sind alle Zahnarten gleichmäßig und vor allem ohne die geringste Lücke ausgebildet. Vergleicht man dies nun mit den Schädeln charakteristischer Tiere, so fällt auf, dass die Schädel alle vor der Wirbelsäule getragen werden, dass der ganze Gesichtsschädel in die Länge gezogen ist und waagrecht verläuft, dass der Gehirnschädel nur sehr klein ist und dass der mächtigste Knochen der Unterkiefer ist. Der Vergleich der tierischen Schädel von Pferd, Murmeltier und Löwe zeigt, dass bei den Huftieren die Backenzähne, bei den Nagern die Schneidezähne und bei den Raubtieren die Eckzähne besonders ausgebildet sind, dass aber bei allen große Lücken im Gebiss zu finden sind.

Ähnliche Betrachtungen kann man mit den anderen Teilen des Skeletts machen und man wird letztlich zu der Aussage kommen, dass jede Tierart dem Menschen in bestimmter Beziehung weit überlegen ist, dass das Tier dafür aber sehr spezialisiert ist, dass es genau für sein SO-SEIN gebildet ist. Körperbau und Verhalten gehen eine unauflösliche Verbindung ein. Das Tier lebt ausschließlich seine Art, und die Intelligenz, mit der es das tut, ist unglaublich groß, aber leibgebunden und instinkthaft. Wenn man erfährt, wie Biber ihre Staudämme bauen, wird das eindrucksvoll deutlich. Auch isoliert von seinen Artgenossen entwickelt sich ein Tier zu einem Exemplar seiner Art. Biber zeigen Staudammbauverhalten, wenn sie rauschendes Wasser hören, selbst wenn sie nie einen Artgenossen oder auch nur Wasser gesehen haben.

Ein Mensch braucht, um sich zu entwickeln, die geliebte Bezugsperson, die er nachahmen kann. Ohne diese retardiert er. Wie berührend liest sich das Schicksal zweier »Wolfskinder«, zweier Mädchen, die von Wölfen großgezogen wurden. Als man diese Mädchen fand, verhielten sie sich ganz und gar wie Wölfe, von den Aktivitätszeiten über die Körperhaltung bis hin zum Gebrauch des Geruchsinnes und der Lautäußerungen. Der Mensch ist also entwicklungsoffen. Seine Entwicklung ist nicht vorausbestimmt, er kann sich in alle möglichen Richtungen entwickeln. Das Ideal der Freiheit erhält so eine biologische Grundlage und das Skelett des Menschen kann als Sinnbild seiner Freiheit gesehen werden. Durch die senkrechte Haltung müssen die Arme und Hände nicht mehr der Fortbewegung dienen. Mit ihnen kann der Mensch handeln, das ausführen, was er sich vorgenommen, was er im Denken als Ziel seines Wollens gefasst hat. Dafür hat er nicht die Sicherheit des Vierfüßlerstands, sondern muss fortwährend die Balance suchen – ebenso ein Sinnbild seiner Aufgabe als Mensch.

In der 9. Klasse werden also die Tiere betrachtet in der Abgrenzung zum Menschen, ihre Einzigartigkeit, ihre Schönheit, ihre Vollendung. Jedes Tier ist aber gerade dadurch auch gefangen in diesem Zustand und spezialisiert auf das Ausleben seines spezifischen Tierseins. Der Mensch und die höheren Tieren sind bis in den letzten Knochen homolog, der Mensch ist aber am wenigsten spezialisiert. Er bildet so etwas wie das universelle Muster. Der Grundbauplan oder der Typus im goetheschen Sinne kommt am reinsten, universellsten beim Menschen zur Erscheinung. Der Mensch wird so zum Mittelpunktsgeschöpf des Tierreichs. Die Frage der Evolution hat dann eine ganz andere Grundlage, natürlich ohne dass sie so schon beantwortet wäre.

Die inneren Organe – 10. Klasse

Da in der 10. Klasse hauptsächlich die inneren Organe des Menschen betrachtet werden, gibt es hier nur wenig Bezugspunkte zur Zoologie. Bei Vergleichen der physiologischen Funktionen des Menschen mit denen der Tiere wird man wiederum auf die Spezialisierung der Tiere und auf die Universalität des Menschen gestoßen, ist doch beispielsweise das Verdauungssystem einer Kuh nur für ganz bestimmte Nahrung ausgelegt. Bei der Betrachtung der Körperwärme und der wechselwarmen und gleichwarmen Tiere kann die Ahnung entstehen, dass Evolution nicht Anpassung bedeuten muss, sondern eher Zunahme an Autonomie, sind die wechselwarmen Tiere doch in ihrer Aktivität ganz auf die richtige Umgebungstemperatur angewiesen. Ist diese zu niedrig, so sind sie sogar ganz bewegungsunfähig.

Zellenlehre – 11. Klasse

Auch in der 11. Klasse wird keine Zoologie behandelt, sondern es wird die Zellenlehre eingeführt. Für das Verständnis des Tieres ergeben sich so natürlich die zellulären Grund­lagen der Befruchtungsvorgänge und in der unterschiedlichen Bildung des pflanzlichen und des tierischen Keimes ergibt sich, dass bei den Tieren ein Innenraum für Innerlichkeit, für Seelisches gebildet wird. Wächst der pflanzliche Keim, vereinfacht ausgedrückt, durch Aneinanderreihung von Zellen, so schnürt das Tier Zellen ab und bildet Hohlräume, wodurch die einzelnen Organsysteme entstehen. Das Tier wie auch der Mensch zeichnen sich also gegenüber der Pflanze durch Innenraumbildung als biologische Grundlage für seelische Prozesse aus.

Tierkreis statt Stammbaum – 12. Klasse

In der 12. Klasse findet sich dann die Zoologie als Thema des Biologieunterrichts. Vielfach wird gegen alle Denkgewohnheiten auf Steiners Anregung hin das Tierreich nicht oder nicht primär als Stammbaum dargestellt, sondern als ein geordnetes Ganzes, als ein Tierkreis im buchstäblichen Sinne.

 

Frits H. Julius, Das Tier zwischen Mensch und Kosmos, 1970

Auch wenn es dem studierten Biologen schwer fallen mag, das Schema zu akzeptieren – um einen Überblick über das Tierreich mit seinen unglaublich unterschiedlichen Organisationsformen zu bekommen, ist es vorzüglich. Wie unübersichtlich sind dagegen die Stammbaumdiagramme. Bei der Behandlung der einzelnen Tiergruppen wird der Typusbegriff Goethes im Hintergrund stehen und das einzelne Tier wird als spezielle Realisation des universellen Typus gelten können. Dabei gibt es sozusagen Stufen der Realisierung, welche von Tiergruppe zu Tiergruppe führt.

Vergleicht man beispielweise die Hohltiere mit den Stachelhäutern, wird deutlich, dass die Stachelhäuter sehr viel komplexer organisiert sind, mit differenzierten Organen, während die Hohltiere ja eigentlich nur aus zwei Zellschichten gebildet sind. Andererseits sind sie nicht nur komplexer, sondern in gewissem Sinne genau das Gegenteil der Hohltiere. Keine Tiergruppe kann die Körperform so verändern, hat so unterschiedliche Körpergrößen bei den unterschiedlichen Arten, wie die Hohltiere. Viele Quallen, Medusen und besonders Polypen sind sehr, sehr klein, zum Teil nur wenige Millimeter groß, andere Quallen haben einen Durchmesser von über zwei Metern und Nesselfäden von 20 bis 30 Metern Länge. Charakteristisch ist die Farbigkeit und Lichtdurchlässigkeit der verschiedenen Arten. Und die Stachelhäuter? Kaum eine Gruppe hat so eine starre Körperform, kaum eine Gruppe variiert so wenig in Bezug auf die Größe und nur bei den Seesternen finden sich ab und zu leuchtende Farben. Charakteristisch sind gedeckte Braun- und Grautöne.

Von Gruppe zu Gruppe werden Gegensätze verwirklicht. Dabei nimmt vor allem die Komplexität der Organsysteme zu, die zu einer immer größeren Autonomie führt. Der Blutkreislauf der Wirbeltiere beispielsweise wird erst bei den Vögeln und den Säugetieren vollständig in einen Lungen- und einen Körperkreislauf getrennt. Dies ist aber die Voraussetzung für eine von der Umgebungswärme unabhängige Körperwärme und nur dadurch sind Vögel und Säugetiere so wenig in ihren Aktivitätszeiten eingeschränkt. Die goetheanistische Biologie bietet mit dem Typus- und Metamorphosenbegriff die Möglichkeit, im Denken die Wirklichkeit des die Tiere gestaltenden Typus zu erfahren. Man kann sich dadurch als Teil dieser beseelten Natur empfinden und so vor allem ihren Selbstwert erfassen und es ist dadurch ein von Empathie und Achtung geprägtes Verhältnis zur Natur begründbar. Gefühlsmäßig ist den meisten Menschen die Tierwelt wichtig und eigentlich erlebt jeder staunend ihre Schönheit und Vollkommenheit. Durch eine Zoologie im hier dargestellten Sinn wird dies dann auch verstehbar und der so heftig in der heutigen Gesellschaft gelebte Widerspruch von rational begründeter Ausbeutung der Tiere und emotional erlebter Achtung vor ihnen hebt sich auf.

Literatur: J. W. Goethe: Naturwissenschaftliche Schriften, Dornach 1982; Karl König: Bruder Tier, Stuttgart 1967; Ernst-Michael Kranich: Wesensbilder der Tiere, Stuttgart 1995; L. F. C. Mees: Tiere sind, was Menschen haben, Stuttgart 1987; Wolfgang Schad: Säugetier und Mensch, Stuttgart 2012; Rudolf Steiner: Menschenseele und Tierseele, Vortrag vom 10.11.1910, Berlin; Ders.: Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule, Konferenz vom 12.7.1923