Traumjob ErzieherIn?

Von Renate Schwarz, Mai 2011

Erzieherinnen mit Transparenten auf der Straße, geschlossene Kindertagesstätten. Seltene Bilder in Deutschland. Es war im Mai 2009, als sozialpädagogische Fachkräfte die Situation dieser Berufsgruppe ins öffentliche Blickfeld rückten. Es ging weniger um finanzielle Forderungen, als um die Verbesserung der Rahmenbedingungen und des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz. - Was waren die Hintergründe?

Erziehen als Lebensaufgabe.

Wie bildungsfähig ist das kleine Kind? Wie kann Wissen altersgerecht vermittelt werden? Fremdsprachen mit zwei Jahren? Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr oder alles zu seiner Zeit? Im Jahr 2000 wurde im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) international die Leistungsfähigkeit der Schüler getestet. Als Ergebnis der PISA-Studie startete eine bundesweite Qualitätsoffensive im Bildungswesen und der Elementarbereich geriet in den gesellschaftlichen Blick.

Die Politik trat auf den Plan. Bildungspläne entstanden unter Länderhoheit. »Bildung von Anfang an und für alle Kinder« führte zur Ausweitung eines Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz. Krippe, Ganztagsangebote, Bildungshäuser, neue Konzepte waren gefragt. Bildung als gesellschafts­po­litischer Auftrag. Die Umsetzung veränderte die Kindertagesstätten. Viele gute Ansätze versandeten jedoch im Zeit- und Personalmangel, die Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen wuchs in den Einrichtungen.

Im Oktober 2005 wurde der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) eingeführt, der Bundesangestelltentarif (BAT) abgelöst. Die Folgen für die Erzieherinnen und Erzieher waren unter anderem eine schlechtere Bezahlung, insbesondere bei Neueinstellungen und Teilzeitkräften und eine Ausweitung befristeter Arbeitsverträge und Teilzeitstellen besonders bei Berufsanfängern.

Altersarmut als Option? Im »Kita-Gesundheitszirkel« listet Attiya Khan, Gesundheitswissenschaftlerin der Technischen Universität Dresden, folgende Faktoren als besonders gesundheitsbelastend für die Arbeitssituation in Kindertagesstätten:

• Lärm
• keine erwachsenengerechten Möbel und Arbeitsmittel
• Zwangshaltungen
• schweres Heben und Tragen
• zu große Gruppenstärke
• Konflikte mit Eltern.

ErzieherInnen gehen im Durchschnitt mit 59 Jahren in Rente, krankheitsbedingt mit 54 Jahren. Salutogenese scheint ein Fremdwort. Laut einer GEW- Studie gab es 2008 in Deutschland über 422.000 ErzieherInnen und KinderpflegerInnen. In Kindertagesstätten arbeiten rund 282.000 ErzieherInnen, 3,3 % davon männlich, sowie über 50.000 KinderpflegerInnen, davon 4,7 % männlich. Erziehung ist immer noch (zu) weiblich. Allein zum Ausbau der Plätze im Bereich der Kindertagesstätten und Krippen werden in den nächsten Jahren 50.000 zusätzliche Fachkräfte gebraucht. 

Attraktiver Beruf trotz schlechter Arbeitsbedingungen 

»ErzieherIn zu sein bedeutet, einen verantwortungsvollen Beruf auszuüben und an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken. Kinder und Jugendliche zu erziehen, ihnen zu helfen, die Welt zu erforschen und sie altersgerecht auf ihrem Weg zu begleiten, ist eine Aufgabe, die viel Freude bringen kann, aber auch Herausforderung bedeutet. Kinder und Jugendliche brauchen Zuwendung und Anregung, um sich körperlich, geistig-intellektuell, emotional und sozial optimal zu entwickeln – ErzieherInnen sind dabei wichtige Bezugspersonen.« (Infoblatt einer Heidelberger Fachschule für Sozialpädagogik). Es sind genau diese Inhalte, die allen schlechten Arbeitsbedingungen zum Trotz, den Beruf so attraktiv machen. Die Mehrzahl der MitarbeiterInnen übt den Beruf gerne aus, identifiziert sich mit der Arbeit und schätzt die kollegiale Zusammenarbeit. Die Bereitschaft, sich weiterzubilden, ist sehr hoch. Langsam wächst auch der Anteil männlicher Mitarbeiter. Die Arbeitsfelder sind zahlreich: Krippen, Kindergärten, Kinderhäuser, Heime, Horte und Ganztagsschulen, Wohngruppen und Internate, Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, Kinderstationen in Krankenhäusern und Erholungsheimen.

Deutschland zeichnet sich durch ein breites pädagogisches Angebot aus. Es gibt ein Recht auf einen Kindergartenplatz, aber keine Pflicht, ihn zu besuchen. Das schafft Luft vor Ort. Der Kindergarten als familienergänzende Einrichtung lebt von der Erziehungspartnerschaft mit den Eltern. Gemeinsam versuchen sie, die bestmöglichen Bedingungen für die Entwicklung des Kindes zu gestalten. Dieses Miteinander ist ein echter Schulungsweg, gegenseitiger Respekt und Vertrauen das Handwerkszeug dafür. Beratung, Kurse, Begegnungsstätte und kultureller Lernort sind Bereiche neben der originären Aufgabe der Betreuung der Kinder. Die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen wie Schule, Jugendamt, Fachschulen, Beratungsstellen und anderen Trägern zeigt, in welches Netzwerk ein Kindergarten eingebunden ist, wie abwechslungsreich die Tätigkeit der Erzieherin oder des Erziehers ist.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie leben im Augenblick und haben alle Zeit der Welt. Sie sind voller Phantasie und Tatendrang und sie schauen vertrauensvoll auf den Erwachsenen. Ihre Welt ist das Spiel, die altersgemäße Art zu lernen im Elementarbereich.  Es ist die Aufgabe der Menschen um das kleine Kind herum, diesen Raum zu schützen, das Recht  auf Kindheit anzuerkennen und zu vertreten. Das Leben mit Kindern ist voller Leben und voller Überraschungen. Lachen und Weinen, alles liegt nah beieinander und jeder Eindruck kann existentiell sein. ErzieherIn sein heißt, hohe Ansprüche an sich zu stellen und sich auf Entwicklung einzulassen. Kaum ein Beruf erfordert so viel­fältige Kommunikationsformen: vom nonverbalen Umgang mit den ganz Kleinen bis zum wissenschaftlichen Forschen im Kollegium, von Fingerspielen bis zu sprachlich fundierter Präsentation bei Elternabenden, von Geschichten erzählen bis zu Elterngesprächen. 

Erziehen ist eine Lebensaufgabe 

Die Eltern haben ein Wunsch- und Wahlrecht bei pädago­gischen Grundrichtungen. Dies hat in den letzten Jahrzehnten zur Gründung von über 550 Waldorfkindergärten in Deutschland geführt. Ein Waldorfkindergarten ist ein abenteuerliches Unternehmen in freier Trägerschaft. Die sozialen und wirtschaftlichen Formen sollen Zukunftsimpulse in die Gegenwart holen und gleichzeitig in das gesellschaftspolitische Umfeld eingebunden sein.

Mehrgruppige Einrichtungen, die von einer Waldorfschule getragen werden und eingruppige Kindergärten auf dem Lande: die rechtlichen Formen sind vielfältig, der Gestaltungsrahmen von der finanziellen Förderung abhängig und in den Bundesländern unterschiedlich. Ein Waldorfkindergarten kommt ohne die Mitarbeit der Eltern nicht aus, sei es im Vorstand, beim Bauen und bei Festen oder als Partner in der Pädagogik. Noch vor fünfzehn Jahren war der klassische Waldorfkindergarten im Westen eine Halbtagseinrichtung mit Kindern ab 3-4 Jahren. Heute gibt es Wiegestuben und Krippen, Ganztags- und Hortplätze, Familiengruppen und immer noch die Waldorfpädagogik. Die breite Diskussion über die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, bedarfsgerechte Öffnungszeiten, Familienbilder und Konzepte erfordert von allen Mitarbeitern ein intensives Ringen um die Grundlagen der Waldorfpädagogik und genug Selbstbewusstsein, auch unpopuläre Standpunkte zu vertreten. Das pädagogische Konzept stellt die Entwicklung des Kindes auf der Grundlage der anthroposophischen Menschen­kunde in den Mittelpunkt. Daraus ergibt sich die Bedeutung von Rhythmus und Vorbild, des Lernens durch Tun und der Sinnespflege, der Ernährung, Raumgestaltung und des umsichtigen Umgangs mit Medien. In der Praxis spielt neben dem methodischen Handwerkszeug die Pflege der eigenen Lebenskräfte, die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis und zur Selbsterziehung eine wichtige Rolle.

Diese Grundlagen können in einer grundständigen Ausbildung, einer staatlich anerkannten Fachschule oder einem berufsbegleitenden Seminar erworben werden. Seit diesem Jahr gibt es auch einen Voll- und Teilzeitstudiengang Kindheitspädagogik. WaldorferzieherIn ist ein eigenständiges Berufsbild. Ohne Anthroposophie geht Waldorfpädagogik nicht. Sie ist aber kein mysteriöser, theoretischer Überbau, sondern ein Erkenntnis- und Schulungsweg, der viele Phänomene der Welt erschließt und den Menschen als Mitgestalter des Schicksals anerkennt. Die Begeisterung für diesen Weg ist Chance und Gefahr zugleich. Wie orientiere ich mich an Idealen, ohne mich selbst und die Umwelt zu überfordern? Wie pflege ich die Lebenskräfte als Handwerkszeug im Erziehungsprozess? Vom Erzieher zum Erziehungskünstler: das ist eine Lebensaufgabe. 

Waldorferzieherin werden? Es gibt (mindestens) 13 gute Gründe dafür. Mehr dazu auf der Webseite: www.waldorfkindergarten.de 

Zur Autorin: Renate Schwarz, Jahrgang 1956, verheiratet, 2 Kinder, Waldorferzieherin und Biografiearbeiterin, tätig in der Erwachsenenbildung. Seit 2004 Geschäftsführerin der Waldorfkindergärten in Rheinland-Pfalz/ Saarland.

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