Von Bienen und Menschen im Wald

Von Klaus Jacobsen, Oktober 2017

In Schloss Hamborn leben junge Menschen inmitten weitläufiger Natur mit 160 Hektar eigenem Wald. Das Areal ist unentbehrlich für die emotionale, körperliche und kognitive Entwicklung und wird von allen Beteiligten geschätzt. Zwei aktuelle Erweiterungen der Handlungspädagogik in Schloss Hamborn sollen hier vorgestellt werden.

Sabine Bergmann beim Besiedeln der Klotzbeute.

Ein verschwundenes Handwerk

Die Zeidlerei ist die historische Waldimkerei. Diese Baumbienenhaltung ist ein seit 200 Jahren in Mitteleuropa komplett verschwundenes Handwerk. Die internationale Zeidlergemeinschaft tree-beekeeping.org engagiert sich für eine erneute Verbreitung dieses alten Kulturgutes. Ziel ist eine nachhaltige Imkerei, die artgerecht ökologisch wirksam und ökonomisch vertretbar ist. Im Jahr 2014 siedelte Sabine Bergmann als Pionierin das erste Bienenvolk in einer lebenden Fichte an (Sabienenimkerei.de). Inzwischen gibt es in Deutschland wieder fünfzehn Völker in lebenden Bäumen. Seit fünf Jahren erleben unsere Jugendlichen der 9. und 10. Förderklassen, dass Bienen Waldtiere, nicht gezüchtete Nutztiere sind. Auf vielfältige Art können sie in der Waldimkerei aktiv sein. Die Bienenbehausungen werden in mühevoller Handarbeit hergestellt. Mittlerweile stehen oder hängen in Schloss Hamborn an verschiedenen Standorten solche ausgehöhlten Baumstämme.

Natur-Defizit-Störung

Das Phänomen einer zunehmenden Entfremdung von der Natur – Richard Louv prägte den Begriff der »Natur-Defizit-

Störung« – geht oft mit einer einseitigen Gewichtung virtuellen Erlebens einher. In der Folge verringern sich die sozialen Fähigkeiten und es verkümmern die Sinne (Riechen, Hören, Schmecken, Tasten, Sehen). Doch Kinder und Jugend­liche wollen die Welt erfahren, nicht erklärt bekommen. Die Natur- und Wildnispädagogik kann emotionalen Stress und Aufmerksamkeitsprobleme verwandeln und die Umgebungswahrnehmung verbessern. In der Begegnung mit grundlegenden Elementen – Erde, Wasser, Luft, Feuer –, von denen all unser Leben abhängt, wird die naturalistische Intelligenz (Howard Gardner) entwickelt.

Überraschungen bei der Waldläuferrunde

Seit April 2017 beginnt der Tag für die Waldläufer – so nennen wir die Schüler, die erst einmal in den Wald gehen – mit einem 90-minütigen, möglichst mehrmals wöchentlich begangenen Weg, angeleitet durch Patrick Hahne, unseren Landschaftsgärtnermeister. Er zeigt, wie Hecken gepflegt, Gras gemäht und Brennholz gemacht wird, aber auch, was es in der Natur zu entdecken gibt. Parallel dazu bildet er sich zum Wildnislehrer aus, eine zertifizierte Ausbildung der Natur-und Wildnisschule Teutoburger Wald. Die Wildnispädagogik lässt sich gut in die landschaftspflegerischen Tätigkeiten seines Betriebes einfädeln. Fahrt aufgenommen hatte das Waldläufer-Projekt bei einer Waldbegehung, als eine Teilnehmerin murmelte: »Könn wa öfta machen!«, was den konzeptionellen Überlegungen Rückenwind gab: Immer den gleichen Weg gehen (Wildtiere können sich an uns gewöhnen, was mehr Beobachtungsnähe zulässt), Laufen ohne Leistungsanspruch oder Zeitdruck, still werden und offen für Neues sein.

Morgens bei der Waldläuferrunde gibt es oft Überraschungen; Entdeckungen führen zu Beobachtungen, die Mit-Läufer lernen Wildfährten zu unterscheiden, die Veränderung der Vegetation wahrzunehmen, ein Ahornkeimling wird genauer angeschaut …

Die Wildnis zu erleben ist eine Herausforderung, auf die sich die Schüler, unaufdringlich und freilassend begleitet, durch persönlichen Kontakt einlassen können. Unsere Waldläufer, denen regulärer Schulbesuch nicht gelingen würde, engagieren sich praktisch – später zum Teil auch in den Aufgaben bei der Landschaftspflege, die mit den Jahreszeiten wechseln.

Der Zeitpunkt, schulisches Lernen wieder aufzunehmen, wird individuell abgespürt und entsprechend organisiert. Betreute Kollegen aus der Landschaftsgärtnerei, die Schloss Hamborn seit vielen Jahren als inklusiven Begegnungsort mitgestalten, sind mit den Jugendlichen unterwegs. Auch die Kollegen durften schon einmal erfahren, wie es ist, in der Natur zu übernachten, indem sie sich eine Laubhütte bauten, bei Tagesbeginn Wildtiere beobachteten oder lernten, ohne Streichhölzer Feuer zu machen.

Natur ist mehr, als man sieht

Jeder Morgen im Wald verläuft anders, nahezu unabhängig von Curriculum oder pädagogischem Geschick. Das Waldläufer-Erleben verändert nach und nach auch die Sozialprozesse bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

In der aufmerksamen Hinwendung an die Waldumgebung mit ihren vielfältigen Phänomenen kann ein Gefühl entstehen, dass Natur mehr ist, als das, was mich umgibt, und das auf das Miteinander in der Gruppe ausstrahlt.

Zum Autor: Klaus Jacobsen ist seit 1990 in Schloss Hamborn tätig, Schwerpunkt Projektentwicklung in der Jugendsozialarbeit; seit 2015 Landschaftsgärtnerei.

Literatur: R. Louv: Das letzte Kind im Wald, Freiburg 2013 | H. Gardner: Intelligenzen. Die Vielfalt des menschlichen Geistes, Stuttgart 2013