Von der Philosophie zur Freiheit

Von Lorenzo Ravagli, Mai 2011

Stellen wir uns vor, wir wanderten durch eine Landschaft, ein Gebirgstal vielleicht. Ein schmaler Pfad erstreckt sich in aufsteigenden Kehren vor uns, beschattet von Föhren und vereinzelten Lärchen. Durch die Äste der Bäume glitzert das Sonnenlicht. In den Tiefen rauscht ein Bach, angeschwollen vom Schmelzwasser.

Foto: colourbox

Auf der gegenüberliegenden Talseite erheben sich schroffe, graue Felswände, weiße Gipfel, auf denen der Schnee des vergehenden Winters liegt. Im Unterholz und im bemoosten Untergrund, durch den unsere Füße uns tragen, recken sich schon die ersten Frühlingsblumen: Huflattich, Leberblümchen, Pestwurz, in strahlendem Gelb, Lila und Rosa. Die Luft ist von Wärme erfüllt, weithin hallen Vogelstimmen und oben, für uns noch unsichtbar, wartet der Gipfel. Ein Ozean von Sinnesein­drücken, den wir mit dem Begriff »Gebirgslandschaft« zusammenfassen, eine vielfältige, in sich sinnvolle Ordnung, ein ganzheitliches Gefüge von Dingen, Lebewesen und Geschehnissen.

Stellen wir uns vor, wir könnten uns durch die Ideenwelt bewegen, so wie durch diese Gebirgslandschaft. Die Begriffe wären für uns nicht weniger konturiert als die Felsen, die knorrigen Föhren. Während wir unser geistiges Auge den Ideen zuwenden, enthüllen sich ihre Gestalten vor uns, ihre Landschaften, ihre vielfältigen Verfugungen und Verknüpfungen. Hier leuchtet die Idee des Seins auf, dort die Idee der Gerechtigkeit – und unendliches Licht fällt für uns auf alle Erfahrungen, die von diesen Ideen beleuchtet werden. Woher wissen wir überhaupt, dass etwas existiert, wenn nicht durch die Idee des Seins? Woher wissen wir, was gerecht ist, wenn wir keine Idee der Gerechtigkeit besitzen, in deren Licht uns das Handeln eines Menschen als gerecht erscheint? Was bewegt uns, wenn wir nach Freiheit streben, wenn nicht die Idee der Freiheit, die für uns zum Ideal wird? Ideen sind bewegende Kräfte, sie besitzen Energie – das ist für einen Idealisten ein Ergebnis der Erfahrung. Wodurch erhält unsere Erfahrung Sinn, wodurch erkennen wir den Zusammenhang der Dinge, der Geschehnisse? Durch den ideellen Inhalt, den wir der Welt geben! Vielleicht wäre die Natur ebenso von Gesetzen beherrscht, aber sie würden auf ewig verborgen bleiben, wenn wir sie nicht durch unser Denken zur Erscheinung brächten. Der Weltprozess bliebe unvollendet, wenn wir nicht den Grund der Dinge, das, was sie bewegt, durch unser Erkennen erfassten.

Wenn wir die fundamentale Bedeutung der Ideen für die Erkenntnis, für das praktische Handeln verstehen, dann vermögen wir nachzuvollziehen, warum der junge Rudolf Steiner solche Sätze schreiben konnte wie: »Was die Philosophen das Absolute, das ewige Sein, den Weltengrund, was die Religionen Gott nennen, das nennen wir … die Idee.« Wir können verstehen, dass er die Wahrnehmung nur als »eine besondere Form des Begriffs« betrachtete.

Aber so lichtvoll, so sinnerfüllt uns die Ideen erscheinen mögen, können sie uns auch nur die Wahrnehmung einer Glockenblume ersetzen? Wir können zwar die Glockenblume, ihre Form, ihre Struktur, das Gesetz ihres Werdens durch die Idee verstehen, aber wahrnehmen müssen wir sie trotzdem. Und dieses Erlebnis der Wahrnehmung kann uns keine noch so intensive Anschauung der Idee der Glockenblume ersetzen. Die Wahrnehmung ist etwas, das wir erfahren müssen, dem wir unsere Sinne aussetzen müssen, um ihre spezifische Qualität, ihre Einzigartigkeit, leiblich und seelisch erfassen zu können. 

Die Idee ist kein Ersatz für die Wahrnehmung 

Auch wenn unser Wahrnehmen keine Erkenntnisfragen beantwortet – ohne unser Wahrnehmen hätten wir keine Fragen und damit auch keine Erkenntnis. Und diese Wahrnehmungen können wir auch nicht aus den Ideen ableiten. Sie treten einfach auf, sobald wir unsere Augen öffnen, sobald unser Bewusstsein erwacht. Durch unsere Wahrnehmung sind wir Angehörige der Sinneswelt, durch sie teilt uns diese Welt etwas mit, was nur sie uns zu sagen hat. Die Wahrnehmungswelt ist eine Welt erster, ursprünglicher, einmaliger, unwiederholbarer Ereignisse. Und ein solches Ereignis ist die freie Handlung. Kann man eine freie Handlung aus den Ideen ableiten, in denen alles wohlbegründeter Zusammenhang ist? Nein, denn zu einer freien Handlung muss ich mich entschließen und niemand kann vorhersehen, ob ich diesen Entschluss fasse. Eine freie Handlung ist etwas schlechterdings Erstes, etwas, womit das Weltgeschehen immer wieder von Neuem beginnt. Freie Handlungen sind keine Wiederholungen, auch wenn das Anfangen sich wiederholt – aber es ist stets von Neuem ein anderes Anfangen, eines, das noch nie da war.

Daher gibt es einen Weg von der Philosophie zur Freiheit. Zwischen seinem 21. und seinem 33. Lebensjahr hat Steiner diesen Weg zurückgelegt. Es ist der Weg vom Goethe­forscher zum ethischen Individualisten. Man könnte auch sagen, der Weg von Plato zu Aristoteles. Darin liegt kein Widerspruch: Plato blickte durch die sinnliche, empirische Welt auf die Ideen und erschaute in ihnen die Urbilder alles Seins, Aristoteles blickte durch die Ideen auf die sinnliche, empirische Welt und erkannte, dass alles von ihnen durchdrungen ist. Und letztlich ist auch die freie Handlung von Ideen durchdrungen, denn in ihnen wird der vom Menschen denkend erfahrene Geist zur bewegenden Kraft. Die in sich ruhende Ideenwelt hat sich in den Strom der Zeit entäußert, in der Wahrnehmungswelt ist sie verschwunden: Im Menschen, in dessen Denken die Intuitionen aufleuchten, die hervorzubringen die Wahrnehmungen ihn veranlassen, tauchen sie wieder auf. Die Idee erstirbt in der Sinneswelt und aufersteht im frei handelnden Menschen: Als Kosmos moralischer Intuitionen beginnt die »geistige Welt« im Menschen Gestalt anzunehmen.

Literatur: Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, GA 4

Blog des Autors: anthroblog

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