Berufsbildende Waldorfschule

Von Gerrit de Jong, Mai 2017

Eine neue Form der Waldorf-Oberstufe mit Berufsabschluss und Fachhochschulreife in Hamburg.

Foto: © Brigitte Huisinga

Wenn die Praktikantin Cora S. morgens die Krippe betritt, steht sie gleich im Mittelpunkt. Kinderhände greifen vertrauensvoll nach ihr, Eltern und Kollegen grüßen die junge Frau. Seit sie im Interkulturellen Waldorfkindergarten in Hamburg-Wilhelmsburg arbeitet, ist sie aus dem Team der Krippengruppe nicht mehr wegzudenken. Den Kindern ist sie eine liebevolle Gefährtin geworden, den Erzieherinnen eine verlässliche Kollegin. Der Kindergarten als außerschulischer Ort des Lernens bietet gerade jungen Erwachsenen einen pädagogisch gestalteten Raum, um verantwortliches Handeln zu lernen. Sie lernen betriebliche Abläufe kennen, die auch Übernahme von Verantwortung erfordern. Bald ist Coras einjähriges Praktikum beendet. Sie braucht es, um ihren Schulabschluss zu vervollständigen. Nachdem Cora an einer Hamburger Waldorfschule den schulischen Teil der Fachhochschulreife erlangt hat, absolviert sie in dem Wilhelmsburger Kindergarten den einjährigen praktischen Teil. Sie kann dann an einer Fachhochschule studieren.

Beruf und Schule

Der Verein zur Förderung der Waldorfberufsbildung Hamburg hat einen Plan für eine ganz auf Berufsbildung und die Fachhochschulreife ausgerichtete Waldorfoberstufe entwickelt. Ab Sommer 2018 soll es in Hamburg eine an der Waldorfpädagogik ausgerichtete Berufsfachschule mit dem Schwerpunkt sozialpädagogische Assistenz geben.

Im Vergleich zu Cora haben die Absolventen dieses neuen Ausbildungsweges einen klaren Vorteil. Nach dem Besuch der neuen Berufsfachschule sind sie »sozialpädagogische Assistenten«. Dieser Beruf ist vielfältiger als bislang angenommen. Allgemein bekannt ist eine Tätigkeit in Kindergärten, Krippen, Horten und Ganztagsschulen. Doch sind die sozialpädagogischen Assistenten auch qualifiziert für eine Beschäftigung in Erholungs-, Kinder- und Ferienheimen, in der Begleitung von Menschen mit Assistenzbedarf aller Altersstufen – beispielsweise in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung – oder in Kinderkrankenhäusern.

Ein waldorfpädagogisches Bildungszentrum entsteht

Aufbauend auf dieser Berufsfachschule zur sozialpädagogischen Assistenz plant die Initiative im nächsten Schritt die Gründung einer Fachschule für Erzieher, Heim- und Jugenderzieher und Heilerziehungspfleger. Mit diesem Abschluss sind die Absolventen Fachkräfte in vielen helfenden Bereichen der Wohlfahrtspflege und er berechtigt auch zum Studium, zum Beispiel im Studiengang Sozialarbeit.

Der Verein zur Förderung der Waldorfberufsbildung Hamburg, das Hamburger Seminar für Waldorfpädagogik sowie der Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen planen gemeinsame Schritte zur Umsetzung dieser Ideen. Das Seminar für Waldorfpädagogik, das sich im Nordosten der Hansestadt im Stadtteil Barmbek befindet, hat Anfang dieses Jahres angrenzende Gewerberäume gekauft und wird sich erweitern. Es gäbe dann dort auch geeignete Unterrichtsräume für die Berufsfachschüler. Ein waldorfpädagogisch ausgerichtetes Bildungszentrum würde entstehen, wo sich das Lehrerseminar, die Schule und der Kindergarten vernetzen.

Die Berufsausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten geschähe dann unter einem Dach mit dem Studium der Waldorfpädagogik und der Waldorferzieherausbildung, die dort auch beheimatet ist. Hieraus könnten sich für die Ausbildungen gewinnbringende Über­schneidungen und förderliche Synergien ergeben. Angesichts der permanenten Personalknappheit unter den Erzieherinnen können sich die Hamburger Waldorfkindergärten und Schulhorte über zusätzliche Fachkräfte freuen. Aber auch für die Hamburger Waldorfschulen ist der Aufbau der Berufsfachschule von großer Bedeutung. Statt wie Cora über zwei Jahre »bloß« zur Fachhochschulreife zu gelangen, können die Hamburger Waldorfschüler künftig an der Berufsfachschule in zwei Jahren neben ihrer Fachhochschulreife ihren ersten Berufsabschluss machen.

Zur Autorin: Dr. Gerrit de Jong ist Gründungsmitglied des Vereins zur Förderung interkultureller Waldorfpädagogik in Hamburg.

Literatur: P. Schneider/I. Enderle (Hrsg.): Das Waldorf-Berufskolleg. Entwicklung und Ergebnisse einer neuen Oberstufengestaltung der Waldorfschule, Frankfurt/M. 2012