Bildung im Wandel der Gesellschaft. ENASTE-Kongress in Wien

Von Stephan Siber, Juni 2015

Vom 14.-16. Mai 2015 fand in Wien der dritte Internationale Kongress des »European Network for Academic Steiner Teacher Education« (ENASTE) statt, der auch in diesem Jahr wieder vom Zentrum für Kultur und Pädagogik, einem Institut der Alanus Hochschule, ausgerichtet wurde.

Teilnehmerinnen des Kongresses im Kreativ-Workshop

Nachdem vor zwei Jahren die Bedeutung des Menschenbildes in der Pädagogik im Zentrum stand, ging es dieses Jahr um die Einflüsse sozialer, kultureller, technologischer, ökonomischer und demographischer Transformationsprozesse auf Kindheit, Jugend und Erziehung. Auch dieses Mal wurde der Kongress in den Räumen der Diplomatischen Akademie Wien sowie dem Haus der Anthroposophie abgehalten.

Schwungvoll eröffnet wurde er – wie von Wien vielleicht nicht anders zu erwarten, musikalisch – mit drei Gesangsdarbietungen, a cappella vorgetragen von Schülern der Rudolf Steiner Schule Wien-Mauer. In der darauf folgenden Eröffnungsansprache nahm Kongress-Leiter Leonhard Weiss Bezug auf den österreichisch-ungarischen Wirtschaftsanthropologen Karl Polanyi und sein 1944 veröffentlichtes Werk »The Great Transformation«, in dem Polanyi u. a. die industrialisierungsbedingte Verselbstständigung der Ökonomie von der Gesellschaft analysierte und argumentierte: »Soll der Industrialismus nicht zur Auslöschung der Menschheit führen, dann muss er den Erfordernissen der menschlichen Natur untergeordnet werden.« Polanyis Hervorhebung der menschlichen Natur und ihrer Bedeutung im Kontext großer gesellschaftlicher Transformationen brachte Weiss mit der Bildungsfrage in Zusammenhang und stellte die für die gesamte Veranstaltung programmatische Frage: Wie können wir in Zeiten wirtschaftlicher Globalisierung, wachsender Technologie-Dominanz, rasanter Beschleunigungstendenzen und zunehmender Bildungsstandardisierung Kindern und jungen Menschen helfen, ihre höchsten individuellen Potenziale zu entfalten? Welche Änderungen müssen heute im Bereich der Bildung angedacht werden, um den Herausforderungen der »Großen Transformation« unserer Zeit gerecht werden zu können?

Das äußerst dicht gefüllte zweisprachige Kongressprogramm umfasste fünf Keynotes, 39 – großteils parallel abgehaltene – Präsentationen mit sechs Themenschwerpunkten, dazu fünf künstlerische Workshops und vier Diskussionsforen. Künstlerisch begleitet wurde der gesamte Kongress eindrucksvoll-poetisch von der Kompanie Vonnunan mit Ausschnitten ihres aktuellen Programms »Walk With Me«.

Exakt 200 Teilnehmer aus 25 Nationen reisten an, darunter Lehrer und Lehrerbildner, Wissenschaftler und Studierende unterschiedlichster Disziplinen, sowie an pädagogischen Fragestellungen interessierte Menschen, nicht nur aus Europa, sondern u. a. auch aus Neuseeland und Australien, Kolumbien und Brasilien, aus Israel, China, den USA und der Ukraine.

Nicht nur Waldorf

Obwohl der ENASTE-Kongress in der Vergangenheit als »Waldorfpädagogik-Kongress« bezeichnet wurde, dürfte diese Bezeichnung – sofern sie überhaupt jemals zutraf – der diesjährigen Veranstaltung nur bedingt gerecht werden. Denn weder war ein überwiegender Teil der Beiträge explizit waldorfpädagogischen Themen gewidmet, noch wurden sie mehrheitlich oder gar ausschließlich von Referenten mit waldorfpädagogischem Hintergrund gegeben. Seit ihrem Beginn im Jahr 2011 ist die Kongressreihe vielmehr stetig gewachsen, sowohl das geographische Spektrum als auch der Hintergrund der Beitragenden hat sich sukzessive erweitert und die Ausschreibung wird mittlerweile weit über den waldorfpädagogischen Kontext hinaus wahrgenommen, was sich auch in dem vielseitigen und dichten Programm widerspiegelte. Aus Sicht der Veranstalter zeigt sich hierin eine erfreuliche Entwicklung, die von Anfang an als eine der Grundideen dieser interdisziplinären Kongressreihe ins Auge gefasst wurde und zugleich ein klares Unterscheidungsmerkmal zu anderen Veranstaltungen, die den Themenkomplex Waldorfpädagogik berühren. Laut Leonhard Weiss geht es gerade darum, dass sich Menschen unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Disziplin, ihrer weltanschaulichen Einstellung oder ihrem pädagogischen Menschenbild zu einem bestimmten erziehungswissenschaftlichen Thema austauschen. Auf diese Weise sollen auch neue Kontakte und Kooperationen zwischen Forschenden ermöglicht werden. Denn eine der zentralen Herausforderungen für die Waldorfpädagogik heute ist laut Weiss der Dialog mit Kollegen, die andere wissenschaftliche und pädagogische Hintergründe haben, die aber doch das gemeinsame Ziel teilen, die Entwicklung von Kindern und jungen Menschen bestmöglich zu fördern. Diesem Anliegen wurde auf dem Kongress zum Beispiel durch das Diskussionsforum »Studenten und junge Forscher im Gespräch« Rechnung getragen.

Das vollständige Programm sowie eine Liste sämtlicher Referenten und eine Auswahl von PowerPoint-Präsentation kann über die Website des Kongresses www.enastecongress.net abgerufen werden.

Zum Autor: Stephan Siber, MSc MBA, geb. 1976. Seit 15 Jahren in der IT-Branche tätig, 2003-2004 UNIDO Expert on Mission, Trainertätigkeit in der Erwachsenenbildung, Projektkoordination für das Rudolf Steiner-Jahr 2011, seit 2013 Doktorats-Studium an der Oxford Brookes University über Ästhetische Erziehung und Soziale Plastik.