Dialog auf Augenhöhe

Von Katja Hornemann, Thorsten Hahn, Michael Harslem, Oktober 2015

In Seeon trafen sich über 70 Menschen, um über Fragen der aktuellen Entwicklung an Waldorfschulen zu beraten. Das Symposion wurde von einem Team der Akademie für Entwicklungsbegleitung geleitet.

Die Beziehungs-Triade Eltern – Lehrer – Kind beschreibt die der Schule zu Grunde liegende Konstellation und ist eine Schicksals-Tatsache. Es stellt sich die Frage: Was verbindet Eltern und Lehrer in ihrer jeweiligen Aufgabe? Es ist der Blick auf das Kind, das wir niemals aus den Augen verlieren sollten, wenn wir gut miteinander auskommen wollen.

Drei Bereiche der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern spielen in der Waldorfschule eine Rolle:

1. der pädagogische Bereich zu Hause und in der Schule mit den Kindern im Mittelpunkt,

2. die Schulgemeinschaft der Eltern, der Lehrer und der Schüler auf den Ebenen der Klasse und der Schule,

3. die Führungsaufgaben in der Selbstverwaltung.

Die meisten Konflikte entstehen dadurch, dass diese Bereiche nicht auseinandergehalten werden. Wo hingegen die jeweiligen Aufgaben und Kompetenzen deutlich umrissen und als solche wertgeschätzt werden, kann Vertrauen wachsen und eine konstruktive Zusammenarbeit entstehen.

So sollte beispielsweise der kompetente Elternblick auf das einzelne Kind in möglichst jede Kinderbesprechung einbezogen werden. Anders herum können Eltern die Sicht des Lehrers auf die ganze Klasse als soziale Gemeinschaft als Erweiterung ihrer Sicht annehmen und diese als Bereicherung erkennen lernen.

Wirklich miteinander sprechen kann man nur, wenn man sich auf gleicher Augenhöhe begegnet, wenn man die Kunst des Zuhörens beherrscht. »Höre«, mit diesen Worten beginnt die Benediktinerregel. Hören ist Voraussetzung für Begegnung« – diese Botschaft an der Wand eines Tagungsraumes des Klosters Seeon kann als Aufforderung zum Dialog zwischen allen an der Schule beteiligten Menschen verstanden werden.

Eine weitere wichtige Erkenntnis für uns war, dass auf der Führungsebene die spezielle Rolle des Elternteils oder Lehrers verlassen wird und es nur noch auf die Fähigkeiten zur Führung ankommt. Wenn hier weiter im Sinne von Interessenvertretung gedacht, gefühlt und gehandelt wird, wird das dem unternehmerischen Auftrag der Führung nicht gerecht – und führt zu Gegensätzen und Polarisierungen. So gab es Beispiele, bei denen sowohl Eltern als auch Lehrer in die Führungsgremien als Interessenvertreter der jeweiligen Gruppe gewählt worden waren, sodass die Schulführung in sich die Interessengegensätze zu bearbeiten und dadurch die Gruppenkonflikte stellvertretend zu lösen hatte. Eigentlich müsste die Führung aus übergeordneter Sicht die Interessengegensätze zum Ausgleich bringen.

Die Teilnehmer der einzelnen Schulen arbeiteten konkrete Handlungsansätze für die eigene Schule aus. Dabei entstanden 16 verschiedene Projekte mit teilweise schon konkreten Plänen. Darunter waren Projekte wie z.B. gemeinsame Schulforen als Plattform für den Dialog, der Einbezug der Eltern in die Kinderbesprechungen, gemeinsame pädagogische Wochenenden oder Klausuren zur Schulentwicklung, neue Formen der Konfliktbearbeitung, Dialogkultur, Eltern als Teilnehmer an Kollegiumsklausuren oder auch an Konferenzen, Professionalisierung des Elternfeedbacks, Neugestaltung des Elternrates oder der Einbindung des Elternrates in die Schule, Einbezug von Eltern in die Personalarbeit u.a.

Zum Schluss bewegte uns alle die Frage: Wie können die gewonnenen Anregungen in unsere Schulen mitgenommen werden? Den Blick vom Berg mit hinunter zu nehmen an die einzelnen Orte, um sie dort konstruktiv ins Leben zu führen?

Viel hängt davon ab, ob es uns Eltern und Lehrern gelingt, eine neue Gesprächskultur zu entwickeln, die von Empathie und Interesse geprägt ist. Es geht um unsere Kinder, um unsere Schulen – und um den gemeinsamen Blick auf das Kind. »Wir nehmen eine Menge Samen in unseren Taschen mit und wollen sie nun zu Hause in unseren Gärten zum Wachsen bringen!«, so ein Teilnehmer in der Abschlussrunde.

Auf Grund der gelungenen Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern beschloss die Akademie für Entwicklungsbegleitung, ab jetzt alle weiteren Symposien zu Fragen der Schulentwicklung für Eltern und Lehrer gemeinsam durchzuführen.

Das nächste Symposion findet vom 4.-6. Mai 2016 im Kloster Seeon zum gleichen Thema statt.

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