Inklusion an Waldorfschulen – Ein Bericht aus der Forschung

Von Martin Riebel, Oktober 2014

Im August 2014 legte ich im Rahmen der Bachelorarbeit meines Förderpädagogik-Studiums an der Uni Leipzig eine qualitative Studie zum Stand der Inklusion an Waldorfschulen in Deutschland vor. Fazit: die Waldorfbewegung ist auf einem guten Weg.

Die Freie Waldorfschule Emmendingen praktiziert Inklusion

Motivation der Auseinandersetzung war das Fehlen eines ganzheitlichen Blicks auf den konzeptuellen Stand des Verständnisses von Inklusion an Waldorfschulen in der Literatur. Dabei war es mir möglich aus einer breiten Datenbasis der betreffenden Schulen (siehe Hinweis) ein umfängliches Bild der Konzeption von Inklusion zu zeichnen. Ich möchte den Lesern einen kleinen Ausschnitt der Auswertung dieses Bildes geben.

Die Auswertung erfolgte im Sinne von Hans Wockens »Haus der Inklusion« auf drei Ebenen: jener der Schüler, des Unterrichts und der Pädagogen. 

Inklusion auf Schülerebene

Die untersuchten Schulkonzepte wiesen auf der Ebene der Schüler, ein deutliches Maß an inklusiven Potentialen auf. Besonders hervorzuheben ist die Willkommenskultur der betreffenden Schulen, an denen konzeptuell jedes Kind gewünscht ist – Diversität wird zur Schulkultur erhoben! Zudem versuchen die Waldorfschulen die konstruierte Teilung ihrer Schüler als Menschen mit und ohne zugeschriebene Behinderung zu überwinden, indem (weitestgehend) allen potentiell dieselben individualisierten Bildungschancen für 12 Jahre offen stehen. Jedoch legen hier die Schulen, wohl aus planerischer Pragmatik, Schlüssel für Schüler mit und ohne sog. Behinderungen zugrunde. Besonders problematisch wird der Blick auf die unausgelesene Schülerschaft einer inklusiven Waldorfschule jedoch, besieht man sich die Zugangsvoraussetzungen: Zum einen bedeutet dies aufgrund finanzieller Benachteiligung der Waldorfschule durch staatliche Institutionen einen erheblichen materiellen Aufwand für die Eltern in Form von Schulgeldern etc. Zum anderen werden wohl tendenziell nur diejenigen Eltern ihre Kinder an eine (inklusive) Waldorfschule schicken, die zur Auseinandersetzung mit dem Bildungsweg ihres Kindes in der Lage sind – Dies birgt möglicherweise das Risiko, bestimmte soziale Schichten auszuschließen.

Inklusion im Unterricht

Ebene 2 der Auswertungen besah sich die Konzeption des Unterrichts an den genannten Schulen. Dieser weist eine besonders hohe Dichte an inklusiven Merkmalen auf: Allen Schülern wird der Zugang zu einer allgemeinen Bildung nach Waldorf-Lehrplan zuteil. Der individuelle Zugang und die Individualisierung des Unterrichts ist in den Konzepten enorm präsent, wobei auch das gemeinsame Besinnen im Lernen Raum findet. Die Schulen unterstützen ihre Kinder zudem mit einer breiten Vernetzung der jeweiligen Einrichtungen im sozialen Nahraum, sowie durch die Nutzung externer Lernorte, bekannter Rituale und Rhythmen im Schul-Alltag sowie die Wertschätzung der Diversität als Chance.

Das Waldorfzeugnis spielt hier auch eine herausragende Rolle, da es in seinem individualisierten Charakter ohne konstruierte Zensuren-Norm den individuellen Lernweg der Schüler beschreiben kann und so ein echtes Instrument der Lernwegsbegleitung ist, ohne Negativkonsequenzen aus Leistungsgründen zu erwirken.

Auf der Ebene des Unterrichts ließen sich auch nur wenige Lücken bezüglich des inklusiven Anspruchs ausmachen: Vor allem die zuweilen recht uneindeutige Schilderung von Unterrichtsmethoden und gewählten Sozialformen wie die partiell skizzierte Projektform und das offene Ganztagsangebot an Schulen können Nährböden zur konzeptuellen Weiterentwicklung sein. Nicht bedacht werden indes behindernde Lernbarrieren im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention. Es ist jedoch sicher empfehlenswert, sich die Frage zu stellen, an welcher Stelle und aus welchem Grund Schüler in ihren Entwicklungsprozessen in der einzelnen Einrichtung auf Barrieren stoßen können und wie sie bestmöglich unterstützt werden können, diese zu überwinden. Die aufgefundenen Gedanken zur Integrationshilfe bieten hier bereits ein Fundament.

Inklusion durch Pädagogen

Die dritte Ebene der Auswertungen beschreibt die Pädagogen, welche tagtäglich die Schüler in ihrem individuellen Wachsen begleiten. Hier liegt eine besondere Stärke der untersuchten Konzeptionen: Die Waldorfschulen sind in der Lage, stringent und organisatorisch effektiv, multiprofessionelle Geflechte aus Klassenlehrern, Heilpädagogen, Therapeuten, Sozialpädagogen, Erziehern, den Eltern/Familien, dem Schulumfeld und  allen weiteren denkbaren Mitwirkenden zu spinnen, um den Schülern eine Umgebung zu schaffen, in der sie sich individuell organisch entfalten können. Besonders fruchtbar macht sich hier die didaktische Zurückhaltung der Lehrenden bemerkbar, wie die Waldorfpädagogik der Schulen sie beschreibt: Auf die Selbstentfaltungskräfte der Kinder und Jugendlichen wird vertraut und sie können so in ihrem eigenen Tempo wachsen.

Dieses hier grob skizzierte Bild zeigt vor allem zwei Dinge:

Die untersuchten Schulen konzipieren die schulische Inklusion in einem ganzheitlichen Modus, denn sie bedienen sich ihrer Freiheit als Freie Waldorfschulen: Sie nutzen alle einen gemeinsamen, die Diversität wertschätzenden Kanon pädagogischer Maximen um diese dann eigenverantwortlich in ihrem Alltag umzusetzen. Dadurch können die Schulen für die ihnen Anvertrauten eine Lebensumgebung schaffen, die sich eng mit den Entwicklungsschritten des Einzelnen verzahnt und so jedes wachsende Individuum auf seinem Weg unterstützt.

Die Waldorfbewegung ist also auf einem guten Weg! Neben kleineren Unzulänglichkeiten setzen die untersuchten Schulen erziehungswissenschaftliche Ansprüche an die Inklusion konsequent um und man hat in jenen beiden Diskursen, anders als so oft von beiden Seiten behauptet, dieselben inhaltlichen Ziele! Es lohnt sich also für alle Beteiligten, in den anderen hineinzuhören: Die Waldorfschule kann in Bereichen der theoretischen Facetten inklusiven Schullebens mit »der Erziehungswissenschaft« fruchtbare Gespräche führen, wobei »die Staatsschule« aus der inklusiven Praxis an Waldorfschulen eine Menge Impulse ziehen könnte.

Es ist also an der Zeit, Brücken zu bauen, um allen Kindern und Jugendlichen hierzulande einen wirklich qualitativ hochwertigen und inklusiven Weg in der Schule zu eröffnen – egal ob Waldorfschule oder staatliche Einrichtung!

Interessierten steht die vollständige Studie mit allen detaillierten Auswertungen, Literaturen und Materialien hier zur Verfügung: http://workupload.com/file/7zYKAxbM

Hinweis: Untersucht wurden alle sich als integrative oder inklusiv bezeichnenden Waldorfschulen Deutschlands: Karl-Schubert-Schule (Leipzig), Integrative Waldorfschule Emmendingen, Windrather Talschule, Freie Waldorfschule Kreuzberg, Emil-Molt-Schule (Calw), Kölner Michaeli-Schule.