Konflikte an Schulen – und wie man sie entschärft

Von Sylke Baumunk, Ellen Niemann, Februar 2017

Ein Projekt des Landeselternrates der Freien Waldorfschulen Berlin-Brandenburg.

Foto: © David-W-/photocase.de

Eltern unterstützen

Der Landeselternrat (LER) Berlin-Brandenburg hat in einer Umfrage 2014 Eltern der Freien Waldorfschulen Berlin-Brandenburg gefragt, wie sie strukturell an ihren Schulen eingebunden sind. Ein Ergebnis ist, dass das Thema Konfliktlösung bei Eltern große Priorität besitzt. Dies hat der LER zum Anlass genommen, sich eingehender mit dem Thema zu befassen. Als Zielstellung sollte etwas für Eltern herauskommen, das im Alltag Hilfe bietet.

An dem Thema hat der LER auch mit der Regionalkon­ferenz der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Berlin-Brandenburg sowie mit zwei Arbeitsgruppen auf der Bundeselternratstagung 2016 an der Rudolf Steiner Schule in Berlin-Dahlem gearbeitet. Eine ausführlichere Broschüre ist in Arbeit, die voraussichtlich auf der Bundeselternratstagung 2017 in Überlingen vorliegen wird.

Gute Strukturen vorhanden

Nach Erkenntnis des LER sind an vielen Schulen schon gute Strukturen, die eine einvernehmliche Konfliktlösung unterstützen, vorhanden. Es gibt Vertrauenskreise, Schlichtungsbeauftragte oder Mediationsteams. Über die Schule hinaus dienen vielerorts Schlichtungsstellen der Regionen oder des Bundes der Freien Waldorfschulen als Ansprechpartner. Neben der Strukturebene sind die Qualität der Beziehungen und die alltäglichen Interaktionen und Begegnungen weitere wesentliche Aspekte.

Entscheidend ist die Atmosphäre

In Interaktionen spielt neben dem Was, das heißt, worüber man redet, wie zum Beispiel Stundenpläne, das Essen, die Finanzen, auch das Wie, die Stimmung, die Atmosphäre, die emotionale Seite immer eine Rolle. Es ist sinnvoll, auf das Wie zu achten, denn je angstfreier die Atmosphäre ist, desto leichter und offener reden wir. Das Wie steht unter vielen Einflüssen, zum Beispiel unserer eigenen Lebensgeschichte, unseren Werten, Wünschen, unserem Verhalten und unseren Reaktionen. Eltern können Vitalität, Lust und positives Erleben in der Schule fördern, wenn sie sich selbst, das heißt, ihre Werturteile, Reaktionen oder Aktionen, wenn etwas anders läuft, als man denkt, reflektieren.

Oft werden dann Gefühle ausgelöst, zum Beispiel wenn die Kinder sich unzufrieden über das Essen, Lehrer, die Schule an sich oder Regeln äußern, wenn sie traurig sind oder Schwierigkeiten haben. Oder wenn wir selbst uns gerade nicht sicher sind. Geht’s meinem Kind gut? Lernt es genug? Wie ist die Stimmung in der Klasse?

Im Alltag neigen wir dazu, Kritik zu üben, einen Schuldigen zu suchen oder schnelle Lösungen zu finden, wenn wir selbst frustriert sind, verunsichert, überfordert oder einfach zu viel wollen. Es ist manchmal schwer, sich selbst zu beruhigen, gelassen und besonnen zu reagieren und dann reden wir über den oder die anderen, anstatt von uns selbst. Die Atmosphäre ist dann aber anders. Denn Kritik und auch noch so gut gemeinte Anregungen können vom Anderen als Angriff oder Bevormundung erlebt werden. Dieser Übergriff löst Abwehrmechanismen und Schutzreaktionen aus. Um hier einen Weg zu eröffnen, kann es hilfreich sein, sich zunächst auf die eigenen Gedanken und Gefühle zu besinnen, sie ernst zu nehmen, sie aber nicht bei einem anderen abzuladen. Man kann und muss für seine Werturteile und Gefühle immer selbst die Verantwortung übernehmen.

Auf der anderen Seite, darf man auch seine eigenen Grenzen schützen. Ein Ansatzpunkt, der im Alltag hier genutzt werden kann, ist die Sprache. Sie ist oftmals appellierend, man macht Druck, ohne es selbst zu merken. Spricht man aus der Ich-Perspektive heraus mit Offenheit und Neugier sowie Interesse am Anderen, ist das Wie anders.

Ich-Botschaften helfen

Sprache sollte im Schulalltag persönlich und anerkennend sein. Nicht im Sinne von lobend, sondern von erkennend. Wenden sich Eltern in einer persönlich gehaltenen Sprache an einen Pädagogen (oder umgekehrt) verringert sich die Gefahr, dass etwas als kritisierend oder bevormundend erlebt wird. Wir benutzen die Sprache meist appellierend und verallgemeinernd, das heißt unpersönlich. Drückt man hingegen nur das eigene Innere aus, dann wird man als Person authentisch und spürbar. Dazu ist zuerst notwendig, in sich selbst hineinzuschauen, um herauszufinden, worum es eigentlich genau geht. Darauf können konkrete Handlungen folgen und man kann sich einbringen, zum Beispiel jemanden konkret fragen und Verantwortung übernehmen. Persönlich sein, das heißt, von sich sprechen, schließt ein, sich inhaltlich und gefühlsmäßig mitzuteilen – aber ohne Schuldzuweisungen!

Das setzt voraus, seine Gedanken und Gefühle wahrzunehmen. Die Atmosphäre kann positiv sein, wenn man sich stärker darauf besinnt, dem Anderen zuzuhören, nicht sofort zu reagieren, sondern den Äußerungen und auch den Gefühlswallungen Platz einzuräumen.

Eltern und Pädagogen verantworten unterschiedliche Bereiche. Darüber hinaus gibt es Aufgaben oder Bereiche, die gemeinsam erarbeitet und gestaltet werden. Beide Kompetenzbereiche bilden die Grundlage der gemeinsamen Trägerschaft der Schulen. Eltern und Lehrer sind im Hinblick auf die ihnen anvertrauten Kinder Erziehungspartner. Dass beide Seiten sich hier als gleichwertig erleben, erfordert, dass die Beziehung von beiden Seiten gepflegt wird. Ist die Beziehung gestört und arbeiten Pädagogen und Eltern nicht zusammen, kann das negative Folgen für die Kinder haben, weil sie in Loyalitätskonflikte geraten. Die Erziehungspartnerschaft kann durch persönliche Begegnungen gestärkt werden. Beide Seiten müssen sie als fruchtbar erleben und das tritt eher ein, wenn jedem auch der andere wichtig ist. Es kann im Schulalltag allerdings vorkommen, dass man aneinander gerät, dass es »knallt«, denn man ist ja nicht immer nur ruhig, besonnen und sachlich und in der Lage, seine Gefühle bei sich zu behalten.

Wir Menschen empfinden es als Stärkung, wenn wir mit allen Gefühlen, also auch Enttäuschung, Ärger oder Traurigkeit ernst genommen und gesehen werden. Diese gefühlsmäßige Seite muss immer zuerst verarbeitet werden. Dann erst ist ein gutes Gespräch in der Sache möglich. Der »Quantensprung« im Hinblick auf eine gute Konfliktkultur liegt darin, Konfliktsituationen als natürlich anzusehen und Unsicherheit, Angst, Überforderung in den Schulalltag zu inkludieren. Eltern können sich darin gegenseitig helfen und beschützen.

Es wird in Gemeinschaften immer Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten geben. Es fühlt sich aber anders an, wenn man beieinander bleibt, sich versteht, anstatt einander abzuwerten und so eine Beziehung und den Kontakt im Grunde zu vermeiden. Aus der gemeinsamen Arbeit heraus betrachten die Eltern im Landeselternrat dies als ständige Aufgabe und Übungsfeld im schulischen Miteinander.

Zu den Autorinnen: Dr. Sylke Baumunk ist Mitglied der Eltern-Lehrer-Konferenz an der Freien Waldorfschule in Kleinmachnow; sie ist nach den Grundsätzen Jesper Juuls in der Arbeit an Beziehungen in Familien und Gruppen ausgebildet, Coach und Familienberaterin in Berlin, www.begegnungscoaching.de; Ellen Niemann ist Mitglied im Landeselternrat Berlin-Brandenburg.