Krieg und Frieden

Von Christoph Lange, November 2014

Oberstufenschüler der Freien Waldorfschule Offenburg eröffnen eine Veranstaltungsreihe der Stadt zum Ersten Weltkrieg.

Jona Sander (Klasse 12b): Eurythmie zu Musik und Texten von G. Ungaretti, S. Rachmaninoff und F. Marc. Foto © Tobias Holz

»Hundert Jahre Erster Weltkrieg« – die Eröffnung der städtischen Veranstaltungsreihe in Offenburg wird von 150 Waldorfschülern der Klassen 9 bis 12, einigen Eltern und Lehrern gestaltet. Fast die gesamte Oberstufe ist beteiligt. »Krieg und Frieden. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts – künstlerische Annäherungsversuche von Schülern« lautet der Titel des Abends.

Donnernd und schmetternd marschiert das Bläserensemble der Oberstufe mit Beethovens »Yorckschem Marsch« an den Stuhlreihen der Zuschauer und -hörer vorbei quer durch den Saal. Weiße Taschentücher werden geschwenkt. Abschied. Tränen. Es geht an die Front. Dunkel. »Eine ganze Nacht lang / hingeworfen / neben einen hingemetzelten / Kameraden / mit seinem gefletschten / Mund / dem Vollmond zugewandt […] habe ich Briefe geschrieben / voll von Liebe« (aus: Guiseppe Ungaretti: »Wache«). Teile der 12. Klasse spüren dem Text eurythmisch mit Bewegungen größter Konzentration und Gespanntheit nach. Es erklingen Sergeij Rachmaninoffs »Prélude in cis-moll« und Auszüge aus Franz Marcs Feldpostbriefen. Auf der Bühne entwickeln sich Arabesken des Todes, entsteht wirbelnde Qual, auch Ratlosigkeit. Dunkel. Ergriffener Applaus.

Die Klasse 9a skandiert und singt Bert Brechts »Kanonensong« aus der Dreigroschenoper. Ein ätzender Kommentar zum Kriegsgrauen: »Soldaten wohnen auf den Kanonen« und machen aus Menschen »Beefsteak Tartar« … Dunkel.

Ein dicht gedrängter Block von Schülern der 11a rezitiert monoton wie aus einem Munde Tucholskys Anklage: »Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen? […] Bis sie ihn dir weggenommen haben. Für den Graben, Mutter, für den Graben.« Dunkel.

Baden und Elsass

Die Distanz von Offenburg bis zur französischen Grenze beträgt nur zwanzig Kilometer. Baden und das Elsass, das sind zwei Seiten einer Landschaft, eines Kulturraums, und Badener und Elsässer sprechen beide alemannische Mundarten. Die Frontlinie verlief im Ersten Weltkrieg auf dem Vogesenkamm. Unsere elsässische Französischlehrerin übersetzte also Rimbauds Kriegstext »Le dormeur du val« ins Elsässische. Rezitiert wird zweisprachig von der Klasse 9b. Un soldat »dort dans le soleil, la main sur sa poitrine / Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit«. Dunkel.

Dreisprachig in Englisch, Französisch und Deutsch führt anschließend die Klasse 10a ihr selbstgeschriebenes Stück »Weihnachtsfrieden« auf. Zugrunde liegt die historisch belegte Verbrüderung von englischen, französischen und deutschen Soldaten zum Weihnachtsfest 1914. Ergreifende, intensive, wortlose Bewegung aus der Verschanzung heraus und aufeinander zu. Begegnung zwischen den Fronten von kurzer Dauer. Dunkel. Bewegter Beifall. Pause.

Schüler der Waldorfschule Freudenstadt geben ein Gastspiel auf der Offenburger Bühne mit dem schmerzerfüllten Liebesgedicht »An Deutschland« der Russin Marina Zwetajewa auf Russisch und Deutsch: »Wie könnte ich dich je im Stich lassen? […] Deutschland, mein Wahnsinn!« Dunkel. Ein mutiger Text, der einen tiefen Riss in unserem Bild des Ersten Weltkriegs als eines Kampfes Nation gegen Nation hinterlässt.

In den zarten Lyrismus von Prokofijews erster »Vision Fugitive«, leuchtend farbigen musikalischen Blüten und Ranken, in Bewegung übersetzt von Schülern der Klasse 11a, bricht der gliederlose Maschinenrhythmus von August Stramms »Urtod« ein: »Raum / Zeit / Raum / Fallen / Sinken / Stürzen / Raum / Zeit / Raum …« Zunächst nur gewispert und geflüstert, immer lauter werdend, sich steigernd in der Rezitation der lemurenhaft weiß geschminkten Schüler der Klasse 11b bis hin zum geschrieenen »Nichts!«, das jede Bewegung zum Stillstand bringt. Aus dem Todes-Nichts des Schützengrabens blüht erneut das Leben der musikalischen Visionen Prokofijews hervor. Trauriges Wunder. Dunkel.

Ein Schüler der Klasse 12b füllt ganz alleine die Bühne mit Brechts »Moderner Legende«, szenisch gesprochen, das Publikum in die Paradoxie des Krieges mitreißend. Dunkel.

Der Oberstufenchor mit einem Sprecher aus der Klasse 12a wagt sich an die »Pietà« von Ernst Toller in der Vertonung von Peter-Michael Riehm. Im Stakkato jagt der Chor durch Dissonanzen, während der Bariton des Sprechers durch Mark und Bein geht: »Da solches Morden raste durch die Tage, / Da Erde wurde zu bespienem Schoß, / Da trunkenes Gelächter kollerte von Bajonetten, / Da Gott sich blendete und arm ward, nackt und bloß.« Dunkel.

Dann: Chor und das Orchester aus Eltern, Lehrern und Schülern. Die Bühne ist voll. Gespielt wird die »Hymn to the fallen« von John Williams aus dem Film »Der Soldat James Ryan«. Aber wie! Keine Spur von Hollywood-Kitsch und Trauerklischees, ergreifendes, ehrliches Musizieren, überstrahlt von den Stimmen des Schulchors füllt den Saal. Fast noch in die leise verklingenden Trommelwirbel hinein liest mit leiser, aber fester Stimme eine Schülerin der Klasse 11a »Alle Tage« von Ingeborg Bachmann: Die Auszeichnung des armseligen Sterns der Hoffnung über dem Herzen »wird verliehen / wenn nichts mehr geschieht, / wenn das Trommelfeuer verstummt, / wenn der Feind unsichtbar geworden ist / und der Schatten ewiger Rüstung / den Himmel bedeckt. // Er wird verliehen / für die Flucht von den Fahnen, / für die Tapferkeit vor dem Freund, / für den Verrat unwürdiger Geheimnisse / und die Nichtachtung / jeglichen Befehls«. Dunkel.

Anschwellender, lang anhaltender Applaus.

Es ist unserer Oberstufe gelungen, das schwierige Thema in all seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit so zu greifen, dass ein Geistesfunken übersprang.

Die Idee eines Schülervaters

Die Anregung zu der Veranstaltung kam von Dieter Baran, einem Schülervater, Posaunisten im SWR-Sinfonieorchester und Leiter des Ensembles »Concertino«. Die Veranstaltungsreihe der Stadt Offenburg zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren sollte demnach in einem gemeinsamen Auftakt – mit Gästen der Stadt und der Oberbürgermeisterin als Rednerin – durch die Aufführungen von Schülern der Freien Waldorfschule eröffnet werden. Der Abend hat die Identität und das Selbstbewusstsein unserer Schule gestärkt. Andererseits hatte die Veranstaltung eine positive Ausstrahlung in die Stadt hinein. Die Schule und ihr Wirken wurde aus diesem Anlass von vielen wahrgenommen, die sonst nie einen Fuß in eine Waldorfschule gesetzt hätten. Viele Menschen drückten ihr Staunen und ihre ungeteilte Begeisterung über die große Ernsthaftigkeit und Stimmigkeit der Beiträge der Schüler, die spannende Choreographie des Programms und das große Engagement von Eltern, Schülern und Lehrern aus.

Zum Autor: Dr. Christoph Lange ist Oberstufenlehrer für Deutsch, Geschichte und Kunstgeschichte an der Freien Waldorfschule Offenburg.