Sind Geschäftsführer an Waldorfschulen zufrieden?

Von Christian Boettger, Juli 2011

In einer Masterarbeit »Arbeitszufriedenheit von Geschäftsführern an Waldorfschulen« an der Universität Witten Herdecke untersucht Frau Lea Eowyn Gscheidel die Arbeitssituation von Geschäftsführern an Waldorfschulen. Frau Gscheidel hat eineinhalb Jahre als Assistenz der Geschäftsführung an der Freien Waldorfschule Berlin-Südost gearbeitet.

In der Einleitung stellt Sie die Diskrepanz fest zwischen Angaben zur durchschnittlichen Verweildauer von Geschäftsführern an Waldorfschulen. Sie lag bei zwei Quellen bei 3 Jahren und bei einer internen Erhebung bei 8 Jahren. Weiterhin stellt sie klar, dass in Bezug auf den Begriff Arbeitszufriedenheit wissenschaftlich betrachtet Probleme bei der Definition und Messung gibt.

Als Definition verwendet sie die recht allgemeine Formulierung von Weinert 2004: »Arbeitszufriedenheit umfasst alle positiven Gefühle und Einstellungen eines Beschäftigten gegenüber seiner Arbeit.«

In Bezug auf die Messung von Arbeitszufriedenheit stellt Frau Gscheidel die Probleme fest: In der Regel äußern sich mehr als 80% aller Befragten als zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Dabei wird von den Antwortenden nicht unterschieden zwischen verschiedenen Formen der Zufriedenheit: vorübergehende, resignative oder stabile Zufriedenheit. Auf einer Metaebene können Daten erhoben werden, die die direkte Befragung von Mitarbeitern einordnen können, aber auch Fluktuation und Absentismus helfen nur bedingt weiter. Grundsätzlich stellt sie fest, »dass die Erhebungsmethode, das Ziel und der Inhalt der Studie die Ergebnisse erheblich beeinflussen, vor allem wenn es um eine sehr allgemein gefasste Arbeitszufriedenheit geht.«

Daher führt Frau Gscheidel vier Variable ein, die Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit haben könnten:

  • Organisational Commitment (engl: =«Verpflichtung«):

1. Akzeptanz und Internalisierung der Werte und Ziele der Organisation

2. Motivation die Organisationsziele zu erreichen

3. Feste Absicht in der Organisation zu bleiben

  • Job Commitment (Wie verbunden ist der Geschäftsführer mit seiner Aufgabe als GF)
  • Zwischenmenschliche Beziehungen
  • Arbeitsstrukturen

Mit viel Sachkenntnis gibt Gscheidel einen kurzen Überblick über die Organisation der Waldorfschulen und stellt am Ende fest, dass die Waldorfschulen vielleicht vor der größten Herausforderung der letzten Jahrzehnte stehen: Einerseits wegen der Kombination aus demographisch bedingt sinkenden Schülerzahlen und andererseits wegen insgesamt höherem Konkurrenzdruck, sinkenden staatlichen Zuschüssen und erhöhtem Dokumentationsaufwand gegenüber Behörden. Sie stellt dann fest, dass diese Herausforderungen ganz besonders die Geschäftsführungsaufgaben betreffen.

Das Ideal der Selbstverwaltung bringt ein weiteres Konfliktpotenzial für den Geschäftsführer mit sich: Für die wirtschaftlichen Belange des Vereins ist die Geschäftsführung verantwortlich, das Kollegium als Ganzes soll allerdings im Ideal aktiv in der Verwaltung mitarbeiten und rechtlich ist nach dem Vereinrecht der Vorstand voll verantwortlich.

Zur Arbeitssituation der Geschäftsführer: Es gibt keine Standardwerke, die die Aufgaben von Geschäftsführern an Waldorfschulen festlegen. Weiterhin stellt der GLS Bericht von 2007 fest, dass es bedenklich erscheint, dass nur 57,1% der Schulen über ein Organigramm verfügen, 28,6 % über ein Leitbild und nur 9,5% über einen Schulentwicklungsplan. Die Erwartungen an die Tätigkeiten des Geschäftsführers sind vielfach nicht transparent und führen daher leicht zu Konflikten und Scheitern. Er hat sowohl Verwaltungs- als auch Unternehmeraufgaben.

Frau Gscheidel hat als Grundlagen ihrer Arbeit sehr persönliche und tiefe Einblicke erhalten: Interne Unterlagen des Bundes der Freien Waldorfschulen, Teilnahme an Konferenzen von Geschäftsführern unter anderem Schopfheim 2008 (AG Kriterien für ein Gelingen der GF- Tätigkeit)

Zur Ausgangssituation der Datenerhebung: Nur der GLS Branchenbericht kann als eine wissenschaftlich solide Datengrundlage gelten.

Fünf Fragenkomplexe:

  1. Wer ist der Waldorfgeschäftsführer
  2. Wie sieht die Arbeitssituation eines Waldorfgeschäftsführers aus?
  3. Wie ist die tatsächliche Verweildauer der zurzeit tätigen GF und wie wird die allgemeine Verweildauer subjektiv eingeschätzt?
  4. Wie zufrieden sind Waldorf GF mit ihrer Arbeitssituation?
  5. Welche Einflussfaktoren korrelieren mit der Arbeitszufriedenheit.

Die Datenerfassung ist online geschehen. Es erfolgten Anfragen an 223 Geschäftsführer an 219 Schulen mit einem Rücklauf von 116 vollständig ausgefüllten Bögen (also mehr als 50%).

Für eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse muss auf die sehr kompakte Studie selbst verwiesen werden. Die hier zusammengestellten Ergebnisse sind nur ein kleiner Ausschnitt.

Der durchschnittliche Geschäftsführer ist männlich, 51 Jahre alt, hat mit 41 Jahren seine erste Stelle als GF übernommen, einen Abschluss im Bereich Betriebswirtschaft gemacht, ist seit etwas über 9 Jahren an »seiner« Waldorfschule mit einer vollen Stelle beschäftigt und macht in der Woche 10 Überstunden. Er hat zuvor mindestens einen anderen Beruf und den letzten im Schnitt 8 Jahre lang ausgeübt. Er arbeitet an einer Schule mit 418 Schülern.

Nun zu den Details:

Antrittsalter: 19% bis 34 Jahre, 54% zwischen 35 und 44 Jahre, 23% zw. 45 und 54Jahre, 4% älter als 55 Jahre.

Art des Berufsabschlusses: Betriebswirtschaftlich: 48,7%, Pädagogisch: 32,2 %, Juristisch: 7%, Andere: 40,9%. Mehrfachnennungen waren möglich!

Gründe GF zu werden: 32% gaben an schon vorher an der Schule engagiert gewesen zu sein.

Vertrautheit mit dem theoretischen Hintergrund:

Waldorfpädagogik: sehr tief oder tief vertraut: 77,4 %;

Anthroposophie: sehr tief oder tief vertraut: 57,9 %;

Dreigliederung: sehr tief oder tief vertraut: 59,6%

Kompetenzgefühl: voll und ganz: 30,4%, meistens: 60,0%, manchmal überfordert: 8,7%, öfters überfordert: 0,9%.

Fortbildungsverhalten: 86% hatten im letzten Jahr eine Fortbildung absolviert, im Einzelnen waren das: persönlich: 63,3%, juristisch: 39,8%, wirtschaftlich: 51%, anthroposophisch: 42,9%.

Qualität der Vorstandsarbeit: 26% ausgezeichnet, 53% eher gut, eher schlecht: 16%, unzureichend: 5%.

Die klassischen Aufgabenbereiche: Verwaltung, Finanzplanung, Recht, und Personal werden mit über 90 % als Aufgaben genannt, Instandhaltung und Baumaßnahmen liegen bei etwa 75% und ÖA und Buchhaltung bei etwa 60%. Der durchschnittliche Verwaltungsaufwand nimmt 65% und das unternehmerische Arbeiten 35% der Zeit in Anspruch. Die unzufriedeneren Kollegen hätten gerne einen größeren unternehmerischen Anteil, favorisiert wird 45% - 55%.

30% der Kollegen geben an zusätzlich in anderen Waldorfgremien aktiv zu sein und beim Bund seien zusätzlich noch mal 30% aktiv.

Die durchschnittliche Verweildauer der befragten(antwortenden) Geschäftsführer beträgt 9,08 Jahre. Von den 116 gültigen Angaben waren knapp die Hälfte mehr als 10 Jahre an »ihrer« Schule und 10% seit weniger als einen Jahr. An mehr als einer Schule haben nur 15 Personen gearbeitet. Diese Ergebnisse stehen in einem krassen Gegensatz zu den Antworten auf die Frage nach der von Geschäftsführern angenommenen Verweildauer, sie liegt bei 5,45 Jahren.

Als vermutete Gründe für die Kündigung anderer GF wurden angegeben:

Unklare Führungsstrukturen: 72,8%, unklare Verantwortlichkeiten: 63,2%, Probleme mit dem Kollegium: 58,8%, Probleme mit dem Vorstand: 55,3%, Mangelnde Wertschätzung: 45,6%.

Arbeitszufriedenheit: Auch hier zeigt sich wieder ein deutliches Missverhältnis zwischen der eigenen gefühlten Zufriedenheit (19,5%% sind zufrieden und 62,8% sind eher zufrieden und nur 1% ist unzufrieden mit seiner Arbeit) und der Einschätzung, dass die Kollegen nur zu 3,5% zufrieden und zu 59,3% eher zufrieden sind, unzufrieden seien 2,7% und 34,5% eher unzufrieden.

Die befragten Geschäftsführer geben folgende Bereiche an, die sie bei ihrer Arbeit zufriedener machen würde: Bessere Organisationsstrukturen, mehr Unterstützung und Verständnis, weniger Überstunden, mehr Verbindlichkeit, mehr Gehalt, bessere Kommunikation, mehr Anerkennung, mehr Entscheidungskompetenz Qualifizierung der Selbstverwaltung, Änderung der Schulgesetze.

Auf die Frage ob sie sich vorstellen können bei der derzeitigen Arbeitsbelastung gesund und motiviert bis in den Ruhestand weiterarbeiten zu können, gaben 45% an, sich dies nicht vorstellen zu können und nur 15% können es sich sehr gut vorstellen.

Organisational Commitment: Über 90% der befragten fühlt sich mit ihrer Schule tief oder sehr tief verbunden.

Job Commitment: Frau Gscheidel stellt eine Zahl von durchschnittlich 9,4 Überstunden pro Woche fest und kann daher auf ein hohes Job Commitment schließen.

Zwischenmenschliche Beziehungen: Die Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit im Vorstand liegt mit 66,4% recht hoch. Unzufrieden sind nur 0,9% mit dieser Zusammenarbeit. Problematischste scheint die Beziehung zum Lehrerkollegium zu sein: 37,8% gaben an zufrieden mit dieser Zusammenarbeit zu sein, 39,6% eher zufrieden, 17,1% eher unzufrieden und 5,3% unzufrieden. Mit Eltern scheint es weniger Probleme zu geben. 55,8% geben an monatlich kollegiale Beratung mit anderen GF zu haben.

Zum Abschluss der Arbeit hält Frau Gscheidel fest, dass man berücksichtigen müsse, dass sich nur etwa 50% an der Befragung beteiligt haben.

Weiterhin fasst sie zusammen, dass Geschäftsführer an einer Waldorfschule kein Erstberuf ist und nur 13% an eine andere Waldorfschule gewechselt haben. Es zeigt sich, dass der Beruf als sehr spezialisiert  und komplex angesehen wird. Jeder siebte GF fühlt sich nicht ausreichend vorbereitet. Es kann nicht bestätigt werden, dass ehemalige Lehrer die besseren GF sind, oder dass sich GF mit betriebswirtschaftlichem oder juristischem Hintergrund kompetenter fühlen. Erstaunlich scheint Frau Gscheidel die Tatsache, dass nur jeder dritte GF mit der Dreigliederung und der Anthroposophie nur wenig vertraut ist.

Aus ihrer Studie schließt Frau Gscheidel, dass zwei Faktoren die größte Auswirkung auf die Arbeitszufriedenheit der GF aufweisen: Die Zahl der Überstunden und die Zusammenarbeit mit dem Lehrerkollegium. Die Lage insgesamt scheint nicht so dramatisch zu sein, wie sie offenbar von den Geschäftsführern wahrgenommen wird. Zur Verbesserung der Arbeitssituation schlägt sie drei Ansätze vor:

  1. Entwicklung einer klaren und guten Position des Geschäftsführers im Schulgeschehen auf dem Hintergrund von Selbstverwaltung und Dreigliederung.
  2. Waldorfinterne »Imagekampagne« für die Aufgaben der Geschäftsführung, um die Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung und der Wahrnehmung durch die Umwelt zu verringern. Wichtigste Zielgruppe sind hier das Lehrerkollegium und die GF selbst.
  3. Entlastung der GF im Bereich Verwaltung.