Waldorf100 – Bayern bereitet sich vor

Von Petra Plützer, Juni 2017

In der Mitte steht ein Stuhl. Er steht für das Jahr 2019. Dann wird Waldorf 100. 100 Jahre Waldorfpädagogik: Mit seinen Vorträgen für das erste Lehrerkollegium, mit dem die Stuttgarter Schule auf der Uhlandshöhe gegründet wurde, legte Rudolf Steiner im Jahr 1919 die Grundlage für eine Bewegung, die weltweit ihre Kreise zog und zu der inzwischen Schulen, heilpädagogische Schulen und Kindertagesstätten auf der ganzen Welt gehören.

2019 soll gefeiert werden! Mit vielen Aktionen, die weltweit, landesweit und in den Regionen die Einrichtungen verbinden, vernetzen und professionell in das volle Licht der Öffentlichkeit rücken sollen. Die Initiative für die Gestaltung eines großen Jubiläumsjahres ging von der Internationalen Gemeinschaft aus.

Ein Stuhl für alle

Wie kann man sich gemeinsam auf das große Jubiläumsjahr vorbereiten? Die Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen in Bayern beauftragte zwei Fachfrauen für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, sich der Sache anzunehmen. In der Mitte: Der symbolische Stuhl für das Jahr 2019. Drumherum: Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des ersten Workshops für die nordbayerischen Einrichtungen, zu Gast in der Erlangener Waldorfschule. »Wie nah möchten Sie hier stehen?« fragt Albertine Sprandel. »Vielleicht direkt davor? Oder noch ganz weit weg, draußen auf dem Flur?« Bei heiterem Lachen war das Eis schnell gebrochen und jeder positionierte sich im Raum. Nein, auf den Flur wollte niemand. Und manche standen der Mitte schon ganz nah. So kam man miteinander ins Gespräch. »Wir müssen das städtische Kulturzentrum mindestens zwei Jahre im Voraus buchen, deswegen haben wir uns schon mit dem Gedanken an eine große Feier 2019 beschäftigt«, erzählt Claudia Weber aus Rosenheim beim südbayerischen Treffen in München-Schwabing eine Woche später. Da auch noch das 20jährige Schuljubiläum auf dasselbe Datum fällt, ist es nicht so schwer, Initiative in der Schulgemeinschaft zu wecken. »Ich schaffe es nicht, das Thema bei uns auf die Tagesordnung zu bekommen, wir haben nach unserem Umzug einfach zu viele aktuell drängende Themen«, sagt dagegen die Kollegin aus Isartal. Heftiges Nicken im Kreis.

Kreativ sein

Je zwei Workshops für Nord- und Südbayern haben seit Oktober 2016 stattgefunden. Das Ziel: Lust an kreativen Ideen und deren Umsetzung. Im ersten Anlauf ohne Schere im Kopf. Hier durfte geträumt werden. Was könnte man alles Tolles auf die Beine stellen? Was ist uns wichtig? Gearbeitet wurde dabei in Kleingruppen nach der Methode »Open space«. Ein Format, das auf Konferenzen eingesetzt wird, um Selbstbestimmung und Selbstorganisation zu fördern, Vielfalt zu erzeugen ohne ein vorher festgelegtes Programm. Jede Idee war in diesen ersten Runden gefragt. Munter konnten die Beteiligten auf Kärtchen schreiben, was ihnen alles einfiel für das Jahr 2019. Nicht gefragt werden sollte: Was kostet das? Kann das klappen? In einer nächsten Runde wurde dann nach Mehrheit entschieden, welche Ideen weiterverfolgt und in Kleingruppen bearbeitet werden sollten. Und die Einigkeit machte Mut! Wir ziehen alle an einem Strang! Schnell kristallisierten sich gemeinsame Überschriften heraus. »Waldorf ist gut für mich – die modernste Pädagogik des 21. Jahrhunderts« – wie stellen wir sie dar? »Die bunte Wiese des Waldorf-Miteinanders« – was kann hier wachsen? Alle gingen schließlich mit einem klaren Auftrag nach Hause: Die gemeinsam entwickelten Aktionen in den jeweiligen Schulgemeinschaften zu besprechen und bewegen. Und ein Votum mitbringen, ob es neben Berlin und Stuttgart im Jahr 2019 auch eine zentrale große Feier für ganz Bayern geben soll. Die Aufgabe der Organisatoren war es, in der Zwischenzeit bis zum nächsten Treffen, die Gemeinsamkeiten in Nord und Süd heraus zu arbeiten und die Entwicklung eines gemeinsamen Maßnahmenpaketes anzustoßen. Eine überraschend einfache Arbeit. Denn die Übereinstimmungen waren groß.

Was wird

»Kommt bald …« heißt der Flyer, der das bayerische Ergebnis jetzt in die Öffentlichkeit tragen soll. Intern wie extern. Ein Zeitstrahl verdeutlicht die Verteilung der angedachten zehn Aktionen über´s Jahr. Doch nach so viel Enthusiasmus muss es wohl auch erstmal wieder eine Phase der kleinen Ernüchterung geben. Das von allen Seiten gewünschte landesweite vorläufige Abschlusstreffen an der Nürnberger Waldorfschule war überraschend schlecht besucht. Dafür machte Christine Weng von der bayerischen Vereinigung der Waldorfkindergärten deutlich, dass man seitens der Kindertagesstätten auf jeden Fall mit im Boot sein möchte. Denn Waldorfpädagogik meint den ganzen Menschen, ab 0 Jahren. Und Dank dem konkret zupackenden Engagement zweier Schulväter stehen bereits zwei große Aktionen auf sicheren Beinen. Es wird eine zentrale festliche offizielle Feierlichkeit für Bayern an der Rudolf-Steiner-Schule in Nürnberg geben, bei der vor allem der bayerische Kultusminister nicht fehlen soll. Begleitet werden soll sie von einer politischen Podiumsdiskussion. Und es wird einen bayernweiten Staffellauf geben. Geplant ist auch eine »Lange Nacht der Anthroposophie« und ein »Tag der Erziehungskunst« in München. Vor allem aber inspirierte man sich gegenseitig: Die Coburger Idee der eigenen Wollzwerge-Produktion, die anschließend im ganzen Stadtgebiet versteckt werden sollen, wird wohl begeisterte Nachahmer finden. Im Raum steht auch die Koordination und jeweilige Jubiläums-Erweiterung der alljährlichen Tage der offenen Tür in den verschiedenen Einrichtungen. Oder eine Monatsfeier der ganz besonderen Art.

Man darf also neugierig bleiben. Und bitte begeisterungsfähig. Wie heißt es doch so schön auf der Internetseite zu Waldorf 100: »Wir fördern die gegenseitige Wahrnehmung und Vernetzung (in den Schulen selbst, aber auch regional und über Grenzen hinweg), um eine lebendige internationale Verbundenheit zu schaffen, die heute so wichtig ist wie selten zuvor.« http://www.waldorf-100.org/

Zur Autorin: Petra Plützer ist freie Journalistin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit.