Welcome to Waldorf

Von Mathias Maurer, September 2017

Wieder gehen bundesweit knapp 7.000 Erstklässler auf eine Waldorfschule. Und ihre Eltern blicken mit vielen Fragen gespannt in deren Zukunft. Wie wird sich mein Kind entwickeln? Wird es lernen? Welchen Abschluss wird es machen? War die Entscheidung für die Waldorfschule richtig? –

Jede Waldorfschule ist verschieden: Manche sind mehr handwerklich-künstlerisch ausgerichtet, andere eher intellektuell. Städtische Waldorfschulen haben ein völlig anderes Gesicht als die auf dem Land, womöglich noch mit Anschluss an einen Bauernhof. Dann gibt es Waldorfschulen, die sich mit Herzblut der Inklusion verschrieben haben, andere nehmen kaum behinderte Kinder auf oder teilen nach derKlassenlehrerzeit die Schüler in verschiedene Züge auf. Es gibt Schulen, die auf Initiative von Eltern oder Lehrern* gegründet wurden und dadurch von Anfang an einen anderen Charakter haben.

Doch entscheidend für die Entwicklung des Kindes werden nicht die veröffentlichten Profile und Leitbilder, sondern die unsichtbaren, inneren Haltungen der Eltern und Lehrer sein. Denn jede Schule ist nur so gut und so schlecht wie die Lehrer und die Eltern um sie herum sind. Seit John Hatties »Kenne deinen Einfluss« und Hartmut Rosas »Soziologie der Weltbeziehung« ist es bestätigt: Die Persönlichkeit und ihre Wirkungen sind das A und O aller Pädagogik. Das eigentliche Lernen tritt dabei nur als Nebeneffekt auf. Es ist für die Schule als Ganzes fatal, wenn Eltern und Lehrer auf Dauer nicht an einem Strang ziehen.

Was allerdings die Waldorfpädagogik von anderen Pädagogiken unterscheidet, ist ihr spiritueller, menschenkundlicher Hintergrund, vor dem Rudolf Steiner noch radikaler ansetzt: Das Kind ist »belehrt« und der Lehrer lernt – und formuliert ein pädagogisches Credo: »Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen.« Der Lehrer dient allein als Vorbild und Begleiter des individuellen Lernprozesses, der umso leichter fällt, je mehr er selbst seinen Kopf von allerlei pädagogischen Vorstellungen und Absichten freihält und selbst der Interessierteste an dem ist, was er unterrichtet. Das heißt: Pädagogik ist eine Handlungswissenschaft, eine didaktische Kunst. Der Lehrer soll zwar vorbereitet sein, aber im Unterricht vergessen, was er vorhatte, und auf das aktuelle Geschehen im Klassenzimmer und die Fragen der konkreten Schüler eingehen.

Das alles klingt ziemlich utopisch im Vergleich zum gelebten und praktizierten Schulalltag, wenn die Kinder undiszipliniert, unausgeschlafen und unkonzentriert sind und die Stimme des Lehrers kaum mehr gegen die Lautstärke im Klassenzimmer ankommt.

Versteht sich der Lehrer als Einzelkämpfer wird er nicht mehr Herr der Lage werden. Versteht er sich als Teil des gesamten Lebensraumes der Kinder und Eltern mit ihren unterschiedlichen Lebensbezügen, entsteht ein gemeinsamer Sinn für eine Lerngemeinschaft. Welcome to Waldorf.

* Das generische Maskulinum umfasst der besseren Lesbarkeit wegen
   gleichberechtigt männliche und weibliche Personen.