Lebens- und Liebesfragen

Von Sven Saar, März 2017

Die Frage nach unserer Herkunft materialistisch zu beantworten, als entstünden wir im Augenblick der Empfängnis oder Geburt, ist ein modernes Paradigma in Schulen, Universitäten und im Cafégespräch. Entspricht die Reduktion des Menschen auf seinen Körper aber der Wirklichkeit?

Foto: © Charlotte Fischer

Wenn ich von Dortmund nach Kassel fahre und mich dort jemand fragt: »Wo kommst du gerade her?«, dann antworte ich nicht mit »Wolfsburg«, bloß weil mein Auto dort gebaut wurde. Auch »Göttingen« als meine Geburtsstadt würde an der Intention des Fragenden völlig vorbeigehen. Er hat ja nach mir gefragt, nicht nach meinem Fahrzeug, und so betrachtet, ist mein in Göttingen produzierter Körper genauso ein Vehikel wie mein in Wolfsburg gebautes Auto. Mein Gesprächspartner ist, auch im Rahmen unseres Smalltalks, an meinem Ich interessiert, nicht an dessen Beförderungsmittel.

Im Gespräch mit Kindern, ob im Wohn- oder im Klassenzimmer, sollten wir uns immer um Relevanz bemühen. Junge Menschen, die durch unser Beispiel in die Erdenwelt wachsen, erwarten Sinnhaftigkeit von uns. Was sollten bei dieser Thematik die Kriterien sein?

»Wo komme ich eigentlich her?«

Wenn Kinder diese Frage stellen, sind Erwachsene gefordert: Wie erkläre ich das jetzt? Der eigentliche Grund, warum man sich die Antwort gut überlegen sollte, hat nicht unbedingt mit Sexualität zu tun. Welche Antwort braucht das Kind gerade in diesem Moment von mir? Wie bei allen Fragen gibt es mehrere mögliche Ebenen der Beantwortung. Welche gerade die richtige ist, hängt nicht zuletzt vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes ab.

Aber auch der Moment, die Atmosphäre der Frage sind wichtig: Geht es um Biologie oder um Sinnhaftigkeit? Welche Motivation hat zu diesem Gespräch geführt? Drückt das Kind seine gespannte Neugier nach Wissen aus oder macht es sich Sorgen um seine »Daseinsberechtigung«?

Waldorfschulen werden gelegentlich dafür kritisiert, dass sie – ohne dem Kreationismus das Wort zu reden – mit der Evolutionstheorie zurückhaltend umgehen und erst in der Oberstufe detailliert auf sie eingehen. Der Grund dafür liegt nicht in religiösen Überzeugungen, sondern darin, dass über die Jahre ein möglichst vollständiges, biologisch wie seelisch sinnvolles Bild entstehen soll. Dem jungen

Menschen wird nichts vorgemacht und auch nichts vorenthalten. Was ich im Klassenzimmer beschreibe, sollte aber in der Kinderseele Resonanz erzeugen und dazu muss ich berücksichtigen, welcher Inhalt und welcher Ton gerade angebracht sind.

Für Schüler und Schülerinnen der ersten zwei Klassen, wie auch im Kindergarten, stellt sich die Frage nach dem »Woher« eigentlich gar nicht. Individuell wird es sicher, oft ausgelöst durch erneute Schwangerschaften, Gespräche mit den Eltern geben, welche in angemessener Form biologischer Natur sind. Dass sie mal »in Mamas Bauch« waren, finden die meisten Kinder gar nicht so abwegig – schließlich waren sie früher ja noch viel kleiner. Manche fragen dann weiter, wie sie dort wohl hineingekommen seien.

Eltern werden spüren können, was ihr Kind jetzt für eine Antwort braucht und damit entsprechend einfühlsam umgehen. Es wird ein besonderer Moment sein, über den sich die Eltern noch lange Gedanken machen: »Habe ich das Richtige gesagt?«. Die Kinder dagegen sind relativ schnell zufrieden und wenden sich anderen Dingen zu. Bereits in diesem zarten Alter können Eltern viel Gutes tun, indem sie ihrem Kind zu verstehen geben, dass es nicht zufällig auf der Erde ist, sondern dass sein »Hiersein« einen Sinn hat und es selbst eine Aufgabe. Das klassische Waldorf-

Bilderbuch »Die Erdenreise des kleinen Engels« (Hilda Herklotz) greift Rudolf Steiners Ansatz auf, dass der Mensch im Himmel, zwischen Tod und neuer Geburt, nichts Neues lernen kann. Unser nachtodlicher Aufenthalt in der geistigen Welt, so Steiner, erlaubt uns, die während unseres Erdenlebens empfangenen Impulse zu verarbeiten und an ihnen zu wachsen. An diesem Prozess orientieren sich dann nach dieser Vorstellung die Aufgaben für die kommende Inkarnation. Neues kann der Mensch nur auf der Erde erleben, in den Naturreichen und durch seine Mitmenschen. So muss sich der kleine Engel in der Geschichte gedulden, bis seine Zeit gekommen ist: »Warte noch ein Weilchen, es ist noch zu früh …«. Schließlich kann er sich seinen sehnlichen Wunsch erfüllen und über den Regenbogen auf die Erde rutschen, wo er liebevoll erwartet wird. In diesen Bildern ist viel therapeutische Weisheit für die zarte Kinderseele enthalten: Meine Existenz ist Teil eines großen Ganzen, ich werde auf der Erde gebraucht, ich habe hier eine Aufgabe – das ist die Welt, in der sich das Kind vor dem zehnten Lebensjahr ganz selbstverständlich bewegen sollte.

Wenn seine Fragen dringlicher, »philosophischer«, werden, wird in der dritten Klasse der Waldorfschule die Schöpfungsgeschichte durchgenommen. Das Kind erfährt in gewaltigen Bildern von der Weisheit der Schöpfung, aber durch die Erzählungen von der Vertreibung aus dem Paradies und der Sintflut auch von der Möglichkeit der menschlichen Freiheit. Dass Adam aus Erde geformt wurde, kann ohne Weiteres akzeptiert werden – was steht auf der Erde auch sonst zur Verfügung? Die Schaffung der Eva aus Adams Körper drückt keine Unterlegenheit aus, sondern soll bei aller Verschiedenheit der Geschlechter ihre ursprüngliche Verbundenheit betonen. Drittklässler gehen mit diesen Dingen recht pragmatisch um und lernen das Wunder des Lebens im Lauf dieses Schuljahres vor allem praktisch kennen: Sie erleben, wie aus den Weizenkörnern und Saatkartoffeln große, starke Pflanzen wachsen, sie sehen neugeborene Lämmer und Ferkel auf dem Bauernhof – und dass es Unterschiede zwischen Bullen und Ochsen gibt, löst zwar ein verstohlenes Grinsen aus, bringt aber die Kinder nicht wirklich in Verlegenheit.

Erwachsene tun gut daran, humorvoll und ohne Verlegenheit mit den »Fakten des Lebens« umzugehen und zunächst auf Erläuterungen zu verzichten, die die Kinder in seelische Unruhe versetzen könnten.

Der Humor ist auch in den kommenden Jahren eine wichtige Seelenkraft, um mit potenziell beunruhigenden Inhalten umzugehen. Dass in der germanischen Mythologie die ersten Menschen von der Urkuh Audhumla aus dem Eis geleckt werden, passt in seiner Derbheit sehr gut zum robusten Viertklässler. Sucht man nach der Schöpfung des Menschen in der griechischen Sagenwelt, gibt es kein eindeutiges Bild. Klar ist, dass den meisten Göttern, vor allem Zeus, die Existenz der Menschen eher unangenehm ist. Prometheus riskiert viel, wenn er sich als Menschenfreund gegen den Olymp positioniert. Am Ende des reichen Erzählstoffes der fünften Klasse ist Odysseus auf sich allein gestellt, von den Göttern verlassen und den Versuchungen der Sinneswelt schutzlos ausgeliefert.

Auch der elfjährige Mensch spürt das Ende der behüteten Kindheit nahen – was wird die nächste Herausforderung sein?

Sexualkunde-Epoche: Leben und Liebe

Rudolf Steiner betrachtete vor hundert Jahren den Bereich der Sexualerziehung als Elternsache und stand damit natürlich im Geist seiner Zeit. Seitdem ist der Waldorflehrplan weiterentwickelt worden und im Buch »Sexualkunde in der Waldorfpädagogik« finden sich verschiedene Ideen für Epochen. Mein Ansatz ist, die Schülerinnen und Schüler zu dem Zeitpunkt »ins Boot zu holen«, wo die Kindheit zu verschwinden beginnt, die körperlichen und seelischen Veränderungen der Pubertät aber noch nicht deutlich zu spüren sind. Auf diese Art kann man über sexuelle Inhalte sprechen, ohne dass das Thema zu persönlich wird. Die Eltern haben schon eine gewisse Vorarbeit geleistet, indem sie auf Bitte des Lehrers ein Aufklärungsgespräch mit ihren Kindern so führen, wie sie es wünschen. Das ist ein unverzichtbarer erster Schritt, reicht aber noch nicht aus, weil der junge Mensch ja den Blick über den Familienhorizont hinaus richten will und soll.

Im Klassenzimmer beginnen wir mit der Betrachtung von Fortpflanzungssystemen im Pflanzen- und Tierreich und lernen daran, dass die Beziehung zwischen »Kindern« und »Eltern« enger wird, je näher wir in den Naturreichen dem Menschen kommen. Die Schüler verfolgen dann mit Hilfe ihrer Eltern ihre eigene Biografie zurück bis ins Säuglingsalter und in die Schwangerschaft. Interessante Gespräche entstehen am Abendbrottisch …

Die Entwicklung des Embryos veranlasst zu ehrfürchtigem Staunen: Nach sieben Wochen verfügt das zwei Zentimeter kleine Wesen schon über Augen, Ohren, Lunge, Mund und Nasenlöcher! Nun schauen wir auf den Aufbau und die Funktion der Geschlechtsorgane und gehen dabei durchaus sachlich und schematisch vor. Auch das Thema Menstruation wird zwar einfühlsam, aber konsequent unpersönlich behandelt, um niemanden in Verlegenheit zu bringen. Es ist äußerst wichtig, dass auch Jungen die Vorgänge verstehen und den Frauen in ihrem Leben Verständnis entgegenbringen können.

Unmittelbarer wird die Epoche gegen Ende der zweiten Woche: Über einen »Briefkasten« kann der Lehrer oder die Lehrerin direkt auf Fragen der Kinder eingehen, ohne dass diese sie öffentlich stellen müssen. Durch das bisher aufgebaute Vertrauens­verhältnis wird es möglich, auch intime Themen offen zu behandeln, natürlich immer im Schutz der Anonymität. Dass Sexualität nicht nur mit Fortpflanzung zu tun hat, bringt uns zum Thema der dritten Woche: der Liebe. Hier lernen wir zunächst ein Gedicht von William Blake:

»Der Liebe Sinn steht nicht nach Selbstgenuss,
Noch sorgt sie sich um’s eigne Sein,
Für den Andren leidet sie Verdruss,
Erschafft den Himmel aus Höllenpein.«

So sprach ein kleiner Klumpen Ton,
Zertreten von den Rinderhufen.
Doch ein Kiesel, voller Hohn,
Fing im Bach gleich an zu rufen:

»Der Liebe Sinn steht nur nach Selbstgenuss,
Den Anderen zu binden für alle Zeit,
Frohlockt sie ob des Anderen Verdruss,
Erschafft im Himmel ein Höllenleid.«

(Übersetzung: Sven Saar)

Nun hören wir die Geschichte von Tristan und Isolde und versuchen zu erspüren, was »Kieselliebe« von »Tonliebe« unterscheidet. Wie können uneigennützige und selbstsüchtige Gefühle von der selben Person inspiriert sein und nebeneinander in meiner Brust leben? Wie gehen erwachsene Menschen damit um? Das muss man im zwölften Lebensjahr noch nicht selber er­leben – romantische Bücher, Filme und Geschichten sind voller Bilder, von denen man für später lernen kann. Am Ende dieser Epoche haben die Schüler viel gelernt. Die Schlüsselworte sind aber stets »Liebe« und »Respekt«, denn ohne sie geht es beim Sex nur um Kiesel …

Hat man in Schule und Elternhaus den richtigen Ton getroffen, geht es unter den Teenagern durchaus entspannt zu, wenn die Siebtklässler beginnen, miteinander zu »gehen«. Noch geht es nicht um geschlechtliche Liebe, sondern um das erste zaghafte Suchen des Anderen, sowohl seelisch als auch körperlich. Freunde und Freundinnen entwickeln eine gewisse Achtung vor den Pionieren in der Klasse, idealerweise ohne sich selbst unter Druck zu setzen. Die Gruppe ist entspannt und jede/r wird dort akzeptiert, wo er oder sie sich gerade befindet: »Alles geht, wenn es allen gut geht«. Je reifer die jungen Menschen werden, desto seltener werden sie Erwachsene um Rat bitten, wenn es um ihr Liebesleben geht. Daher ist es besonders wichtig, dass die Klassengemeinschaft stark, tolerant und offen bleibt und man in ihr verständnisvolle Ansprechpartner finden kann.

Hinweis: Sven Saar: »LIFE CYCLES« – eine Sexualkundeepoche für die sechste Klasse. Der vollständige Text ist im Archiv der Erziehungskunst unter folgendem Link zu finden: https://goo.gl/F8gQD4

Zum Autor: Sven Saar ist Klassenlehrer an der Freien Waldorfschule Wahlwies in Stockach und macht zur Zeit ein Sabbatical in England.

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