Menschwerdung – wessen Wille?

Von Bart Maris, März 2017

Was ist ein Wunder? Ein übernatürliches Geschehen? Etwas, das wir nicht logisch verstehen und erklären können? Vieles, was früher als Wunder galt, können wir heute durchschauen und finden es ganz normal.

Foto: © Charlotte Fischer

Erleben wir Befruchtung, Schwangerschaft und Geburt eines Kindes als Wunder? Wir können es verstehen und erklären, sogar hormonell verhindern (Pille) oder im Labor erzeugen (künstliche Befruchtung), ganz legal »rückgängig machen« (Abtreibung) oder vorgeburtlich genetisch untersuchen. Was daran ist also ein Wunder?

Im Erleben der allermeisten Eltern ist die Geburt ihres Kindes ein Wunder – vor allem, wenn sie das immer seltenere Glück hatten, »natürlich« zu entbinden. Auch schon während der Schwangerschaft, wenn die Kindsbewegungen durch die Bauchdecke fühlbar und tastbar werden, entsteht oft eine besondere Freude, oder wenn schon früh in der Schwangerschaft im Ultraschall das Gesicht oder ein Händchen auf dem Bildschirm zu sehen sind.

Es ist widersprüchlich. Wir leben in einer Welt, in der wir es nicht der Natur oder dem Zufall, Schicksal, Gott, Karma oder der geistigen Welt überlassen, ob und wann eine Frau schwanger wird (Verhütung, Kinderwunschbehandlung), auch nicht, wie die Schwangerschaft verläuft (Ultraschallkontrollen) oder welche Fehlbildungen und Behinderungen (oder sind es Besonderheiten?) das Kind vielleicht hat, um es gegebenenfalls noch »wegmachen« zu lassen.

Wir wollen und können in die Natur eingreifen, sie nach unseren Wünschen richten, und wir tun es auch zunehmend. Zugegeben, seit Jahrtausenden sind wir bemüht, die Natur zu verändern. Wilde Gräser wurden zu Getreide veredelt, die Landwirtschaft entstand. Wir können aber nicht mehr alles, was wir landwirtschaftlich machen, Veredelung nennen, denn inzwischen erzwingen und vernichten wir auch viel. Ähnliches gilt für die Medizin. Veredeln oder Vervollkommnen bedarf zuerst des Respekts und der Achtung für wilde Gräser, die Natur, den menschlichen Körper – und auch für das Kind. Ist Erziehungskunst nicht auch, ein Kind mit Achtung so zu begleiten, dass sein eigenes Wesen zur Entfaltung kommen kann, statt es so zu (v)erziehen, dass es so wird, wie wir es uns wünschen oder vorstellen?

Wie es anfängt

Es fängt ja meistens mit einer besonderen Begegnung zwischen ihr und ihm an. Zufällig, auffällig, oder wunderbar? Was dann alles passiert, bis es zum sexuellen Kontakt kommt, der zu einer Befruchtung führt, kürzen wir an dieser Stelle ab. Eizelle und Samenzelle, zwei polare (sehr groß, sehr klein; wenige, sehr viele; unbeweglich, beweglich), aber auch einseitige Zellen, die nichts Keimhaftes an sich haben, obwohl wir sie Keimzellen nennen. Im Gegensatz zu allen sonstigen Körperzellen können sie sich nicht mehr teilen oder vermehren, sie haben nur halb so viele Chromosomen und sind dazu bestimmt, nach kurzer Zeit (Eizelle  sechs bis 24 Stunden, Samenzelle zwei bis sechs  Tage) zugrunde zu gehen. Nichts Keimhaftes, keine Zukunft. Es sei denn, es passiert ein Wunder – nämlich, dass aus zwei grundverschiedenen Zellen, die sich sogar genetisch fremd sind, eine neue Zelle wird. Während sich andere Zellen fortwährend teilen, verschmelzen sie bei der Befruchtung. Sogar die fremden Chromosomen paaren sich, ein hochkomplexes epigenetisches Geschehen löscht einen Teil der mütterlichen und väterlichen Prägung aus und bietet so Gestaltungsraum für das neue Menschenkind. Obwohl wir viele Details dieser Vorgänge auf biochemischer und genetischer Ebene kennen, hat der Vorgang doch etwas von einem Wunder.

Aber dabei bleibt es nicht. Während der nun folgenden sechs bis sieben Tage teilt sich die befruchtete Eizelle mehrfach, sodass nach einigen Tagen schon ein Klümpchen Zellen entstanden ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Brombeere (Morula) hat. Dann bildet sich im Zentrum eine Höhle, sodass wir gegen Ende der ersten Woche eine Hülle aus Zellgewebe um eine mit Flüssigkeit gefüllte Höhle haben, wie eine Art Bläschen (Blastozyste). An einer Stelle ist die Wand der Hülle etwas verdickt.

Gleichzeitig wird das Gebilde in dieser Zeit durch den Eileiter bis in die Gebärmutterhöhle geführt. Bis dahin kommt alle Energie und Nahrung, die für diese vielen Zell- und Kernteilungen nötig ist, von der ursprünglichen Eizelle. Sie hat den Proviant für die Reise mitgebracht, aber bei ihrer Ankunft sind alle Vorräte verbraucht. Das Bläschen (Blastozyste) würde nun absterben, wenn nicht erneut ein Wunder geschähe.

Ernährungsnotstand

Die Schleimhaut der Gebärmutterhöhle hat sich (wie jeden Monat) darauf vorbereitet und ist genau zu diesem Zeitpunkt bereit, das Bläschen aufzunehmen und zu ernähren. Es folgt die Einnistung und es gibt über das mütterliche Blut Nahrung im Überfluss. Sofort fängt das Gewebe der äußeren Hülle an, enorm zu wachsen. Man nennt es dann Trophoblast. Einige Wochen später wird es zu der Plazenta. Eigentlich ist das Wort »Mutterkuchen« falsch, denn es ist ein Organ aus kindlichem Gewebe, es »gehört« nicht der Mutter, sondern ist das erste Urorgan, zuständig unter anderem für die Nahrungsaufnahme und Ausscheidung des Kindes. Es ist schon sehr bemerkenswert, dass der Körper der Frau (hier die Gebärmutterschleimhaut) etwas aufnimmt, das genetisch anders ist als sie selbst, denn jede Zelle ist genetisch zur Hälfte väterlich. Sie stößt es nicht mit ihrem Immunsystem ab, um sich zu schützen, sondern nimmt es auf und ernährt es sogar.

In der nun folgenden Woche wächst die künftige Plazenta intensiv, die Bläschenhöhle vergrößert sich um ein Vielfaches und die Stelle, an der die Hülle dichter geworden war, wächst weiterhin. In der Gewebsanhäufung entstehen nun gleich zwei neue Bläschen. Diese liegen so aneinander, dass sich an der Stelle, wo sie sich berühren, eine zweischichtige Gewebescheibe bildet. Aus dieser kleinen sogenannten zweiblättrigen Keimscheibe entsteht der spätere Embryo. Jetzt ist es noch eine flache Scheibe zwischen zwei Bläschen, Amnionhöhle und Dottersack, und das alles innerhalb der ursprünglichen Höhle, der Chorionhöhle.

Am Anfang der dritten Woche nach der Befruchtung entsteht erneut ein Versorgungs- oder Ernährungsnotstand. Bis dahin wurden die Nahrungs- und Abfallstoffe von und zu dem mütterlichen Blut einfach per Diffusion durch die Gewebsflüssigkeit geführt. Aber die Embryoanlage wächst, der Nahrungsbedarf steigt, der Abstand zu der Austauschfläche mit der Mutter wird zu groß. Die Entwicklung kann so nicht weitergehen, wenn nicht ein neuer Impuls hinzukommt.

Der Kreislauf macht das Herz

Überall innerhalb des Chorion, der Keimscheibe und des Dottersacks bilden sich gleichzeitig dezentral innerhalb von zwei Tagen viele kleine Bluttröpfchen, die sich rasch so weisheitsvoll miteinander vernetzen und verbinden, dass in kürzester Zeit ein Blutgefäßsystem entsteht, das die Peripherie des Chorions über den Haftstiel (spätere Nabelschnur) mit Keimscheibe und Dottersack verbindet. Und zwar so, dass das Blut darin in einem Kreislauf zirkuliert, durch bestimmte Gefäße hin, durch andere wieder zurück. Es strömt und zirkuliert, noch bevor es ein funktionierendes Herz gibt (siehe Abbildung). Dieses entsteht bald darauf. Das Blut ist nun in der Lage, Nahrungsstoffe und Sauerstoff, die in dem Chorionorgan von der Mutter aufgenommen werden, zum werdenden »Kind« zu führen und Ausscheidungsstoffe an die Mutter wieder abzugeben. Die Notlage wurde behoben.

Parallel zu der Bildung des Blutkreislaufsystems findet ein eindrucksvoller, komplexer Ein­stülpungs- und Umstülpungsvorgang innerhalb der Keimscheibe statt, sodass binnen weniger Tage aus der flachen, zweidimensionalen Keimscheibe ein dreidimensionaler Körper mit Innenräumen, inneren Organen und einer abgrenzenden Hautanlage entsteht. Das alles vollzieht sich in der dritten und teilweise vierten Woche nach der Befruchtung. Da dies etwa 14 Tage nach Beginn der letzten Monatsblutung stattfindet, ist am Ende der dritten beschriebenen Woche die erwartete neue Blutung erst eine Woche ausgeblieben. Die Fruchtblase ist dann schon fünf Millimeter groß und im Ultraschall zu sehen.

Im weiteren Verlauf bilden sich sämtliche Organe, Gliedmaßen, das Gesicht: Der Embryo bekommt seine typische Gestalt und fängt an, sich zu bewegen. All dies spielt sich tief im Verborgenen und gut geschützt hinter der dicken Wand der Gebärmutter im Unterleib der Frau ab. Braucht es vielleicht die Geborgenheit der Verborgenheit? Mit dieser Frage im Hintergrund ist die Sache mit den vielen Ultraschalluntersuchungen noch mal anders zu gewichten: Wir machen sichtbar, wir untersuchen, wir messen aus und machen Fotos und Videos von jemanden, der noch verborgen sein möchte. Es ist schon gut, dass wir das manchmal können, aber was bewirkt diese Enthüllung? Wir enthüllen dort, wo Verhüllung und Umhüllung angesagt ist, wir bilden uns eine visuelle konkrete Vorstellung von Vorgängen, die sonst noch gar nicht ans Licht gebracht werden. Das eher intuitive ahnende Hineinhorchen wird von klaren Bildern verdrängt. Die Schwangerschaft schreitet fort und ungefähr 38 Wochen nach der Befruchtung (40 Wochen nach Beginn der letzten Monatsblutung) droht wieder ein Engpass. Das Kind wächst, ist inzwischen vielleicht 50 cm lang, es wiegt aber noch nichts, da es schwerelos im Fruchtwasser schwebt. Es braucht zunehmend mehr Nahrung und Energie, aber die Plazenta kommt an ihre Grenze. Sie kann den Fötus nicht viel länger gut versorgen.

Es muss etwas radikal Neues geschehen, sonst sieht es schlecht aus. Deshalb gibt die Plazenta hormonelle Signale an die Mutter, die daraufhin Wehen bemerken wird. Das Kind kann nicht länger im Mutterleib versorgt werden, es muss, meistens mit vielen Wehen, Geduld und Zuversicht, geboren werden.

Das Wunder der Geburt

Nach einer so langen Zeit im Mutterleib, in der einiges hätte schieflaufen können, – der erste Atemzug, vielleicht ein erster Schrei und damit ist das Kind endlich auf der Erde angekommen. Nun liegt es auf dem Bauch der Mutter, vielleicht noch etwas benommen von dem sehr anstrengenden Weg. Trotzdem herrscht jetzt Frieden, die letzte bedrohliche Hürde ist geschafft. Jetzt kann und muss es seine eigenen Lungen zum Atmen nutzen und ist nicht mehr angewiesen auf die Plazenta. Das gleiche gilt für die Nahrungsaufnahme. Ein neuer Lebensweg beginnt. Ist das alles wirklich ein Wunder? Es passiert in Deutschland mehr als 2.000 Mal pro Tag. Und trotzdem: Je mehr wir von den feinsten embryonalen Vorgängen wissen und verstehen lernen, desto größer wird unsere Ehrfurcht – aber das Gegenteil kann sich auch in zum Beispiel manipulativen Eingriffen ausdrücken.

Eingriffe

Verhütung: Nicht jede Schwangerschaft ist erwünscht. Die heute in Deutschland häufigste Verhütungsmethode ist die Pille. Mehr als die Hälfte der Frauen nehmen sie. Was macht sie mit der Frau? Sie schützt vor Schwangerschaft, der Eisprung wird verhindert, sie erlaubt »sexuelle Freiheit« – was auch immer Freiheit in dem Zusammenhang bedeutet – und sie schützt nicht vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Der Preis dafür ist, dass das wunderbare feine rhythmische Zusammenspiel der Geschlechtshormone sowie der rhythmische Wellenschlag durch den Monat komplett aufhört und die zugeführten Pillenhormone in »monotoner« Dosierung die Regie übernehmen. Aus dem Monatsrhythmus wird ein Pillen-Takt. Abgesehen von den bekannten Nebenwirkungen tut das auch einiges mit der Seele; so kann ein seelischer Schwingungsverlust unter anderem depressive Neigungen und Lustverlust zur Folge haben.

Abtreibung: Wissen wir, was wir bei einer Abtreibung machen? Für manche Frauen scheint es eine Art Rettung zu sein, viele fühlen sich auch Jahrzehnte später noch unheilbar verletzt, traumatisiert. Und für das ungeborene, nicht-geborene Kind? Wenn wir eine Existenz der Kindesseele vor der Empfängnis annehmen oder ahnen – sowie für viele auch ein Leben nach dem Tod nicht ausgeschlossen ist –, wird diese Seele, die gerade bemüht ist, sich zu nähern, grob zurückgestoßen. Wir können vermutlich nicht ahnen, was das für Folgen haben kann.

Künstliche Befruchtung: Was tun wir bei einer Kinderwunschbehandlung, einer künstlichen Befruchtung? Hormonell werden mehrere Eizellen gleichzeitig zur Reifung gebracht und abpunktiert. Im Labor wird jeder Eizelle eine Samenzelle injiziert. Die Eizellen fangen an, sich zu teilen. Nach zwei bis drei Tagen werden eine oder zwei befruchtete Eizellen in die hormonell vorbereitete Gebärmutter eingesetzt. Die übrigen werden tiefgefroren und gegebenenfalls später genutzt, wenn dieser Versuch nicht klappt.

Heute liegt die Erfolgsquote bei der Befruchtung im Labor bei 17 bis 20 Prozent. Pro Jahr werden in Deutschland über 10.000 Kinder nach einer solchen Zeugung geboren.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass eine erfolgreiche Schwangerschaft und Geburt nach einer Zeugung im Labor so oft zustande kommt. Ob dies Spätfolgen für die Kinder hat, ist nicht bekannt. Das älteste »Retortenbaby« ist heute 38 Jahre alt.

Eine besondere Form der künstlichen Befruchtung ist das »social freezing«: Da die biologische Uhr schnell tickt, lassen junge Frauen einige ihrer Eizellen bei minus 196 Grad einfrieren, machen dann ihre Karriere und lassen sie zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es besser passt, auftauen und befruchten.

Vorgeburtliche Diagnostik: Mittels Bluttests, Ultraschall und Fruchtwasserpunktion ist es möglich, schon früh in der Schwangerschaft festzustellen, ob das ungeborene Kind ein Down Syndrom hat, einen offenen Rücken oder andere Fehlbildungen. Gesetzlich ist es erlaubt, diese Kinder unabhängig von der Schwangerschaftswoche abzutreiben, wenn die werdende Mutter meint, es sei für sie nicht tragbar.

Dieses Thema hat der aktuelle Kinofilm »24 Wochen« aufgegriffen. Es geht hier um Selektion und letztlich um die Frage, welches Leben lebenswert ist. Es ist ein Negativwunder, dass diese Praxis gerade in Deutschland nicht nur erlaubt ist, sondern oft auch in Anspruch genommen wird. Mit all diesen Verfahren greifen wir in die Fortpflanzung ein. Es ist richtig und passt in die Entwicklung der Menschheit und Gesellschaft, dass wir die Natur in Kultur überführen, dass wir auch die Fortpflanzung nicht nur der Natur überlassen; dass wir mit den Möglichkeiten zur Verhütung Beziehungen anders gestalten können als früher; dass medizinische Unterstützung bei einem unerfüllten Kinderwunsch geboten wird; dass Frauen und Paare während der Schwangerschaft und der Geburt medizinisch professionell und menschlich begleitet werden, um Komplikationen vorzubeugen oder sie zu behandeln.

Es ist an jedem von uns, zu beurteilen, welche Methoden dazu adäquat und angebracht sind. Wir werden auch selbst die Verantwortung und die Folgen unserer Entscheidungen tragen müssen. Irgendwann werden die Wunder weniger werden, dann wird unser Wille sich ausdrücken, in dem was passiert, nicht ein übernatürlicher Wille, ein geistiger Impuls oder der Wille eines noch ungeborenen Kindes.

Es ist vielleicht vorstellbar, dass der Mensch in Zukunft in der Lage sein wird, aus wirklicher Erkenntnis, die sich nicht nur auf die biochemisch-genetische Ebene beschränkt, seinen freien Willen im Einklang mit einer geistigen Welt auch physisch zur Geltung zu bringen. Aber es sieht so aus, als seien wir davon noch weit entfernt.

Zum Autor: Dr. Bart Maris ist niedergelassener Frauenarzt in Krefeld und Autor mehrerer Bücher wie die Schwangerschaftssprechstunde (mit der Hebamme Christa van Leeuwen) und In Liebe empfangen und dennoch gegangen (über Fehlgeburten).

Literatur: Johannes W. Rohen, Morphologie des menschlichen Organismus. Entwurf einer goetheanistischen Gestaltlehre des Menschen, 4. Auflage 2016, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart.

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