Aus der Gemeinschaft in die Gesellschaft

Von Christine Arlt, Oktober 2017

Der Bochumer RuhrCongress entwirft die »Soziale Zukunft«.

Geknüpfte Schicksalsbeziehungen: Präsentation des Karma-Rades. Foto: © Malte Stocker/AGiD

Weiße Luftballons steigen im großen Saal des RuhrCongress in die Luft. Ein Bild der Leichtigkeit und des Friedens.

Im Scheinwerferlicht taucht ein »Karma-Rad« auf, das die rund 850 Teilnehmer des Kongresses in den folgenden Tagen miteinander durch Schnüre verbinden wird – eine eindrucksvolle Verbildlichung des Tagungsthemas, denn eine soziale Zukunft, bei der die Gemeinschaft und das Verantwortungsgefühl füreinander gepflegt werden, entwickelt sich nur über eine bewusste Wahrnehmung des Anderen.

Wie Gemeinschaften in die Gesellschaft integriert werden, war eine der Hauptfragen des Kongresses, der von der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland (AGiD) und anderen anthroposophischen Verbänden erstmalig in dieser Größenordnung und mit einer weitreichenden Beteiligung von Menschen aus allen Lebensbereichen organisiert wurde.

Vom 15. bis 18. Juni beschäftigten sich die Teilnehmer mit Themen wie Wirtschaft, Ökologie, Gesellschaft, Nothilfe, Führung, Kunst, Glaube, Frieden und vielem mehr. Es wurde deutlich, wie viele anthroposophische Impulse mittlerweile in etlichen Bereichen der Gesellschaft integrativ und ergänzend wirksam geworden sind.

Geist wird ins Leben integriert

»Soziale Zukunft entwickelt sich aus den freien Geistesbewegungen, aus gegenseitiger Akzeptanz und aus der geschwisterlichen Versorgung der anderen Menschen«, sagte der leitende Veranstalter Michael Schmock. Die bewusste Wahrnehmung der eigenen Individualität ebenso wie des Gegenübers schafft Liebe zur Menschheit und wird dadurch sozial wirksam.

Der materiellen und sozialen Umwelt wird durch ein geschwisterliches Wirtschaftssystem oder dem Umgang mit unseren Mitmenschen in Fluchtsituationen eine grundlegende, höhere Bedeutung beigemessen. Ein eindrückliches Beispiel dafür brachte Kristina Wojtanowski, die mit den »Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners« im globalen Süden Nothilfe leistet. Sie machte deutlich, dass wir mit dem Elend dort etwas zu tun haben und wie sich aus der Liebestat für andere der erste Schritt in Richtung sozialer Zukunft entwickelt.

Otto Scharmer betonte, dass es keinen Masterplan für Entwicklung und Zukunft brauche. Es gebe nur eine wirkliche Kernaufgabe in der Welt und das sei die Reintegration von Geist in die Materie. So entstünden beispielsweise Systeme aus dem Geist der Menschen, entwickelten sich dann jedoch oft zu materialistisch. Anschließend fehle vielerorts der Geist, das Geschaffene zu hinterfragen oder um Verantwortungsgefühl zu entwickeln.

Die Zukunft ist sozial

Dass es allerdings etliche Initiativen gibt, die es durch die Integration von Geist schaffen, ihr Wirken im Sinn der vor 100 Jahren von Steiner entwickelten »Dreigliederung« zu gestalten, zeigte der Kongress vielschichtig. Alexander Gerber, Vorstandsvorsitzender von Demeter, Thomas Jorberg, Vorstandsprecher der GLS Gemeinschaftsbank, und Gerald Häfner, Leiter der Sozialwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum, berichteten von ihren täglichen Bemühungen um nachhaltige Landwirtschaft, ethisches Unternehmertum und politische Mitgestaltung. Auch kleine Initiativen und einzelne Persönlichkeiten zeigten, wie sie an der Gestaltung einer sozialen Zukunft mitwirken.

Joachim Weckmann, der erste Bio-Bäcker Berlins, erzählte, wie er sich regelmäßig mit den Bauern zusammensetze und immer wieder aufs Neue individuell schaue, was sie benötigen, um unser Brotgetreide zu produzieren. Ganz praktisch sorgte eine Frau für sozialen Fortschritt, indem sie während eines Forums aufstand und sich der ausschließlich männlichen Gesprächsrunde auf der Bühne anschloss. Denn wie sollen Führungsstrukturen diskutiert werden, wenn das Weibliche nicht miteinbezogen wird?

Es zeigte sich: Der soziale Impuls Steiners kann von der Gesellschaft aufgenommen werden und ist praxistauglich. Unter den Referenten waren nicht nur Anthroposophen, sondern auch Vertreter aus anderen Bereichen der Zivilgesellschaft. Überraschend viele junge Gesichter deuteten auf einen langsam stattfindenden Wandel hin. Für eine Atmosphäre der Leichtigkeit sorgten umfangreiche künstlerische Aktivitäten, tänzerische, musikalische und lyrische Interventionen schafften immer wieder Raum für neue Zugangsweisen und Blickwinkel.

Aber es waren vor allem die Begegnungen zwischen den Menschen, die zeigten, dass soziale Zukunft nicht nur möglich, sondern präsent ist.

Zur Autorin: Christine Arlt ist freie Autorin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit.

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