Das stille Jahr

Von Bijan Kafi, Februar 2017

Anthroposophische Einrichtungen, die Orientierung zwischen Schule und Studium geben, gibt es kaum noch. Das einzige verbliebene Seminar ist das Freie Jugendseminar in Stuttgart, das bereits seit 50 Jahren Jugendlichen aus aller Welt offen steht.

Foto: © S. Knust

Es gibt im Leben eine Zeit, in der Kontakte zu anderen Menschen einen besonders tiefen Eindruck machen. Denn sie vermitteln eine Perspektive auf das Leben, die in einer Zeit wachsenden beruflichen Effizienzdenkens zunehmend verloren geht: eine Perspektive auf Individualität, Uneigennützigkeit und gemeinschaftlichen Gestaltungswillen. Für Florian Auls, den 26-jährigen Dirigenten, der heute in den Niederlanden lebt und das Jugendseminar 2004 besuchte, liegt genau hierin seine Besonderheit.

Rund 1.500 junge Menschen hatten sich vor ihm für das stille Jahr auf der Uhlandshöhe entschieden, und sie tun es immer noch: die rund 30 Seminarplätze der traditionsreichen Einrichtung sind oft ausgebucht. Die Teilnehmer zwischen 18 und 28, die meist für drei Trimester nach Stuttgart kommen, kommen aus mehr als 20 Ländern, besonders viele aus Georgien und dem asiatischen Raum. Die große Nachfrage mag erstaunen, denn das Jugendseminar fördert vor allem die innere Einkehr. Die Jugendlichen sollen auf die Suche nach sich selbst gehen und ihre Aufgabe in der Welt finden. Ist das noch ein zeitgemäßer Ansatz, oder doch nur ein weiterer Schutzraum vor dem Berufsleben?

Gegen den Trend

Das Seminar stellt sich gegen den Trend zunehmenden Engagements bereits sehr junger Menschen in der Welt. Selbstständiges, vor allem sozial engagiertes Unternehmertum zieht heute viele Jugendliche an. Sie bewundern Individualisten, die die Welt im Alleingang verändern und Verantwortung für Benachteiligte übernehmen. Das schöne Bild ist freilich bereits zu einer Quelle neuen gesellschaftlichen Drucks geworden. Wer sich nicht als Unternehmer sehen mag oder sozialen und künstlerischen Zielen nachstrebt, fühlt sich in dieser Welt schnell unverstanden und heimatlos. Gemeinschaft und Reflexion, Zweifel und Suche nach sich selbst sind damit schwer verträgliche Werte.

Im Jugendseminar gilt es hingegen, Verantwortung erst einmal für sich selbst zu übernehmen. Die Seminaristen sind dazu aufgerufen, nicht einer Erwartung zu genügen, sondern durch Begegnung sowie geistige und körperliche Selbsterfahrung zu entdecken, was sich aus ihnen entwickeln will. Dazu lesen sie Bücher von Rudolf Steiner, besuchen Kurse in Eurythmie, Musik und anderen, darunter vielen künstlerischen Fächern. Der Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung anthroposophischer Perspektiven. Ihr gemeinschaftliches Leben sowie die Pflege von Haus, Grundstück und Garten organisieren sie zu weiten Teilen selbst.

Das Ungenügen an der rastlosen Geschäftigkeit vorgefertigter Lebensläufe eint erkennbar viele Teilnehmer des Jugendseminars. Was sie hier finden, ist ihnen hingegen wohl bewusst: Gelegenheit zur Konzentration auf sich selbst. Lena Sutor-Wernich, die heute in Köln als Musikerin und Musikpädagogin arbeitet, sah darin eine Chance: »Ich fühlte mich zu Beginn ziellos. Aber das Jahr gibt einem die Möglichkeit, den eigenen Lebensentwurf nicht nach äußeren Standards zu entwerfen.« Die innere Orientierungslosigkeit erst einmal aushalten zu lernen ist also Teil der Herausforderung, die nicht wenige als befreiend erleben. Auch das ungewohnte Interesse, das den Studenten von Seiten der Dozenten entgegengebracht wird, empfinden viele als besonders wohltuend. Viele der Lehrangebote wie Malen, Plastizieren oder Imkern werden in der vor allem im Sommer beschaulichen Idylle des Geländes mit seinem üppigen Garten gepflegt. Sutor-Wernich hat sich deshalb gefragt, ob ein solcher Ausstieg nicht ein Luxus ist. An den Begegnungen mit Menschen, die weniger als sie besaßen, habe sie jedoch gelernt, dass ihm ein eigener Wert innewohnt.

Zwischen Freiheit und Verantwortung

Das Kursangebot zielt auch darauf ab, die Teilnehmer an konkrete Berufsperspektiven heranzuführen. Eine eigene Berufsorientierungswoche gibt »Profis« aus vielen verschiedenen Branchen die Möglichkeit, die Seminaristen persönlich mit ihren eigenen Lebensentwürfen und Berufsbildern bekannt zu machen.

Dass besonders diejenigen, die vor ihrem Besuch bereits Berufserfahrung erworben haben, die zwölf Monate Selbstbeobachtung als besonders fruchtbar erleben, fällt schnell auf. Anders als die meisten Teilnehmer, die direkt von der Schule ans Seminar kommen, hatte auch Auls bereits die Arbeitswelt kennengelernt und war erst durch den Konflikt mit ihr zum Besuch angeregt worden. »Eine Einrichtung wie das Jugendseminar kann immer auch von der Notwendigkeit entlasten, Motivation zu entwickeln – gerade, weil man hier verletzlich sein darf«, erinnert er sich. Dass die Welt in ein lebendiges Verhältnis zur Erfahrung des eigenen Wesens gesetzt werden muss, scheint zu den Einsichten vieler zu gehören, die das Jugendseminar durchlaufen haben: »Die dynamische Balance zwischen Rückzug und Wirken in der Welt, zwischen Anspannung und Entspannung darf nie vergessen werden«, bemerkt Thomas Glocker, der das Seminar 1981 besuchte. Er und Auls wünschen sich noch mehr Kontakte zur Außenwelt und eine gezieltere Förderung eigener Initiativen.

Diese Anregungen umzusetzen hat sich das Seminar zur Aufgabe gemacht. Heute bietet es mehr Exkursionen an und war bereits Initiator für neue Initiativen wie das Freie Uni-Experiment oder die jährlich stattfindende Tagung BildungsArt. Auch die Partnerschaften mit anthroposophischen Unternehmen sollen ausgebaut werden. Das Seminar ist Teil des Campus A-Verbunds der lokalen anthroposophischen Ausbildungsstätten, der danach strebt, die Bildungsangebote der Einrichtungen unter jungen Stuttgarter Auszubildenden bekannter zu machen. Mit einem vierten Projekt-Trimester soll zukünftig individuellen Initiativen noch mehr Raum gegeben werden.

Der Wert des Rückzugs

Einrichtungen wie das Jugendseminar zielen nicht auf unmittelbar greifbare Resultate ab. Auf die verbreitete Geschäftigkeit vieler junger Menschen mit dem Angebot eines vertieften Selbststudiums zu antworten, ist durchaus ihre Stärke. Zuletzt bleibt es ein individuelles Wagnis, ob die Chance gewinnbringend genutzt werden kann  – allerdings eines, das erstaunlich viele Teilnehmer einzugehen bereit sind: »Ich kann nicht behaupten, dass ich nach meinem Jahr wusste, was kommen sollte. So einfach war es nicht«, erzählt Sutor-Wernich. Aber sie habe Vertrauen in sich gewonnen: »Ich wusste am Ende: Es kann durch das, was ich bin, Neues in die Welt kommen – ich muss nicht Wegen folgen, die andere mir vorgezeichnet haben.«

Hinweis: Das Jugendseminar sucht Förderer für die individuellen Projekte der Seminaristen. www.jugendseminar.de/blog/foerdern/

Zum Autor: Bijan Kafi arbeitet als Berater für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit für anthroposophische Initiativen in Berlin.

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