Die Mütter werden abgeschafft

Von Ute Hallaschka, März 2015

Auf der Pfingsttagung der Waldorfkindergärtnerinnen in Hannover las Antje Schmelcher aus ihrem Buch »Feindbild Mutterglück«. Die Lesung hat das Publikum zu Tränen gerührt. Es wurde deutlich, dass wir in einem gesellschaftlichen Klima leben, in dem die Kindheit auf ganz neue Art bedroht ist.

Foto: © Charlotte Fischer

Es ist erschütternd, was die Autorin der FAZ-Sonntags-zeitung nach sorgfältiger Recherche in ihrem Buch »Feindbild Mutterglück« zusammengestellt hat. Unsere Zivilisation schafft gerade die Mütter ab. Die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung zielt auf die Verwertbarkeit menschlicher Arbeit, darauf, dass wir unser Leben auf allen Ebenen vorrangig nach den Bedürfnissen der Wirtschaft organisieren. Wer dieser ökonomischen Profilierung naturgemäß im Weg steht, sind Mütter und Kinder. Beide sind als solche nicht profitabel. Mütter, die einfach da sein wollen für das Kind, rechnen sich nicht.

Als Antje Schmelcher ihr Buch schrieb, war von »social freezing« noch keine Rede. Dieses Schlagwort kann man geradezu als Beleidigung des gesunden Menschenverstands auffassen. Oder als eine Lüge. Firmen bieten ihren Mitarbeiterinnen die Möglichkeit, ihre Eizellen einfrieren zu lassen und übernehmen dafür die Kosten. Die Idee: Frauen könnten so beruhigt erst einmal Karriere machen und die Geburt auf später verschieben. Das Ganze wird als Gleichberechtigung verkauft. Endlich wird die biologische Grenze der Fruchtbarkeit überwunden. Ebenso wie die Männer, die in hohem Alter noch Kinder zeugen, wären die Frauen mit den eingelagerten Eizellen gebärfähig. Natürlich ist es keine soziale Idee, sondern eher eine Horrorvorstellung der Optimierung von Lebenskraft zugunsten der Gottheit der Ökonomie.

Multitasker, aber keine vollwertige Arbeitskraft

Eine unterbrochene Erwerbsbiografie, der Ausstieg aus der Arbeitswelt, das ist heute noch immer ein Stigma. Eine Frau mit Kind oder gar mehreren gilt zwar als Multitasker, aber nicht als vollwertige Arbeitskraft. Jenseits der Teilzeitbeschäftigung steht sie unter Verdacht. Was, wenn das Kind krank ist? Selbst wenn sie anwesend ist, ist sie innerlich doch mit ihren Gedanken beim Kind. Das stört. Die Frauen selbst fürchten, nicht mehr für voll genommen zu werden. Abgesehen vom Arbeitseinkommen – welche Frau traut sich heute noch mit einer Identität als Mutter zufrieden zu sein, ohne sich minderwertig vorzukommen, sich rückständig zu fühlen, oder unter permanenten Rechtfertigungsdruck zu stehen?

Das legt den Schluss nahe, dass Muttersein und Kindheit gesellschaftlich nicht mehr geschätzt und geachtet werden. Dies ist zutiefst inhuman. Vor diesem Hintergrund kann man Schmelchers Buch geradezu als ein Brevier der Menschenwürde auffassen. Der Autorin gelingt das Kunststück, die Fülle der Daten und Fakten, die sie aus sehr unterschiedlichen Kontexten gewinnt, so lebendig anschaulich zu verweben, dass ein regelrechtes Tableau als Zeitbild entsteht. Sie entwirft die These, dass nicht nur Wirtschaft und Industrie, sondern aktuell auch die Soziologie und vor allem der Feminismus dem ökonomischen Menschenbild huldigen und es fördern. Was einmal in der Emanzipationsbewegung als Gleichberechtigung gedacht war, umfasste selbstverständlich auch das Dasein der Mütter. Die aktuelle Gender-Debatte zielt nicht mehr auf die Befreiung der Frauen in selbstbestimmter Lebensform, sondern in erster Linie auf die Befreiung weiblicher Arbeitskraft, auf die Frage, wie die Frau »freigestellt« werden kann zur sogenannten Erwerbsarbeit. Während die ursprüngliche Emanzipationsbewegung das Muttersein durchaus als vollwertige Arbeitsstelle verstanden hat und gerade für diese Arbeit Anerkennung und gesellschaftlich zu leistende Finanzierung forderte, werden heute Frauen, die »nur« Ganztagsmütter sein wollen, abgestempelt und als minderbemittelt aufgefasst. Doch es geht nicht darum, die Frau, die Mutter sein will, auszuspielen gegen die Frau, die sich ihrem Job widmen will.

Mutter sein ist keine Wellnessoase

Die Autorin ist selbst Mutter. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Töchtern in Berlin-Pankow. Im Gespräch, in der Begegnung zeigen sich die Klarheit und Transparenz, die ihren Texten eignet und eine wundervoll ehrliche Haltung. Sie gibt unbefangen zu, keineswegs frei zu sein von den beschriebenen gesellschaftlichen Zwangsvorstellungen: »Angenommen, eine meiner Töchter will später mal Kinder kriegen und würde dafür den Job aufgeben und zu Hause bleiben wollen. Da kriegt man doch Angst. Sie wäre auf die Fürsorge eines Partners angewiesen, und wenn die Beziehung in die Brüche ginge … Ich kann doch meinen drei Töchtern unmöglich raten, wenn ihr wollt, bleibt später mal zu Hause und kümmert euch um eure Kinder! Diese Freiheit existiert nicht«.

Hier zeigt sich, welche Verantwortung Frauen als Mütter tatsächlich für die Zukunft übernehmen. Und damit werden sie ziemlich allein gelassen. Muttersein und Kindererziehung ist heute wesentlich eine Aufgabe der Selbsterziehung – sich Mut zum eigenen Denken zu machen. Es geht darum, ein zukünftiges Welt- und Menschenbild zu entwerfen, für das es keine Vorbilder gibt. Eine Welt, in der die Fürsorglichkeit, das Dasein für andere neu Anerkennung findet – nicht unter Rückgriff auf traditionelle Rollenbilder, sondern auf Basis einer individuellen Entscheidung. Diese Forderung der Herzlichkeit braucht Mut und Selbstvertrauen. Antje Schmelcher ist eine Vorkämpferin dieses neuen weiblichen Selbstvertrauens. Ihre umfassende Zusammenschau der gesellschaftlichen Verhältnisse ist frei von jeglicher Ideologie. Sie ist schlicht Ausdruck des Freiheitsbedürfnisses und des gesunden Menschenverstandes. Und sie macht sich dadurch nicht nur Freunde.

Im Internet finden sich Polemiken, die am eigentlichen Thema – dem Kindeswohl – völlig vorbeigehen. Darin bewahrheitet sich wiederum der Buchtitel: dass gar nicht mehr verstanden wird, was dieser Begriff zum Ausdruck bringt. Denn »Mutterglück« ist ja keine Wellnessoase, in der man die Seele baumeln lässt. Es ist der Inbegriff der Liebe und Fürsorglichkeit, in der freien Übernahme der Verantwortung für das Wohlergehen eines anderen Wesens. Und das bedeutet harte Arbeit. Wird das Leben der Kinder dagegen als reines Betreuungs- und Dienstleistungsproblem aufgefasst, das in Konkurrenz steht zur Erwerbstätigkeit, dann sind wir nicht mehr weit weg davon, dass Kindheit verschwindet.

Deshalb ist es höchste Zeit, uns radikal auf ein Welt- und Menschenbild zu besinnen, das uns Menschlichkeit gestattet. Rainer Maria Rilke entwarf in einem Brief einen Emanzipationsbegriff, der nach mehr als hundert Jahren noch immer zukünftig ist und an den Antje Schmelcher anzuschließen scheint. In einem Brief vom 14. Mai 1904 an Franz Xaver Kappus beschrieb er das, was die Autorin fordert: eine freie weibliche Daseinsmöglichkeit: »Das Mädchen und die Frau in ihrer neuen, eigenen Entfaltung, werden nur vorübergehend Nachahmer männlicher Unart und Art und Wiederholer männlicher Berufe sein. Die Frauen, in denen unmittelbarer, fruchtbarer und vertrauensvoller das Leben verweilt und wohnt … eines Tages wird das Mädchen da sein und die Frau, deren Name nicht mehr nur einen Gegensatz zum Männlichen bedeuten wird, sondern etwas für sich, etwas, wobei man an keine Ergänzung und Grenze denkt, nur an Leben und Dasein – : der weibliche Mensch.«

Was Rilke mit diesem weiblichen Menschen meinte, wird deutlich, wenn man seine Aussage berücksichtigt, er könne nur in einem weiblichen Gemütszustand dichten. Das Mütterliche, das Fürsorgliche, das Hingebungsfähige, auch das Poetische – ob in Frau oder Mann – galt ihm als die Weiblichkeit des Menschen. Diese herauszulösen aus den Geschlechterklischees und frei werden zu lassen, scheint eine wundervolle Zukunftsperspektive.

Zur Autorin: Ute Hallaschka ist freie Autorin.

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Kommentare

Anke Nordick, 02.03.15 08:03

Ich bemerke diese Entwicklung schon lange und rede gegen sie. Bisher belächelt. Das nun immer öfter gleiche Meinungen in den Medien laut werden, gibt mir Zuversicht.
Familienarbeit muss anerkannt und entlohnt werden.
Es wird soviel Geld für in Inobhutnahme und Fremdbetreuung ausgegeben, warum nicht die selbe Summe direkt in die Familie geben?
So kann real ein Elter zu Hause bleiben und sich um Erziehung und Haushalt kümmern.
Parallel müssen andere Systeme erhalten bleiben, damit Wahlfreiheit und Gleichberechtigung entstehen können.

Carola Hauck, München, 21.03.15 17:03

Wir haben eine zutiefst frauenfeindliche Gesellschaft. Auch der Feminismus ist in meinen Augen schon lange nur noch damit beschäftigt, mit Männern gleichzuziehen, als ginge es hier um Armdrücken vergleichbarer Individuen. Alles, was Frauen typischerweise machen, ist und wird abgewertet. Die typischen Frauenberufe sind schon immer extrem schlecht bezahlt ... ( in Medien ist leider gerade sehr in Mode zu sagen: Was ist das denn? Das ist ja ein Mädchen ... Wobei "Mädchen" immer synonym mit "schlecht" verwendet wird. Nehmen wir mal die sog. Erwerbslücken, die durch Kinderbekommen und Erziehung entstehen. Diese würden nicht entstehen, würde der Staat hier ein Entgelt mit Rente und Krankenkasse zahlen. Schließlich werden hier die zukünftigen Rentenzahler großgezogen. Wenn dann aber eine Frau doch arbeiten gehen will, findet sie in Deutschland nichts, was ihrer Ausbildung entspricht als Teilzeitstelle. Merkwürdig, dass in Holland sich auch bei der deutschen Sparkasse 2 Manager einen Job teilen, hier aber davon gesprochen wird, dass das in Deutschland nicht ginge. Und warum gibt es nur Jobs, die dem Biorythmus der Frau nicht Rechnung tragen? Frauen sind grundsätzlich zu Höchstleistungen fähig, siehe Kindergebären, Kindererziehung, vergleiche Schul- und Universitätsabschlüsse. Allerdings brauchen sie auch die Möglichkeit der Regeneration. So wie alles, was in der Natur Leistung bringt, auch eine Regenerationsphase hat. Stattdessen wird erwartet, dass Frauen topgestylt sich mit Schmerzmitteln volldröhnen, um an ihren Tagen auch noch ihren "Mann" zu stehen. Absurd ist das. Wir haben einen Frauenüberschuss, aber die Norm gibt der Mann vor. Ich reg mich sehr drüber auf.

Catharina Jülich, berlin, 23.03.15 15:03

Es freut mich sehr, dass Antje Schmelcher dieses Buch geschrieben hat. Ich selbst bin dankbar und unendlich froh darüber, in den ersten, so entscheidenden Jahren als Studentin auch bei meinen Kindern gewesen zu sein und ebenso meinen damaligen Mann an meiner Seite gehabt zu haben, der viel zu Hause gearbeitet hat. Beide konnten wir nun unsere beiden Töchter aufwachsen sehen, mit ihnen die Stunden, die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahre verbringen und besonders: erleben. Wie kostbar ist es doch, von Geburt an ein sich entwickelndes Wesen zu beobachten, zu behüten, zu umsorgen. Wie viel Spaß brachte es, ihnen eine Umgebung zu bereiten, in der sie so viel Eigenständiges tun und erleben konnten. Wie schön war es, auch ihre Freunde kennen lernen zu können, mit ihnen gemeinsam zu essen, sie beim viele Freien Spielen draußen im Wald und überall beobachten zu können. Und auch später: Die ersten Liebschaften zu empfangen und zu sehen, wie alles wieder von vorne anfängt, das Leben eben, der ewige, wahnsinnige, schöne Kreislauf. Warum haben wir Kinder bekommen? Ich glaube, weil wir gerade das wollten: Einen Menschen sich entwickeln sehen. Und jetzt, wo die Kinder erwachsen sind und ihre eigenen Kinder haben, da ist es noch einmal mehr intensiv und unendlich großartig, diese nachfolgende Generation wahrnehmen zu können, "Oma" genannt zu werden, innige Verhältnisse zu haben mit diesen Enkeln und zu sehen, dass es richtig war, dass man seine eigenen Kinder so gut wahrnehmen konnte, bis heute. Bei allen entwicklungsgemäßen Schwierigkeiten, Abwehrverhalten usw. Ich gebe zu, dass wir wohl privilegiert waren, obwohl wir immerzu Geldsorgen hatten. Der Kindesvater war Alleinverdiener in den ersten Jahren und wir hatten immerzu Schulden und andere, finanzielle Einbrüche. Aber wir hatten dennoch mehr: Wir hatten diese Mädchen, die nun wundervolle, starke Frauen sind, mit ihren eigenen Kindern und es saugut machen!Das ist ein Privileg für mich und ich würde es immer wieder so machen. Deshalb!

Marina , 03.07.15 17:07

Habe diesen Post leider erst gerade entdeckt. Es werden nicht nur die Mütter (und Väter) abgeschafft, es wird gleich dazu noch die Kindheit abgeschafft. Die Entwicklung, die sich derzeit im familienpolitischen Bereich abzeichnet, ist eigentlich eine Katastrophe...

Sabine Oster, Düsseldorf, 17.08.15 16:08

Ich freue mich ebenfalls sehr über diese Buch. Ich habe zwei Kinder (größerer Altersabstand) lange Jahre selbst betreut und begleitet und bin unendlich dankbar für diese anstrengende aber wunderbare Zeit; ein Geschenk!
Leider musste man sich immer wieder Kommentare über das lockere Leben ohne Chef und die angebliche geistige Unterforderung anhören.
Die Abwertungen ziehen sich durchs weitere Erwerbsleben bis hin zur Rente. Frauen wie ich (berufs- und lebenserfahren, Multitasker) werden später dann nur noch in Minijobs (oft sogar ohne gesetzlich vorgeschrieben Lohnfortzahlung bei Urlaub oder Krankheit) regelrecht verheizt; von der späteren Rente ganz zu schweigen...
Das ist ein Skandal!!!

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