Jim Knopf besiegt die Nazis

Von Ulrich Kaiser, Juni 2010

Michael Endes berühmtes Kinderbuch lässt sich als antirassistische Parabel lesen. Das zeigt die FAZ-Redakteurin Julia Voss.

Michael Ende: Jim Knopf, eine antirassistische Parabel.

Als Michael Ende die Insel schildert, auf der die Geschichte von »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« beginnt, fügt er wie ironisch schmunzelnd hinzu: »Warum die Insel übrigens Lummerland hieß und nicht irgendwie anders, wusste kein Mensch: aber sicher wird es eines Tages erforscht werden.«

Dass Michael Ende damit eine Fährte ausgelegt hat, die vom Kinderbuch direkt in den doppelten Boden his­­torischer Wirklichkeit führt, das hat unlängst die Historikerin Julia Voss aufgeschlüsselt.

Julia Voss war beim zufälligen Blick auf Nick Hazlewoods Bericht »Der Mann, der für einen Knopf verkauft wurde. Die unglaubliche Geschichte des Jemmy Button« die Namensgleichheit mit einem ihrer liebsten Kinderbuchhelden aufgefallen. Button heißt ja übersetzt Knopf. Sollte Michael Ende mit Jim Knopf auf den Feuerländer angespielt haben, der 1828 als Junge vom Kapitän der HMS Beagle für einen Knopf gekauft und zwei Jahre in England »erzogen« wurde?

Erste Indizien zeigten: Michael Ende musste diese Geschichte gekannt haben, bevor er Jim Knopf schrieb. Julia Voss las die beiden Kinderbücher erneut, und alles, was sie über den Autor finden konnte, bis hin zu seinem Nachlass.

Ein enger Zusammenhang ergab sich nicht nur zu den Themen Darwins, der mit dem jungen Feuerländer eine gemeinsame Schiffsreise absolviert hatte. Auch dass Michael Ende, 1929 geboren, in dem Buch seine Schulzeit im »Dritten Reich« porträtiert, ist offensichtlich. Die darwinistische Lehre vom Überlebenskampf, davon war Ende überzeugt, fand ihre direkte Fortsetzung in der NS-Ideologie und deren Pädagogik.

Kein Eintritt für »nicht reinrassige Drachen«

Jim und Lukas sind mit ihrer Lokomotive Emma auf der Suche nach der von Seeräubern entführten Prinzessin Li Si. Der Weg führt nach Kummerland, an dessen rauchendem Eingang ein Schild hängt: »Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.« Im Landesinnern dann eine Schule, die durch fiesen militärischen Drill genauso geprägt ist wie durch vollkommen autoritäre Willkür. Das in einem der beliebtesten Vorlesebücher Deutschlands?

Die Drachenstadt ist von schlüpfrigen Charakteren bevölkert, mit denen Ende zweifellos auf die Nationalsozialisten zielt. Man kann nur Angst haben.

Aber der kleine, schwarze Junge Jim zeigt Mut. Er spricht Frau Mahlzahn, die drächische Lehrerin, unerschrocken an und Emma, die Lokomotive tut ihren Teil, um sie zu besiegen. Fast hätten wir bei diesem Kampf im Klassenraum, in dem die Kinder an die Bänke gekettet sind, nicht gemerkt, dass es sich um ein altes mythologisches Bild handelt. Michael Ende führt, wenn er Jim Knopf schreibt, einen Drachenkampf, einen mit seiner eigenen und der kollektiven Vergangenheit. Es ist ein durchweg freundlicher Kampf. Und er wurde so niemals vorher ausgefochten.

Die ideologische Instrumentalisierung Siegfrieds wird dekonstruiert

Julia Voss zieht Schulbücher aus der NS-Zeit heran, Biologiebücher, in welchen mythische Helden als reale Menschen verkauft werden und Rassenideologie als Naturgesetz auftritt. Der Siegfried der Nibelungen ist dort ein biologischer Typus, dem es zuallererst durch »rassische Reinhaltung« nachzueifern gilt. Für Ende aber wird diese Ideologie selber zum Drachen. Nicht nur Jim, das multikulturelle Kind – in uns – ist es, das den Sieg davonträgt. Es ist ein heterogenes Team, das hier antritt, zu dem der väterliche Freund Lukas – eine liebenswürdige, sich nie vordrängende Autorität – und die beseelte, belebte Maschine Emma gehören, die später sogar ein kleines Lokomotivbaby bekommt. Auch die wandlungsfähige, fortpflanzungsfähige Phantasie mischt sich also in diesen Kampf gegen den Drachen – zumal sie ja sogar in dessen Haut schlüpft. Neu ist an Endes Erzählung, dass der Drache nicht getötet, nicht einmal verstoßen wird. Die befreiten Kinder aller Welt nehmen den Drachen mit! Und siehe da, er beginnt sich zu verwandeln, wird nach einem Zustand langen Schlafes zu einem weisheitsvollen chinesischen Glücksdrachen, von dessen Ratschlägen sie letzten Endes sogar profitieren können.

Atlantis wird zu Lummerland, dem kosmopolitischen Kontinent

Nicht nur die ideologische Instrumentalisierung des Nibelungenmythos wird auf diese Art von Michael Ende liebevoll dekonstruiert. Am Schluss des Kinderbuchs lässt er das versunkene Atlantis wieder aus den Fluten emportauchen, unter denen Heinrich Himmlers SS-Forschungseinrichtung »Deutsches Ahnenerbe e.V.« und die »Reichsschrifttumkammer« es begraben hatten, als sie den antiken Mythos zur biologischen Rassenparabel und völkischen Kultstätte umcodierten. Atlantis, der unsichtbare Untergrund der Insel Lummerland, erhält als kosmopolitischer Kontinent, auf dem die Kinder aller Länder eine Wohnstätte finden und die Vögel zahm sind, eine neue Chance. Atlantis wird sichtbar und zeigt sich als Chiffre der Phantasie, auf der Endes Buch so wie die Insel Lummerland fußt.

Aber driftet Michael Ende hier nicht in die Scheinwelt harmoniesüchtiger Utopie ab? Der Eskapismusvorwurf hat ihn erreicht und die Gefahr der Verharmlosung und Verniedlichung der grausigen Realität steht im Raum. Doch Ende, der an die Macht der Phantasie glaubte, beharrte stets auch auf deren Gefahren. Der große Gestus lag ihm fern und eben darin widersetzte er sich dem Gewaltigen der Geschichte. Mit den Mitteln einer einfachen Erzählung wollte er in der Nachkriegszeit, der Zeit der »Reeducation«, in der Bemäntelung vorherrschte, eine neue Wertewelt aufbauen, in der, wie Julia Voss schreibt, »nicht Unveränderlichkeit und der Sieg des Stärkeren besungen wird, sondern Wandlung und die Fähigkeit zur Freundschaft«.

Rudolf Steiners Anthroposophie – eine Gegenwissenschaft zur nationalsozialistischen Ideologie

Die Bildungsgeschichte, von der Jim Knopf erzählt, bliebe unvollständig, wenn wir nicht auch auf Endes Schulzeit nach 1945 eingingen. Immer wieder hatte er durch Freunde der Eltern, Verwandte oder Lehrer von Rudolf Steiner gehört, dessen Schriften damals verboten waren. Ein Jahr nach Kriegsende besuchte er die erste anthroposophische Nachkriegs-Jugendtagung in Deutschland. 1947 wurde er in der Stuttgarter Waldorfschule eingeschult.

Sein Leben lang sah er in Steiners Denken, das ihm die Gegenwissenschaft zur nationalsozialistischen Ideologie war, den bestimmenden Faktor seines Lebens. Als er 1983 vom Fischer Verlag aufgefordert wird, ein Lesebuch aus den Texten zusammenzustellen, die ihn am meisten beeinflusst hatten, wählte er an erster Stelle jenes Kapitel aus Steiners Philosophie der Freiheit aus, das von der »Moralischen Phantasie« handelt. »Ein Schlüsseltext«, schreibt Julia Voss, »der ins Zentrum von Endes Antidarwinismus führt«. Die vom Darwinisten Haeckel und später den Nationalsozialisten behauptete unausweichliche Notwendigkeit der Geschichte, so Voss, »war Steiners Entwurf einer freien Moral genau entgegengesetzt«.

Literatur:
Julia Voss, Darwins Jim Knopf, Frankfurt am Main 2009.

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