Selbstbestimmung – Hoffnung auf die junge Generation

Von Gilda Bartel, September 2017

Selbstbestimmung heißt, ich bin in der Lage, für mich selbst etwas zu entscheiden. Ich bin mir sicher, dass ich es nur auf Grundlage meiner eigenen Tragflächen machen kann. Ich kann bestimmen, nach dem Abwägen, ob etwas so oder so für mich und mein Wollen besser ist und es dann auch durchtragen. Ich bin mir selbst gegenüber loyal, bis in alle Konsequenzen hinein. Dabei wird Würde erlebbar – Werdekraft. Sie ist nicht abstrakt vorhanden. Denn die Würde des Menschen in mir ist sehr wohl antastbar. Ich selbst taste an ihr und nach ihr.

Pico della Mirandola nennt in seinem Buch »Über die Würde des Menschen« diesen das bewunderungswürdigste aller Geschöpfe. Denn er besitzt von Grund auf die Freiheit, sich selbst einen Ort, eine Art, eine Zeit, eine Bestimmung zu geben. Gott hat ihm diesen Platz der Selbstbestimmung am 6. Tag der Schöpfung zugeteilt, »damit er nach seinem eigenen Ermessen, entsprechend seinen eigenen Wünschen, in Ehre frei entscheidend und schöpferisch bildhauend sich selbst zu der Gestalt ausforme, die er bevorzugt.«

Man kommt durchaus in seinem Leben an Punkte, in denen man dafür ein Gespür entwickeln kann, wo man merkt, was man selbst eigentlich will und welches die Grenzen sind, an die man dabei stößt. Aber es braucht nicht zwangsläufig eine existentielle Krise. Auch andere Wege führen dazu, sich seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung bewusst zu werden bzw. mit sich darüber inss Reine zu kommen. Besonders in Bezug auf die Arbeit mit Oberstufenschülern lässt sich im neutralen Raum des Denkens zum Beispiel über die »Menschenrechte« als sogenannte »Freiheitsrechte« Einiges erschließen.

Menschenrechte weiterdenken

»Die Menschenrechte verstoßen gegen die Menschenrechte« heißt eine Broschüre, die 2012 von Rainer Schnurre herausgegeben wurde. Ihre Weiterentwicklung für Jugendliche von 2015 lädt sie dazu ein, die Menschenrechte genau zu durchdenken, sie weiterzudenken und dann auch weiterzuschreiben, um sie zur 100-Jahrfeier 2048 der UN vorzulegen und in die Welt zu stellen. Schnurre wendet sich darin explizit an die junge Generation, in der Hoffnung, dass sie sich zu einem eigenständigen Denken durchringen kann und will, um nicht »unser aller gemeinsame Zukunft« zu verschlafen.

Wie beginnt man, wenn doch der bereits im Artikel 1 angelegte Grundsatz, dass jeder Mensch frei und gleich an Würde und Rechten geboren sei, so richtig klingt und seit 1948 wie eine neue Religion sich ausnimmt, der alle aufgeklärten und demokratisch orientierten Europäer sofort zustimmen würden? Rainer Schnurre will nicht ablehnen, welche Leistung in den UN-Menschenrechten steckt. Und doch wirft er die Frage nach der Wahrheit innerhalb dieses Gesetzestextes auf. Es ist fraglich, wofür ein Gesetz taugt, das meint, wir hätten alle unsere unantastbare Würde und die gleichen Rechte.

Bin ich ein freier Mensch? Und bin ich das, weil mir ein Gesetz das ermöglicht? Schnurre will an der großen Frage arbeiten, welche Aussage wahr sei: Die Grundlage der Freiheit ist das Recht, wie es in der Präambel steht, oder die Grundlage des Rechts ist die Freiheit? Braucht der Mensch einen ihm von außen gegebenen Rechtsrahmen, in dem er sich seiner Freiheit widmen kann? Ja, sicher gibt es Länder und politische Systeme, in denen dieser Rahmen nicht existiert und dementsprechend die Freiheit des Einzelnen nicht zur Entfaltung kommt. Aber genauso ist es möglich, dass uns die Menschenrechte auch wieder genommen werden können, wenn sie uns zuvor gegeben worden sind. Das würde bedeuten, dass sich hinter einem gebbaren oder nehmbaren Gesetz auch Interessen verbergen, die nicht unbedingt unmoralisch sein müssen, aber doch von einer Instanz entschieden worden sind, die meinte, für andere entscheiden zu können. Was wäre anders, wenn die Menschenrechte von Menschen geschrieben wären? Würde sich etwas ändern, wenn Menschen unabhängig von Hautfarbe, Alter, Staatszugehörigkeit, Parteizugehörigkeit, politischen Ambitionen etc. sich zu Gesprächen träfen, um zu bedenken, was Menschenrechte sein können? Das wäre ein sehr spannendes und ergiebiges Versuchsfeld.

Was heißt das, wenn sich Menschen freiwillig zusammensetzen, um eine Gleichheit im Rechtsleben zu verfassen, wenn sie diese Aufgabe nicht delegieren an den Staat oder die UNO? Hätte das überhaupt einen wirklichen Nutzen? Würde man darin ernst genommen werden oder auch sich selbst ernst nehmen? Oder würde man es als Unterrichts-Spielerei abtun? Beginnt man, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, tun sich Welten auf. Nicht nur in Bezug auf meine Verantwortlichkeit, die ich für meine Kinder, meine Enkel, alle Kinder, alle Enkel habe, sondern auch in Bezug darauf, was Selbstbestimmung für mich heißt und ist.

Souverän werden und kritisch prüfen

Schnurres Arbeitsbuch geht Artikel für Artikel durch, beginnend mit dem 1. Artikel, an dem sich die fundamentalen Fragen auftun. »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen«.

Was ist der Mensch? Was heißt alle Menschen? Was heißt frei? Was ist Gleichheit? Wo erlebt sie der Mensch im Lebensalltag? Woher stammt die Begabung? Was heißt hier im Geiste konkret? Schnurre regt an, alles kritisch zu prüfen im Sinne der Wahrheit, der Stimmigkeit und des lebenspraktischen Bezuges. Auch seine bereits neu formulierten, umgeschriebenen Artikel, die ebenfalls in dem Arbeitsbuch aufgeführt sind. »(1) Jeder Mensch ist schon mit Würde geboren; niemand kann sie ihm nehmen, außer er sich selbst. Er ist mit Vernunft begabt und kann sein Gewissen entwickeln. Er ist zur Güte und zum Wohlwollen gegenüber seinen Mitmenschen befähigt. (2) Die Menschheit ist reif zur vollen Anerkennung der Freiheit der menschlichen Individualität als dem wahren Souverän, reif für die Verwirklichung der Gleichheit im sozialen Miteinander und reif zum gemeinsamen Wirtschaften aus der Brüderlichkeit heraus.« (Artikel 1 neu).

Der Souverän, der ich selbst bin, tritt in der Langsamkeit des Durchdenkens allmählich in Erscheinung. Schnurre fordert mit seinen Aktionen und Schriften die Anerkennung dieser Souveränität und will sie frei von allen Einschränkungen wissen.

Man kann an dieser Stelle im Unterricht interessante Übungen mit den Schülern machen, die verdeutlichen, wie schwierig es ist, sich selbst gegenüber selbstbestimmend zu sein und gleichzeitig die Souveränität zu behalten, die auch anderen ihr So-Sein ermöglicht. Denn »souverän sein« ist ein Begriff aus der politischen Geschichte, der das Verhältnis von Volk zu Herrscher bezeichnet, in unterschiedlichen Nuancen. So ist in der Schweiz, wo Volksentscheide durchgeführt werden, das Volk der Souverän, der etwas Gesellschaftsrelevantes entschieden hat. In Monarchien ist es der König.

Immer jedoch liegt dem Begriff zugrunde, dass er das Verhältnis von gesellschaftlicher Ordnung, sozialem Zusammenhang, menschlichem Miteinander und Entscheidungsträger bezeichnet. In diesem Gedankenfeld mit Oberstufenschülern, Lehrerkollegien oder auch interessierten Eltern zu arbeiten, ist eine Art philosophische Praxis. Die Ideale der Französischen Revolution, der geistige Geburtsraum der Menschenrechte, die an anderen Stellen auch als die drei Lebensbereiche des Menschen als sozialem Wesen auftauchen (Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben) werden auf eine praktische Art, angebunden an einen Gesetzestext, befragt und durchgearbeitet. Zusammenhänge zwischen den Dreien, von denen keines isoliert von den anderen bleiben kann, und doch je sein eigenes Reich mit eigenen Gesetzen bildet, werden erlebbar. Die Anreicherung und Ergänzung mit konkreten Bespielen kann immer aus dem jeweiligen Personenkreis kommen, der sich zur denkenden Arbeit versammelt hat.

In dieser Erfahrung, denkend oder durch das Leben bereitet, dass ich ein selbstbestimmtes Wesen tatsächlich bin, also wirklich diese Größe habe, wird deutlich, dass die Selbstbestimmung die Voraussetzung ist, um überhaupt als Mensch, individuell und auch sozial, in Erscheinung zu treten.

Literatur:

R. Schnurre: Die Menschenrechte verstoßen gegen die Menschenrechte, Borchen 2012, ders.: The Human Rights violate against HUMAN RIGHTS, Borchen 2014; ders.: Menschenrechte weiterschreiben ... Für die Jahre bis 2048 geschrieben, Borchen 2015; alle Verlag Ch. Möllmann

Kontakt: rainer.schnurre(at)gmx.de

Zur Autorin: Gilda Bartel ist freiberuflich als Journalistin und Publizistin tätig.

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