Der Lehrer ist ein Zeitkünstler

Von Christof Wiechert, Dezember 2016

Unterricht zu gestalten ist eine Kunst. Das Medium, mit dem der Erziehungskünstler arbeiten muss, ist die Zeit. Sie lässt sich verdichten und ausdehnen, knoten und lösen. Das harmonische Verhältnis zwischen beidem macht einen wesentlichen Teil der Erziehungskunst aus, so Christof Wiechert, langjähriger Klassenlehrer und ehemaliger Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum.

Gibt man auf YouTube »Mozart Symphonie Nr. 39« ein, findet man einen Film älteren Datums, in dem das Europäische Jugendorchester vom in diesem Jahr verstorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt dirigiert wird. Die letzten drei Symphonien Mozarts wurden von ihm mit diesem Orchester aufgezeichnet. Abgesehen von dem Ohrenschmaus sind die Bilder der musizierenden jungen Leute und des Dirigenten etwas, was einen lange beschäftigen kann: Man sieht die Musiker, deren völlige Hingabe an das Werk, die menschlich-überirdische Konzentration des Dirigenten, keine Spur einer Bewegung ohne Sinn; man wähnt sich in einer anderen Zeit, in einem anderen Raum. Man beginnt zu ahnen, was Wagner meinte, als er im Parzival dichtete »Zum Raum wird hier die Zeit«: Es wird unmittelbares Erlebnis, man ist »drin« und erlebt weder Zeit, noch Raum.

Ein anderer großer Dirigent wurde gefragt, ob es ihn denn nicht auf die Dauer langweile, zum soundsovielten Male die berühmte Symphonie des noch berühmteren Komponisten aufzuführen. Seine Antwort: Im Moment, in dem das Werk beginnt, hat man vergessen, dass man es jemals gespielt hat. Jeder Ton, jeder Moment, der verstreicht, ist neu, noch nie da gewesen.

Jeder Erzieher sollte sich künstlerisch betätigen

Der Kunstbegriff in der Erziehung wird diffus diskutiert. So wird zum Beispiel die Tatsache, dass gemalt wird, als das Künstlerische der Erziehungskunst angesehen oder dass der Kunstunterricht in der Oberstufe das Künstlerische der Waldorfschule ausmacht. Tatsächlich können vier Kunst­äußerungen unterschieden werden. Es gibt sicher deren mehr, aber wir begrenzen uns in diesem Beitrag auf vier:

1. Man geht wohl nicht fehl zu hoffen, dass jeder, der unterrichtet, irgendwie und auf irgend einem Gebiet eine künstlerische Ader hat und sie beizeiten auch auslebt. Der eine malt, der andere dichtet oder musiziert; andere sind begeisterte Tänzer, manche sind große Künstler an der Wandtafel (auch während des Unterrichts, nicht nur sonntagnachmittags), andere sind bedeutende Köche – auch eine Kunst. Kurz – jeder, der unterrichtet, sollte sich irgendwie künstlerisch betätigen. Weshalb diese Hoffnung? Weil eine künstlerische Betätigung den Menschen jung, seelisch geschmeidig und flexibel hält, es ist das wirksamste Gegenmittel gegen den Erzfeind der Erziehungskunst: die Verbürgerlichung, das Spießertum.

2. Wir wenden Kunst an. Der Chemielehrer zeichnet nach dem gelungenen Experiment die Anordnung an die Tafel. Der Kunstgeschichtslehrer spricht, als male er eine Szene, die Klassenlehrer malen tatsächlich und zeichnen. Der Mittelstufenlehrer skizziert die Wirkung der Dampfmaschine, aber am Morgen hat er auch schon mit der Klasse gesungen und eine Klasse niedriger wurde zum Tagesauftakt eine Ballade rezitiert. Kurz, der Waldorflehrer wendet Kunst an, ohne ein ausgebildeter Künstler in diesen verschiedenen Disziplinen zu sein.

3. Die Psychologie lehrt, dass die Umgebung, in der der Mensch sich aufhält, eine bewusste, vor allem aber eine unbewusste Wirkung im Seelenleben hinterlässt. So weiß man heute, dass weiß gekachelte Krankenhäuser unbewusst Furcht einflößen, was in einem leicht erhöhten Blutdruck zum Ausdruck kommt (auch bei Erwachsenen!).

In den Waldorfschulen achten wir also auf eine ästhetisch gestaltete Umgebung, weil wir über diese Wirkung der unbewussten Sinnesreize wissen.

4. Das letzte Element ist aber das am weitaus Wichtigste, denn man könnte zur Not auch in einer Garage guten Unterricht machen. Dieses letzte Element ist die Erziehungskunst selber. Will sagen, so zu unterrichten, als wäre das Unterrichten selbst eine künstlerische Betätigung.

Es ist nicht leicht, dieses Künstlerische zu charakterisieren. Trotzdem bildet es das Hauptmerkmal, die Essenz der Waldorfschule: der Lehrer als Künstler, als Erziehungskünstler. Routine, Konvention und pedantisches Gehabe gehören nicht zum Erziehungskünstler. Ebensowenig die völlige und vollkommene Vorhersagbarkeit einer Unterrichtsstunde und auch nicht ein papierabhängiger Unterricht. Dann sieht man auch eine Überstrukturierung der Schule, so als ob der Unterricht den Strukturwünschen der Schulführung unter-, statt überzuordnen sei. Es ist meine Überzeugung, dass sich die Eltern viel stärker als bisher gegen diese Untugenden wehren sollten. In der Regel sind Eltern viel zu sanft und nachsichtig in ihren Forderungen an die Schulen. Auch wenn diese Schreckensbilder auf einmal wie weggeblasen wären, bleibt die Frage, was ist künstlerischer Unterricht?

Versuchen wir eine Antwort.

Raumkunst und Zeitkunst im Wechselspiel

Kunst äußert sich in zwei Dimensionen, aber wählt eine Dimension als ihren Hauptausdruck. Diese Dimensionen sind Raum und Zeit. Geht man in eine Ausstellung von Odilon Redon oder im MOMA in eine Pollock-Ausstellung, befindet man sich im Raum. Man kann die Zeit vergessen im Anblick der Malereien. Dasselbe geschieht, wenn man sich die Skulpturen in einer Skulpturensammlung anschaut. Aber auch eine Stadtansicht Roms kann dasselbe Erlebnis der Raumkunst vermitteln.

Demgegenüber die Zeitkünste: Konzert, Musizieren, Deklamieren, das Theater. Man geht ins Konzert und weiß, dieses Stück dauert so und so lange, das ganze Konzert ist um halb elf vorbei. Der ungekürzte Hamlet dauert länger und erst recht Peer Gynt. – Künste, die sich in der Zeit offenbaren und daher Anfang und Ende haben. Natürlich gibt es Brücken zwischen diesen Welten. Das ist der Tanz und die Oper, die sieht und hört man. Und es wäre ein spannendes Kapitel, vor diesem Hintergrund auf die Eurythmie zu schauen. Sie wurde von Rudolf Steiner eingeführt und verbindet beide Welten.

Eine erste Antwort auf die Frage, was Erziehungskunst ausmacht, ist: Im Unterricht muss ein gewisses Gleichgewicht zwischen beiden Dimensionen herrschen, um dem Unterricht eine gesunde Wirkung zu geben. In den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in Amerika eine Untersuchung an Junior Highschools zu dieser Frage. Ergebnis: Mehr als 90 Prozent des Unterrichts wurde visuell vermittelt, was als einseitig und nicht gesundheitsfördernd eingestuft wurde.

Der Lehrer spricht, vielleicht manchmal zu viel, aber gehen wir von einem Lehrer aus, der sein Metier beherrscht, dann wird er sprechen, die Schüler interessiert und neugierig machen. Dann bespricht und erklärt er im schönen Dialog mit seinen Schülern das Neue, was zu lernen ist. Und dann kommt der Moment, in dem er fühlt: Genug der Worte, jetzt ist etwas anderes dran, sonst verlieren die Schüler den Kontakt mit dem Thema.

Er wird zum Beispiel sagen: Bitte nehmt eure Hefte. Ich möchte, dass ihr etwas zu dieser Sache schreibt. Oder in Mathematik: Jetzt haben wir das verstanden, ich gebe jetzt vier Aufgaben, versucht die zu lösen. Oder in der Pflanzenkunde: Jetzt, wo wir die Osterglocke gesehen und verstanden haben, aus welch einfachen Prinzipien sie sich so wunderschön bilden kann, versuchen wir sie, so schön wir können, in unser Heft zu malen. Nun kommt aber bald wieder dasselbe: Wann ist genug gemalt worden, wann muss wieder etwas anderes auf der »anderen Seite« gemacht werden? Dieses Erspüren des richtigen Moments nannte Steiner »Erziehungsinstinkt«. Es ist ein wesentlicher Moment der Erziehungskunst. Dieser Kontext wirft auch ein anderes Licht auf eine »Erfindung« Steiners, das »Epochenheft«. Es ist ein vorzügliches Instrument, das Mündliche ins Sichtbare übergehen zu lassen.

Als Erziehungskünstler wird der Lehrer den Stoff so applizieren, dass Bild und Wort in einer dem Stoff ebenso wie den Schülern zugute kommenden »Mixtur« vorgebracht werden. Das ist ein Aspekt.

Ein anderer liegt in der Tatsache, dass der Unterricht selber Zeit beansprucht, das heißt, zur Zeit gehört.

Wie gebraucht der Lehrer diese Zeit? – Gebraucht und »verbraucht« er die Zeit, so wie die biologische Zeit es verlangt? Es ist derselbe Zeitstrom, der uns unausweichlich unserem Lebensende näherbringt. Oder ist er im Stande, die Zeit zu gestalten, Zeitkünstler zu werden?

Was heißt Zeitgestaltung?

Jeder kennt die Erfahrung: Man geht in einen Vortrag. Es beginnt und man spürt, ohne zu wissen wodurch, es geht irgendwo hin, der Redner hat einen Plan, den er noch nicht offenbart, aber es kommt etwas. Man ist gefesselt, neugierig, wo es hingeht. Und dann auf einmal wird man mitgenommen in einen Strom von Ideen und Bildern, man ist ganz drin, vergisst die Zeit und wenn es vorbei ist, schaut man auf die Uhr: Was schon so spät? Wir nennen das dynamische Zeitgestaltung. Jeder versteht, es ist ein musikalisches Prinzip.

Vielleicht macht man auch die gegenteilige Erfahrung: Ein Vortrag, bei dem man nach den ersten fünfzehn Minuten alle zehn Minuten auf die Uhr schaut: Wie lange noch?

Unterrichten braucht Zeit. Wir befinden uns im »Zeitraum«. Wie gestalten wir den, um zu einer Dynamik zu kommen, wodurch wir und die Schüler »in der Zeit« sind und nicht »draußen« stehen und auf die Uhr schauen?

Die Musik kann uns da eine Hilfe sein. Es klingt klassisch, ist aber ein ganz einfaches und elementares Prinzip der Musik, die sogenannte Sonatenform. Woraus besteht sie? Aus einer Exposition, einer Durchführung und einer (gesteigerten) Wiederholung, »Reprise« im musikalischen Fachjargon.

Schon Mozart und Haydn ergänzen das mit zwei kleineren Gestaltungsprinzipien, der Introduktion und der Koda. Introduktion: Einstimmung, Vorbereitung. Koda: der Weg zum Abschluss. Exposition: Das zu Lernende wird dargestellt, die Themen entfalten sich. Durchführung: Mit dem »Material« wird jetzt gearbeitet, es wird von verschiedenen Seiten betrachtet. Die Schüler bearbeiten das Dargestellte und am Ende wird es noch einmal zusammenfassend wiederholt und betrachtet – Reprise.

Und die Koda ist, dass wir uns besinnen, was getan worden ist und was morgen zu erwarten ist. Versucht man so zu unterrichten, bemerkt man schnell, dass hier das Herz der Erziehungskunst schlägt. Denn so zu unterrichten, ist spannend, ist dynamisch und lässt uns in der Zeit sein.

Ein- und Ausatmen

Ein zweites Merkmal der Erziehungskunst ist der Atem. Der Unterricht muss auf der Atmung gegründet sein: auf Spannung und Entpannung. Es ist wie ein Puls oder Herzschlag, Systole, Diastole. Wer es versucht und ein wenig in die Finger bekommt, bemerkt Folgendes: Diese Art des Unterrichtens ist nicht ermüdend und die Schüler sind viel mehr dabei, denn gerade sie bewegen sich gerne in diesem Puls. Störungen im Unterricht gehen stark zurück, da die Schüler mitgenommen werden in dieser Wellenbewegung der Zeit. So entsteht auch von selbst ein drittes Merkmal der Erziehungskunst: Es ist ein (für Lehrer wie Schüler) gesundendes Erleben. So ab dem vierten, fünften Schuljahr beginnen die Schüler zu fühlen: Wir – Schüler und der Lehrer– haben es zusammen gemacht! Es entsteht ein leiser, schöner Stolz aufeinander.

Wie der Dirigent, der nicht mit wüsten Gebärden »seine« Musik den Musikern aufzwingt, sondern der mit seinen Musikern es geschehen und entstehen lässt. ‹›

Literatur: C. Wiechert: Lust aufs Lehrersein, Dornach 2010; ders.: Du sollst sein Rätsel lösen – Gedanken zur Kunst der Kinder- und Schülerbesprechung, Dornach 2012; ders.: Die Waldorfschule, eine Einführung, Dornach 2014

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld