SLOW!

Von Günther Dellbrügger, Dezember 2016

Das Credo der Moderne ist »mehr, größer, schneller« Diese Maxime des Handelns hat das Wesentliche, hat Mensch und Natur aus dem Auge verloren. Doch überall regt sich dagegen Verweigerung, sei es als bewusster Protest oder in der unbewussten Form vielfältiger Krankheitssymptome. »Small is beautiful« oder »Weniger ist mehr« sind schon lange Ausdrücke dieser Gegenbewegung. Heute steht das englische »Slow« als Chiffre für eine weltweite Bewegung, die alle Bereiche des Lebens ergreift.

Foto: © salvia77 / photocase.de

Die Geburtsstunde der Slow-Bewegungen war eine Stunde des Widerstandes, eine von Carlo Petrini initiierte Demonstration gegen die Eröffnung eines Fast-Food-Restaurants in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom im Jahr 1986. Die Slow-Food-Bewegung lag offensichtlich in der Luft. Sie inspirierte viele Slow-Bewegungen auf anderen Gebieten, wie etwa »Slow money«, »Slow gardening« oder »Slow parenting«. Unter der Devise »Slow« nimmt eine Lebensform Gestalt an, die Qualität in den Mittelpunkt rückt. Es stellt sich die Frage, ob wir auch »weniger, kleiner und langsamer« als Qualitäten erkennen und schätzen können. Der Journalist und Pulitzer-Preisträger Paul Salopek hat sich vorgenommen, die Welt zu Fuß zu durchwandern. Das Projekt »To walk the World« begann er 2013 in Äthiopien, im Herzen Afrikas, bei den Fundstellen der ältesten Menschen­-­skelette. Es führt ihn durch vier Kontinente und soll nach etwa 34.000 Kilometern 2020 an der Südspitze Südamerikas enden. Salopek über sein Projekt: »Indem ich zu Fuß gehe, bin ich gezwungen, zu verlangsamen. Die Welt wird trübe und flach mit dem Tempo. Zu Fuß – da ist Klarheit.«

Mut zur Muße

In den USA erschien 2014 ein umfangreiches Buch, das die Geschichte und Intentionen der »Slow Church«-Bewegung darstellt. Das Prinzip der Besinnung durch Pause und der Wille zur Umsetzung menschlicher Werte auf allen Gebieten des Lebens werden hier auf die christliche Religion und das Leben der Gläubigen angewandt. Der Leidensdruck durch Stress, Burnout und Konsumzwang lässt die Gründer dieser Bewegung und ihre Anhänger nach besseren Lebensformen suchen. Das Leben des Einzelnen soll lebenswerter werden, und dadurch auch das Gemeinde­­-leben – um schließlich das gesamte gesellschaftliche Leben in eine sinnerfüllte Richtung zu führen. Ausgehend vom Prinzip der »aktiven Pause« am Beispiel des jüdischen Sabbatfestes entwerfen Smith und Patterson in Slow Church die Grundzüge einer neuen Ethik, in der Qualität Vorrang vor Quantität hat. Es ist ihre Hoffnung, dass sich aus einer solchen Verhaltensänderung soziale Organismen bilden, in die Christus sich langsam hineinleben kann, wie in einen Leib. Gemeinschaften werden so zur »Verleiblichung Christi«. Dazu gehört auf dem Gebiet der Ökologie die Achtung vor der Schöpfung, ja letztlich die »Wiederherstellung von allem« anstelle der Ausbeutung und Vernichtung der Welt. Aus dem gleichen Ansatz entsteht eine faire Ökonomie, welche die vorhandene Fülle der Güter unserer Erde nicht als persönlichen Besitz, sondern als göttliche Gaben ansieht, die menschlich geteilt werden sollen.

Stopp für Sinn

Die vielen Bewegungen unter dem Banner »Slow« sind Teil der weltweiten Zivilgesellschaft, die ein großes Stoppschild hochhält: eine Absage an die als alternativlos proklamierte Marktwirtschaft und deren verheerende Folgen für Mensch und Welt. Das Neue zeigt sich in einer Sehnsucht nach erneuerter Sinnhaftigkeit und den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, nicht nur mit allen Menschen, sondern mit der gesamten Schöpfung. Natürlich kann es bei der Verwirklichung nicht um ein »Entweder-oder« gehen, um ein Ausspielen von Gegensätzen, wie schnell – langsam, still – laut, aktiv – passiv. Ein »Sowohl-als-auch« erweitert unsere Fähigkeiten, zu beurteilen, in welcher Situation welche Qualitäten unseres Handelns dem Ganzen am meisten förderlich sind. Dadurch wird auch unser Handeln von einseitigen Bewertungen befreit.

Momentane Identität

Unsere Urteilsfähigkeit erwächst aus wahrer Verbundenheit mit und Achtsamkeit für den Menschen, für seine Arbeit, für Kultur und Natur. Vielleicht zeichnet sich für ein wünschenswertes Lebensgefühl eine neue Chiffre ab, die sich als »momentane Identität« bezeichnen ließe. Uns Menschen sind viele Möglichkeiten in die Wiege gelegt; dass sie jedoch zu Fähigkeiten werden, bedarf der Pflege. Halte ich mein Interesse an der Welt wach? Was befähigt mich zur Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für meine Umwelt? Die Analphabeten der Zukunft werden nicht Menschen sein, die keine Buchstaben beherrschen, sondern jene, die keine lebendige Verbindung zwischen sich und der Welt herstellen und pflegen können. Hier liegen die Schlüsselfähigkeiten, die uns die Tore zum Leben aufschließen. Eine wesentliche Kraftquelle dafür erscheint mir die aktive Pause zu sein:

• Im Wahrnehmen innezuhalten, den bisherigen Prozess des Anschauens noch einmal zu überblicken und dann eventuell zu vervollständigen, abzurunden, bis ich zu dem Gefühl einer guten Verbindung mit dem Wahrgenommenen komme, bis das Wahrgenommene zu mir spricht.

• Im Urteilen innezuhalten und nach weiteren, neuen Aspekten zu suchen, provisorisch im »Rollentausch« die Position des anderen einzunehmen, aus seinem Blickwinkel zu schauen, bis ich zu einem bedachteren Urteil komme.

• Im Selbstbesinnen die Verbindung zu mir selbst zu erneuern, den »seidenen Faden« zu meinem eigenen Höheren nicht abreißen zu lassen. Die Pause als »Mini-Meditation« kann die Vertikale wieder bewusst machen, meine Verbindung zu mir selbst stärken.

Lauf nicht, geh langsam.
Du musst nur auf dich
zugehen!
Geh langsam, lauf nicht,
denn das Kind deines Ich, das ewig
neugeborene,
kann dir nicht folgen!

– Juan Ramón Jiménez –

Zum Autor: Dr. Günther Dellbrügger ist emeritierter Pfarrer der Christengemeinschaft und Buchautor.

Literatur: G. Dellbrügger: Aktive Pause, Plädoyer für einen neuen Zeitbegriff, Stuttgart 2016

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