Zeit – ein lebendiger Organismus

Von Andreas Neider, Dezember 2016

Die Zeit hat für uns Menschen etwas Geheimnisvolles an sich, das sich nur schwer enträtseln lässt. Einerseits scheint sie uns ständig zu entrinnen, denn wir können sie nicht anhalten. Was eben noch gegenwärtig war, ist im nächsten Moment bereits Vergangenheit. Aber das, was noch vor uns liegt, können wir auch nicht greifen, es ist unbestimmt und wie in Nebel gehüllt. Zuweilen treffen uns Ereignisse völlig unerwartet und sind mit Freude oder aber mit Leid verbunden. Wirklich greifbar erscheint uns nur der gegenwärtige Augenblick, aber so flüchtig, dass er uns ständig zu entgleiten scheint.

Zwei Qualitäten der Zeit

Schon im Hinblick auf alles irdische Leben stellt die Zeit ein Rätsel dar. Denn ist sie wirklich ein einheitlicher Strom von gleich bleibender Qualität? Wenn dem so wäre, dann würde sich ja alles Leben ständig immer nur höher und weiter entwickeln. Das ist aber nicht der Fall. Denn wie wir an uns selbst, aber auch in der lebenden Natur beobachten können, gibt es zwar ein aufwärts Strebendes, sich immerfort Entwickelndes. Aber es gibt eben auch das Gegenteil, das abwärts Strebende, den Verfall, das Altern und schließlich das Sterben. Diese Qualität der Zeit steht der anderen des sich entwickelnden Lebens offensichtlich entgegen. Aufwärts und abwärts gehende Entwicklung stellen zwei entgegen gesetzte Qualitäten der Zeit dar, die auch ganz unterschiedlich erlebt werden.

Alles Leben scheint aus zwei Strömen zu bestehen, die sich entgegenstehen. Der eine Strom ist der aufwärtsstrebende Lebensstrom, der uns und die Natur wachsen und gedeihen lässt. Mit diesem Strom lebt auch unser Denken, Planen und Handeln, unser Selbstempfinden. Der andere Strom aber strömt dem Leben entgegen und bewirkt, dass alles Werden in ein Vergehen, alles Blühen in ein Welken, alles Leben in ein Absterben übergeht. In unserem Lebensgefühl stellen sich diese beiden Qualitäten noch auf einer anderen Ebene dar. Da erscheint das, was wir selber planen und tun dem aufstrebenden Strom zu entsprechen, das aber, was uns von außen entgegenkommt und unsere Pläne durchkreuzt oder sich ihnen widerstrebend entgegenstellt, als der andere, abbauend wirksame Strom. Oft wird dieser durch andere Menschen und nicht durch uns selbst bewirkt und deshalb häufig auch schmerzhaft erlebt, weil das Widerstrebende von uns eben nicht bewusst gewollt war. Die Doppelheit unseres Lebens, das eigene, planvolle Denken und Tun und das durch andere Menschen herbeigeführte, in unser Handeln einschneidende Schicksal erscheint wie ein Gemisch aus diesen beiden Strömen der Zeit.

Das von uns ausgehende Berechenbare strömt in der einen Richtung wie aus der Vergangenheit in die Zukunft, das uns entgegenströmende, oft als Schicksal Erlebte erscheint dagegen wie aus der Zukunft auf uns zu zulaufen. Die Gegenwart erscheint in dieser Perspektive als das Aufeinandertreffen eben dieser beiden Zeitqualitäten. Der Augenblick ist die Begegnung von etwas, das aus der Vergangenheit in die Zukunft und etwas, das aus der Zukunft in die Vergangenheit strebt.

Meditative Erfahrung

Eine Übung, um sich diesem rätselhaften Wesen der Zeit zunächst auf der Ebene der Natur anzunähern, ist die folgende: Man achte in der Natur auf alle Vorgänge des Sprießens und Sprossens und im Wechsel damit auf alle Vorgänge des Welkens und Vergehens. Man kann sich dazu beispielsweise auf dem Schulgelände eine bepflanzte Stelle aussuchen. Es werden sich dort zu jeder Jahreszeit Pflanzen finden lassen, an denen das Sprießen und Sprossen beobachtet werden kann. Aber es finden sich auch immer Pflanzen, an denen das Welken und Vergehen, ja das Absterben wahrnehmbar ist. Nun kommt es bei der Übung entscheidend darauf an, alle Begriffe, wie etwa die Namen der Pflanzen oder ihrer Bestandteile, aber auch andere mehr assoziativ sich einstellende Gedanken zunächst auszublenden und den unmittelbaren Eindruck des Sprießenden, Sprossenden oder des welkend Vergehenden auf sich einwirken zu lassen. Wir müssen dabei eine innere Kraft der Ruhe im Augenblick entwickeln und nun abwarten, was uns der unmittelbare sinnliche Eindruck dieser Naturvorgänge zu sagen hat. Es werden sich nach einer gewissen Zeit des Übens, am Anfang ganz zart, mit zunehmender Intensität des Wahrnehmens aber immer intensiver, bestimmte Gedanken und Gefühle einstellen, die wir so bisher noch nicht gekannt haben. Und im wechselnden Beobachten des Sprießenden, Sprossenden und des Welkenden, Vergehenden konturieren sich diese Gefühle immer mehr. Sie lassen sich, vor allem im Gespräch in einer Übgruppe, nach und nach bewusster fassen und auch beschreiben.

Dadurch können wir mit der Zeit ein intimeres Verhältnis zu den beiden beschriebenen Zeitströmen und damit zum Lebensorganismus der Zeit entwickeln.

Das Rätsel unseres Schicksals

Es gibt aber noch eine tiefere Dimension des Geheimnisses der Zeit, die mit unserem seelischen Leben zu tun hat. Denn in unserem Normalbewusstsein erleben wir uns selbst wie in einem Punkt stehend und meinen, dass unser Leben von uns selbst bestimmt wäre. Immer wieder geschieht es aber, dass uns etwas Unvorhergesehenes »dazwischen« kommt, etwas, das wie von außen in unser Leben eingreift. Das kann eine unerwartete Begegnung mit einem Menschen sein, die sich später als tiefes Glück erweist. Es gibt aber auch Situationen, in denen Menschen auf zunächst unangenehme, vielleicht schmerzhafte Weise eingreifen, aber auch Ereignisse wie ein Unfall, eine schwere Erkrankung, die uns scheinbar behindern oder zurückwerfen.

Unter Einbeziehung des zuvor über die Lebensebene, das Werden und Vergehen in der Natur Gesagten, kann uns aber deutlich werden, dass sich unser eigenes Leben ebenfalls nicht einfach nur in einer Richtung entwickelt.

Was uns vielleicht schmerzhaft im Leben auf die eine oder andere Weise entgegenschlägt – im Nachhinein können wir bei genauerer Betrachtung feststellen, dass wir gerade durch diese Erfahrungen innerlich, wenn auch erst nach einer gewissen Zeit, gereift und weitergekommen sind.

Die Rückschauübung

Wir können diese Beobachtung durch eine weitere Übung unterstützen und verstärken. So kann man sich an jedem Abend, vor dem Zubettgehen, hinsetzen und den verflossenen Tag innerlich an sich vorüberziehen lassen und zwar so, dass man wie aus einer Zuschauerperspektive auf das eigene Handeln zurückblickt. Dabei geht man so vor, dass man nicht vom Morgen zum Abend, sondern rückwärts durch den Tagesverlauf hindurchwandert. Dabei kommt es nicht darauf an, in jedes Detail erneut einzusteigen, im Gegenteil: Jetzt geht es darum, wie von außen, wie ein Fremder sich selbst anzuschauen und zu beobachten, wie der Tag abgelaufen ist, was uns von außen entgegengekommen, wer uns begegnet ist, und was wir dabei erlebt haben. Zu Beginn wird uns auch diese Übung einige Anstrengung kosten, denn entweder verlieren wir uns in Details und schlafen womöglich darüber ein. Oder wir schaffen es nicht, in die Beobachterhaltung zu kommen und fangen an, uns erneut über Dinge aufzuregen, die uns tagsüber beschäftigt haben. Daher nennt man diese Übung auch eine Übung, um zu »innerer Ruhe« zu kommen.

Sie kann nun aber noch ergänzt werden dadurch, dass man von Zeit zu Zeit – und je älter man wird, umso mehr kann das zu einer inneren Aufgabe werden – auf sein bisher gelebtes Leben zurückblickt. Diese Art der biographischen Rückschau wird ebenfalls rückwärts und ebenso aus der Zuschauerperspektive geübt. Man nimmt sich dabei zum Beispiel einen bestimmten Zeitraum, eine bestimmte Epoche des eigenen Lebens vor, von der Gegenwart nach rückwärts beginnend, und schreibt sich womöglich auch auf, was sich darin ereignet hat. Dabei wird man nach und nach ent­-

decken, dass sich das eigene Werden und Vorwärtskommen besonders dann entwickelt hat, wenn sich uns »von außen« Hindernisse in den Weg gestellt haben, sei es eine schwere Erkrankung, ein Burn-Out zum Beispiel, oder andere schwere Schicksalsereignisse.

Je länger man so das eigene Leben durchgeht und verarbeitet, desto mehr verbindet man sich mit etwas, das wie ein Höheres, wie von oben in unserem Leben waltet. Es erschließt sich nach und nach eine Kraft, eine höhere Macht, die uns aber nicht fremd oder gar feindlich, sondern wie von uns selber auszugehen scheint. Damit schließen sich aber die beiden Aspekte der Zeit wie zu einem höheren Moment zusammen. Das wie aus der Zukunft kommende Schicksal und das aus uns selbst hervorgehende Handeln gehen in eine fortwährende Präsenz über, die ganz im Hier und Jetzt gegenwärtig erscheint.

Gemeinsam meditieren

Die beschriebenen Übungen werden erfahrungsgemäß, wenn man sie alleine übt, weniger Erfolg haben, weil man Schwierigkeiten häufig zum Anlass nimmt, um damit wieder aufzuhören. Daher sei hier empfohlen, sich zu diesem Zweck mit anderen Interessierten zu einer Übgruppe oder einer Meditationsgruppe zusammenzuschließen.

Je mehr man sich auf die beschriebene Weise der damit berührten höheren Ebenen des eigenen Lebens nähert, desto mehr wird die Zeit aus ihrem rätselhaften und oft nur abstrakt erlebten Dasein zu etwas, das unser Leben bereichert, zu einer »erfüllten Zeit«.

Zum Autor: Andreas Neider ist Referent für Medienpädagogik in der Jugend- und Erwachsenenbildung sowie für Anthroposophie und anthroposophische Meditation. Mitbegründer der AKANTHOS-Akademie für anthroposophische Forschung und Entwicklung in Stuttgart.

Literatur: A. Neider: Der Mensch und das Geheimnis der Zeit. Zum Verständnis der Zeit im Werk Rudolf Steiners, Stuttgart 2016; Chr. Hueck: Evolution im Doppelstrom der Zeit, Dornach 2012; G. u. G. O’Neil: Der Lebenslauf. Lesen in der eigenen Biographie,Stuttgart 2014; M. M. Sam (Hrsg.): Rückschau. Übungen zur Willensstärkung, Dornach 2009; R. Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten, Dornach 2014

www.andreasneider.de | www.infameditation.de | www.meditationostwest.de

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