Frühe Kindheit • Herbst 2017


Editorial


Liebe Leserin, lieber Leser,

Ganz in der Nähe blinkt eine Schaufel verlockend rot im Sand. Das zweijährige Mädchen geht darauf zu, ergreift sie und beginnt, vorsichtig den Sand von der einen auf die andere Seite zu schaufeln. Das dauert nicht lange, die Schaufel – vorher achtlos beiseite geworfen – ist auf einmal wieder begehrenswert. Blitzschnell wird sie aus der Hand gerissen und ein trotziges »Meins« hervorgestoßen. Erstaunen auf der einen Seite, ein schmolliger Besitzermund auf der anderen. Dann erneut eine entschiedene Rückeroberung, Festhalten, Zerren, schließlich ein Schlag auf den Kopf.

Ortswechsel: Ein Fünfjähriger hat sich eine Landschaft gebaut mit Tüchern, Klötzen, Zapfen. Es gibt einen See, Wiese darum und auch einen Wald, Häuser – etwas wackelig. Versunken ins Spiel merkt er kaum, dass die große Schwester nach Hause kommt, antwortet auch nicht, als sie etwas fragt. Sie geht langsam an der Landschaft vorbei, ein Fuß bleibt an einem Tuch hängen, die Häuser fallen um. Sie werden noch einmal aufgebaut. Noch ist alles ganz still. Das Spiel von Annäherung und Störung wiederholt sich noch zwei Mal, bis der Fünfjährige voller Wut und Verzweiflung die ganze Landschaft mit ein paar Fußtritten zerstört, die Schwester an den Haaren packt und dazu in die Hand beißt. Ein kleines Raubtier?

Erneuter Ortswechsel: Im Auto. Ein Sitz Abstand zwischen den Kindern, für alle Fälle. Aber, wie immer, der Abstand wird nicht reichen. Und das Programm beginnt. Wir sind kaum losgefahren – ganz entspannt, denn alle Anspannung überträgt sich ja bekanntermaßen auf die Kinder – wandert die eine Hand allmählich in die Mitte des einen Sitzes und eine Stimme verkündet: »Das ist die Grenze.« Das ist das Signal, sofort wird die Grenze überschritten, erst mit der Hand, dann mit dem Fuß, dann mit dem Körper. Mit ein paar Tricks gelingt es, die Grenzwächter auf ihre jeweilige Seite zurück zu lotsen. Doch der Frieden dauert nicht lange. Ein harmloses Lied- chen aus der einen Ecke, immer wieder und wieder, erst leise, dann lauter mit verstohlenem Blick auf den Nach- barn. Dann eine kleine Veränderung des Textes, das war´s, Geschreie, Gezeter, Getrete, Geraufe. Es bleibt nur noch die Vollbremsung. Gut, dass die Kinder angeschnallt sind.

Solche Situationen lassen sich beliebig fortsetzen. Jeder kennt sie, jeder kann davon erzählen. Meist sind die Kinder nach solchen Situationen schnell wieder vergnügt und lassen die Eltern erschöpft zurück, meist noch mit schlechtem Gewissen, denn in den wenigsten Fällen haben sie souverän gehandelt.

In allen Situationen wurden Grenzen überschritten. Innen und Außen stimmten nicht mehr überein. Die Unter- schiede liegen in den Ursachen: Das zweijährige Kind ist im eigentlichen Sinne nicht aggressiv. Es ist neugierig auf die Welt, es will diese ergreifen. Die ältere Schwester, die nach Hause kommt, ist ausgeschlossen aus dem schönen Spiel. Die Fahrt im Auto, das Revier muss abgesteckt werden.

Sind es Entwicklungsgesetze, ist es Selbstbehauptungswille, Eifersucht, Kummer, Einsamkeit, wiederholte negative Erfahrungen? Den Gründen nachzuspüren, ist der erste Schritt. Der zweite ist zu wissen, dass Aggression immer

eine Sehnsucht und unbewusste Suche nach einem Gegenüber ist – sei es physisch, seelisch oder geistig. Diese Begegnung auszuhalten oder auch nur zu begleiten, ist eine tägliche Herausforderung.

Ihre Ariane Eichenberg


Inhalt



Thema: Aggression

Elke Rüpke: Wenn mein Kind aggressiv ist, bringt mich das richtig auf die Palme …

• Mensch & Initiative •

Mathias Maurer: Peter Lang – Ein Leben für die Kindergärten

• Mit Kindern Leben •

Alexandra Handwerk: Marmelade zu Michaeli

Steve Heitzer: Mit Kind oder Komposteimer. Auf dem Weg der Entschleunigung 

• Leicht gemacht •

Claudia Grah-Wittich: Warum ist Einschlafen oft so schwer?

• Kindergartenpraxis •

Julia Schempp: »Wir brauchen noch ein Segel!« Die Bedeutung des Freispiels im Kindergarten

• Blick in die Welt •

Christina Reinthal: Holzspielzeug ist unhygienisch und Sand gefährlich. Waldorfkindergärten in Vietnam

• Dialog •

Wolfgang Saßmannshausen: Partizipation. Kinder erziehen sich selbst

Werner Kuhfuss: Wertschätzung. Auf Augenhöhe mit dem Kind

• Kolumne | Müllers Meinung •

Birte Müller: Mein Mann ist oft so unpraktisch 

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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