Frühe Kindheit • Winter 2017


Editorial


Liebe Leserin, liebe Leser,

zu ihrem ersten Geburtstag bekommt Marie ein rotes Mützchen von ihrer Patin geschenkt. Es wird rasch zu ihrem Lieblingsstück, ohne das sie das Haus nicht mehr verlässt, und das sie auch im Haus trägt. Selbst als sie schon sechs Jahre alt ist, die Mütze inzwischen ausgebleicht, schlabberig und wiederum recht klein auf dem Kopf aussieht, wird sie angezogen. Immer, auch nachts. Tolle, neue, bunte und schicke Mützen haben keine Chance. Erst als Marie in die Schule kommt, ein paar Wochen vergangen sind, liegt die Mütze auf einmal in der Ecke. Sie braucht sie nicht mehr. Die Mütze hat ausgedient, sie hat ihren Zweck erfüllt. –

Maries Mütze war eine Art Zaubermütze: Nicht nur, dass sie so lange Zeit mitgewachsen ist, sich immer weiter vergrößerte, sondern auch dahingehend, dass sie ihr Wärme gab, Schutz bedeutete vor der Außenwelt, Heimat und Vertrautes beinhaltete. Und sie war Zeichen von Liebe und Zuwendung – ein bisschen Patin war immer mit dabei.

Wärme ist eine Frage der Qualität auf mehreren Ebenen, wie Edmond Schoorel in seinem Büchlein über Wärme und ihre Bedeutung für das heranwachsende Kind schreibt. Wir brauchen sie unmittelbar zum Leben, nur aus Wärme und in Wärme kann Neues entstehen. Der Erhalt der physischen Wärme ist für das Neugeborene das Allerwichtigste, kommt es doch aus einem Raum, der immer die richtige Wärme hatte, in dem Innen und Außen noch nicht getrennt waren. Es ist darauf angewiesen, dass wir ihm äußerlich Wärme geben, denn es selbst könnte sie nicht halten. Eng mit dieser Art von Wärme ist die Ebene des Energiehaushaltes verknüpft. Auch für diesen müssen vorerst die Eltern und Erzieher sorgen. Regelmäßig essen, trinken, schlafen, draußen sein und wieder drinnen, sich bewegen und wieder ruhen – Rhythmisches überhaupt – schafft die richtige Balance, so dass die Energie zur Wärme wird. Wärme liegt aber auch in unserer Zuwendung, im Blick auf die Kinder. In der Begegnung entsteht Wärme. Wir würden seelisch verkümmern und erkalten, könnten uns nicht im Vertrauen zu uns selbst entwickeln, wenn wir dieses seelische Wärmebett nicht hätten. Räume, die keinen Platz lassen für zwischenmenschliches Miteinander, werden kalt. Da nützt auch die Zentralheizung nichts mehr. Und nicht zuletzt ist die vierte Ebene die der Begeisterung – mit Begeisterung lassen die Kinder sich auf die Welt ein. Nehmen wir ihnen die Freude an der Welt durch den wissenden, nüchternen Blick, so entziehen wir ihnen eine entscheidende Qualität für ihre Entwicklung, die ganz aus dieser inneren Wärme entsteht.

Ziehen wir unseren Kindern also solange Mützen auf, aber solche, die aus Fäden der Liebe gesponnen sind, die sie hüllen, bis die Zeit gekommen ist, sie abzulegen und die Wärme innen angekommen ist.

Ariane Eichenberg


Inhalt


• THEMA: WÄRME •

  • Michaela Glöckler: Wärme – die stille zuverlässige Quelle unserer Gesundheit
  • David Martin und Jan Vagedes: Die Heilkraft des Fiebers

• MENSCH & INITIATIVE •

  • Ariane Eichenberg: »Allein, ich will es«
  • Freya Jaffke – Pionierin der Waldorfkindergärten

• MIT KINDERN LEBEN

  • Heide Mende-Kurz: Meine Mühle, die braucht Wind, Wind, Wind … Atmen und Sprechen mit kleinen Kindern
  • Dagmar Scharfenberg: Wohnst du nur oder lebst du auch?

• LEICHT GEMACHT •

  • Corinna Boettger: Die Blumen des Winters. Kerzen ziehen kann man auch zu Hause

• KINDERGARTENPRAXIS •

  • Irmgard Goßner-Soetebeer: Der Reigen stärkt Vertrauen und Mut der Kinder

• BLICK IN DIE WELT •

  • Tiiu Bläsi-Käo: Mit Natur und Internet. Waldorfkindergärten in Estland

• DIALOG •

  • Impfen – wissen, abwägen, entscheiden. Im Gespräch mit dem Arzt Georg Soldner

• KOLUMNE | MÜLLERS MEINUNG •

  • Birte Müller: Charakter oder Krankheit

Die Zeitschrift »Erziehungskunst – Frühe Kindheit« wird von der Vereinigung der Waldorfkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen herausgegeben.


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