Editorial
Lasst die Kinder in Ruhe
Liebe Leserin, lieber Leser! Früheinschulung, Turboabitur, Bildungsstandards … das sind die bildungspolitischen Maßnahmen, um unser Bildungssystem billiger und effizienter und unsere Kinder intelligenter zu machen. Auch die ersten Lebensjahre bleiben von dieser Entwicklung nicht verschont: Kinderkrippen ab 0 Jahren und Frühförderung im wissenschaftlichen Lernen, dazu minutiöse Dokumentationsberichte, durch die die kindliche Entwicklung optimiert werden soll. Erziehungspartnerschaften von Eltern und Erziehern drohen zu einem pädagogischen Zwangsbeglückungsunternehmen zu werden, dem das Kind von der Geburt bis zum Verlassen der Schule nicht entweichen kann. Die pädagogische Therapiefreude kennt keine Grenzen, gefüttert von der elterlichen... [mehr]
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Mehr Gehalt – mehr Lehrer
Liebe Leserin, lieber Leser! Waldorflehrer verdienen in Deutschland so viel wie ihre Kollegen an staatlichen Schulen in Griechenland, Portugal oder Spanien (30.000 bis 40.000 Euro im Jahr). Dagegen verdienen Deutschlands und Österreichs Staatsschullehrer gut (40.000 bis 60.000 Euro im Jahr), am besten in Dänemark und Luxemburg (60.000 bis 100.000 Euro im Jahr). Diese Zahlen legte die EU-Kommission Anfang Oktober 2011 in einem Bericht vor, in dem die Gehaltssituation von Lehrern in 27 EU-Mitgliedstaaten analysiert wird. Die Gehälter der Waldorflehrer waren noch nie sonderlich attraktiv. Man dient ja den Kindern zur Ehre Gottes. Kein Wunder, dass der Lehrermangel chronische und durch die nahende Pensionierungswelle noch dramatischere Ausmaße annehmen und... [mehr]
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Treibsätze
Liebe Leserin, lieber Leser! Sympathie und Antipathie sind die mächtigsten Antriebe unserer Seele – ursprüngliche Gefühlsinstinkte. Im Extremfall werfen sie alles über Bord, lassen unsere Handlungen entgleisen und kosten unseren Verstand. Man ist hin und weg von einem Menschen oder man kann jemanden einfach nicht riechen. Kein Mensch ist vor diesen Elementargewalten gefeit, packen sie ihn nur kräftig am Wickel. Denn die Ursachen von Sympathie und Antipathie, von Blindheit geschlagenem Verlangen bis abgrundtiefem Ekel wurzeln in den Tiefen unserer Seele, die uns oft verborgen und selbst ein Geheimnis sind. Nicht selten liegt einer neutral und besonnen, ja einer wissenschaftlich und objektiv sich gebenden Haltung ein feines Grundgefühl der Zuneigung oder... [mehr]
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Raus aus dem Winkel
Liebe Leserin, lieber Leser, echte Freunde sind nicht angenehm. Freundschaft heißt nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Ein Freund ist mir ein verlässliches Gegenüber, das einem gelegentlich auch die ungeschminkte Wahrheit sagt. Ein Freund steht zu mir – in guten wie in schlechten Zeiten. Und er hilft – immer und selbstlos. Die »Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners« hatten vor 40 Jahren dieses Gründungsmotiv. Bis heute sorgen sie, ohne davon einen Vorteil zu haben, für das Gedeihen der Waldorfschulbewegung weltweit. Diese Hilfe reicht von den Freiwilligendiensten, ohne die die soziale Infrastruktur in Deutschland zusammenbrechen würde, dem Aufbau kleinster Waldorfinitiativen in einem afrikanischen Dorf, bis zu notfallpädagogischen Einsätzen in... [mehr]
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Ey Alter ...
Liebe Leserin, lieber Leser! Ey Alter: das ist eine gängige Ausdrucksweise, die meist von solchen stammt, die nicht viele Jahre auf dem Buckel haben, sondern selbst noch grün hinter den Ohren sind. Gemeint ist nicht Vater oder Großvater, sondern der gleichaltrige Kumpel. Das »Alter« zielt nicht auf das Alter in Jahren oder den alten Menschen, sondern auf die floskelhaft angerufene »alte« Freundschaft. Während vor hundert Jahren noch drei bis vier Generationen in einer Familie zusammenlebten, scheinen heute selbst Zusammenlebensformen, die über eine Generation hinausgehen riskant. Doch in den nächsten Jahren werden Jung und Alt völlig neue »Freundschaften« eingehen müssen – nicht unbedingt der leiblichen, sondern der »wahlverwandtschaftlichen« Art.... [mehr]
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Bilde Dir was ein – und bilde Dich
Liebe Leserin, lieber Leser, das Wort Bildung geht auf mittelhochdeutsch »bildunge« zurück, was so viel wie Bild, Abbild, Ebenbild bedeutete. Bildung schloss die Umbildung des Menschen, seine allumfassende Vervollkommnung, seine Höherbildung hin zum Göttlichen ein. Bildung sah man als einheitlichen Prozess. Heute ist Bildung gleichbedeutend mit Wissen, akkumuliertes Wissen gleichbedeutend mit höherer Bildung. Wir wissen aber heute auch, dass Wissen ein Verfallsdatum hat – entweder durch neue Entdeckungen oder durch unsere eingeschränkte Gedächtnisleistung. – Wie viel bleibt nach zehn Jahren vom Abitursstoff hängen? – Wir wissen heute auch, dass um so mehr hängen bleibt, je ganzheitlicher sich ein Mensch Wissen zu eigen gemacht hat – nur so erwirbt er... [mehr]
Editorial
Freiheit für die Oberstufe
Liebe Leserin, lieber Leser, Die Waldorfoberstufe ist ein seltsames Zwitterwesen: Scheinen die Waldorfmethoden nach dem Motto »Erziehung zur Freiheit« in der Klassenlehrerzeit noch unangefochten, werfen in der Oberstufe die Abschlüsse ihre Schatten voraus und bringen zunehmend »systemfremde« Elemente ins Spiel: Notendruck und Prüfungsstress. Manche Schulen »differenzieren« schon nach der zehnten Klasse: A-, B-, C-Kurse, sprich, Mittlere Reife, Fachhochschule oder Abitur. Gemeinsames Klassenspiel oder Abschlussfahrt ade – der Klassenverband hat sich bis zur Zwölften aufgelöst. Gegliedertes staatliches Schulwesen, nur etwas netter und kompakter? Dabei weiß seit der bayerischen Farce der Heraufsetzung des Abiturdurchschnitts per ministerialem... [mehr]
Editorial
Immer dümmer
Liebe Leserin, lieber Leser, PISA hat es mehrfach bestätigt: Das deutsche Bildungssystem vertieft die sozialen Unterschiede – und mit ihnen den Bildungsgrad – statt sie zu nivellieren. Ohne einem ehemaligen Bundesbank-Vorstand oder einem Humangenetiker das Wort zu reden: Die Deutschen werden immer dümmer. Bis in die 1990er Jahre stieg der Intelligenzwert um rund drei Prozent pro Jahrzehnt. Seither fällt er. Die bildungsfernen Schichten kommen nicht aus ihrer Lage heraus, so der Nationale Bildungsbericht. Noch streiten sich die Experten über die Ursachen schwindender Intelligenz. Einig sind sie sich jedoch da-rüber, dass weniger genetische Faktoren, sondern zunehmend die Lebensgewohnheiten der Menschen und die Bildungssysteme selbst... [mehr]
Editorial
Die Temperamente – keine Lehre, eine Kunst
Liebe Leserin, lieber Leser, Elternabend, fünfte Klasse. Man begrüßt sich, setzt sich, redet noch ein bisschen. Einzelne Blicke wandern zur Wand, an der 35 Bilder aus der Heimatkunde hängen. Manche kräftig in den Farben und im Farbauftrag, manche blaß und zart, ja karg und spärlich. Bei manchen ist kein Fitzelchen an weißer Fläche mehr zu sehen, bei anderen ist viel »Luft« dazwischen. Heutiges Thema: Temperamente. Der Klassenlehrer führt in die vier klassischen Temperamente ein – erstes bestätigendes Kopfnicken der Eltern begleitet seine Ausführungen. Dann wird es konkret. Wir gehen die Bilder durch, es werden die dazugehörigen Kinder genannt. Es scheint auf der Hand zu liegen: der kräftige und dynamische Malduktus des einen Bildes zeigt den... [mehr]
Editorial
Lies mich
Liebe Leserin, lieber Leser, »Lies mich« – das war ein Befehl. Paul deutet auf das Buch, das er vom Vorlesen seiner älteren Geschwister kennt. Zielsicher nutzt er die Gelegenheit, einmal ganz allein etwas vorgelesen zu bekommen. Ich denke: Warum soll ich einem Dreijährigen ein Märchen vorlesen, das er sowieso nicht versteht? Was gefällt ihm daran? »Lies mich« – kann es sein, dass sein Versprecher weder etwas mit Wissbegierde oder Sozialneid, sondern nur mit ihm selbst zu tun hat? – Horchen auf das gesprochene Wort, das eine Bildwelt in ihm anregt, die – jenseits von Verstehen – ein inneres Bedürfnis stillt? Andere Überlegungen brachten mich einer Antwort näher. Was tun Sie gerade? – Lesen! – ein Können, das heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist.... [mehr]













