Editorial

Jetzt könnt ihr was erleben ...

Von Mathias Maurer, September 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, Lotte, vier Jahre, wälzt sich auf dem Boden und kreischt. Markus, acht Jahre, hängt auf dem Sofa herum: »Mir ist so langweilig«. Die Zwillinge Eva und Julian, dreizehn Jahre, kommen nach Hause und müssen erstmal chatten: »Wie war’s in der Schule?«. »Na ja, wie immer«. Unsere Alternativangebote – »Komm, back mit mir Pfannkuchen«, »Hast du dein Fahrrad geflickt? Ich habe schon das Werkzeug parat«, »Wolltet ihr nicht erst euer tolles Referat vorbereiten?« – ziehen nicht. Schon gar nicht der gemeinsame Wandersonntag mit frühem Aufstehen. Was fehlt? – (Noch) mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit? Bessere Angebote? ... Wir halten durch und nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei: Lotte ist in der Puppenstube in ihr Spiel... [mehr]

Editorial

Wir sind krank – und doch gesund

Von Mathias Maurer, Juli 2010

Liebe Leserin, lieber Leser,­ wie fühlen Sie sich? Gut oder schlecht, fit oder schlapp, lau oder lustig? – Wir merken nicht, wenn wir gesund sind. Erst wenn es zwickt und zwackt, ein Schmerz pocht, die Seele aus dem Gleichgewicht gerät, dann werden wir wach. Es gibt allerdings auch den Fall, dass wir uns gesund fühlen und ein Arztbesuch bescheinigt uns das Gegenteil – oder umgekehrt. Das heißt, das Gefühl, gesund zu sein, entspringt nicht irgendwelchen Laborergebnissen, sondern einem individuellen Empfinden von Harmonie. Das bestätigt auch die Salutogeneseforschung: Im Einklang und in einem sinnvollen Zusammenhang mit sich und der Welt stehen, sind die Gesundheitsfaktoren schlechthin. Und erst, wenn der Mensch dieses Gleichgewicht nicht mehr aus eigenen... [mehr]

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Verdummen wir digital?

Von Mathias Maurer, Juni 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, im Internet wird eingekauft, Geld verdient, heiß diskutiert, gespielt und geliebt – virtuell und mit wachsendem Erfolg. Der paradoxe Effekt: virtuell kommunikativ ist der Nutzer meist allein, redet kaum und fasst nichts mehr an. Alles geschieht im Kopf, in der Vorstellungswelt. Alles geht leicht und schnell, der Wille erlahmt. Man hat alles auf Knopfdruck und nebenher, man kocht und surft, schreibt E-Mails und telefoniert gleichzeitig, chattet, schaut einen Film und isst dabei. Multitasking – die Attitüde pausenloser paralleler Geschäftigkeit und Ansprechbarkeit weist den modernen Menschen auf der Höhe seiner Zeit aus. Doch der multimediale Dauerzugriff verändert nicht nur die Aktivitätsmuster unseres Gehirns, sondern auch... [mehr]

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Jeder Mensch ein Künstler?

Von Mathias Maurer, Mai 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, bin ich ein Künstler? – Ich sitze am Computer und schreibe das Editorial dieser Ausgabe. Bin ich ein Schreibkünstler, ein Formulierungskünstler? Ich bin mir da nicht sicher. Das einzige, was ich durch Sie als Leser weiß: Manchmal gelingt es mir besser, manchmal schlechter. Schön wäre das: Jeder Mensch ein Künstler. Erziehungskünstler, Sozialkünstler, Arbeitskünstler, Bewegungskünstler, Gedankenkünstler, Musikkünstler, Lebenskünstler ... Der Künste gibt es viele, und es gibt nur wenig wahre Künstler. Folgt man der kühnen Behauptung von Joseph Beuys, muss man den Künstler wohl erst entdecken, denn einfach vorhanden ist er nicht. Denn der Stoff an sich – Farbe, Stein, Holz, Worte, der Mensch gar – macht noch keine Kunst.... [mehr]

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Die wahren Helden der Schule

Von Mathias Maurer, April 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, Nico stürmt nach vorne, nimmt mit zwei Sätzen die Treppe, quer über die Bühne, am Lehrer schnell vorbei, ohne ihn richtig anzuschauen, zack sitzt er auf der Bank. Maria geht mit sicherem Schritt, ergreift die Hand des Lehrers, blickt ihm in die Augen und setzt sich auf die Bank. Henry verlässt nur zögernd den Platz neben seinen Eltern, als er aufgerufen wird. Auf halber Strecke kehrt er um ... es ist Einschulungstag und die Erstklässler absolvieren diesen markanten Einschnitt so unterschiedlich, wie sie sind. Das Gefühl kennt jeder: In bestimmten Situationen von vielen Augen beobachtet zu werden und zu merken: Jetzt kommt es auf Dich an – dabei keinen blassen Schimmer davon zu haben, um was es eigentlich geht und was... [mehr]

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Bildung ins Asyl geschickt

Von Mathias Maurer, März 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, die Nachricht ging wie eine Sturzsee über die deutsche Bildungslandschaft: Ein Richter in Tennessee hat entschieden, einer deutschen, streng christlichen Familie in den Vereinigten Staaten politisches Asyl zu gewähren, da die Eltern ihre Kinder in ihrem Heimatland zu Hause nicht unterrichten durften. Die deutschen Behörden versuchten, so der Richter, diese »soziale Gruppe« zu »unterdrücken«, sie lösten »Furcht vor Verfolgung« aus und handelten nicht im Interesse der Kinder. Das widerspreche allem, woran die Amerikaner glaubten. Anders als in Deutschland ist es in den Vereinigten Staaten Eltern erlaubt, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Rund zwei Millionen amerikanische Kinder genießen dieses... [mehr]

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Das wäre doch gelacht ...

Von Mathias Maurer, Februar 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, ich hatte eine strenge Französischlehrerin. Sie war ehrgeizig. Ich konnte das nicht von mir behaupten, und so schlidderte ich auf einer vier von Schuljahr zu Schuljahr. Dann kam ein Lehrerwechsel und ich bekam eine zwei. Was war passiert? – Die Neue hatte Humor! Vor allem verstand sie Spaß, und das mochte ich. Plötzlich stimmte die Chemie. Der Stoff konnte schwer genug nicht sein: Ionescos »Les Rhinozéros«. So lernte ich neben der Barberei ideologischen Massenwahns auch die Leistungsideologie des deutschen Bildungssystems kennen. Mathe war auch nicht mein Lieblingsfach. Notenlage siehe oben. So trocken der Stoff, so trocken der Lehrer. Zwei Jahre später frisch immatrikuliert: Nicht im Traum dachte ich bei... [mehr]

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Wer ist hier der Chef?

Von Mathias Maurer, Januar 2010

Liebe Leserin, lieber Leser, Wer an einer Waldorfschule anruft, kommt bisweilen schwer durch: »Guten Tag, hier Meier vom Oberschulamt. Dürfte ich bitte Ihren Direktor sprechen?« – Die Sekretärin: »Den haben wir nicht. Ich verbinde Sie mit unserem Geschäftsführer«. Das Gespräch kommt zurück. »Ja, hier ist noch mal Meier. Herr Glanz ist in dieser Sache nicht zuständig.« Die Sekretärin stutzt: »Ah so, ja natürlich, ich verbinde Sie gerne mit einem der Schulleiter«. Es dauert etwas länger und das Telefon läutet erneut. Leicht genervt am anderen Ende: »Hier nochmals Meier. Frau Bauer ist gerade auf dem Weg in den Unterricht. Ich sollte Herrn König mein Anliegen vorbringen. Er sei im Lehrerzimmer zu erreichen ...« Dort: »Herr König ist... [mehr]

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Online ist das Leben spannender

Von Mathias Maurer, Dezember 2009

Liebe Leserin, lieber Leser, Stille im Haus. Keiner da? Ein Blick auf den Rooter: Sie sind online. Immer noch online. Vor vier Stunden, als ich ging, gingen sie online. Das ist eine mehr als ausreichende Tagesration für Vierzehn- und Sechszehnjährige, denke ich. Ich rufe in verbindlichem Ton nach oben: »Offline in fünf Minuten«. »Nein!«, kommt es zurück. Nach exakt fünf Minuten ziehe ich den Stecker. Drei, vier Sekunden und es beginnt ein abendfüllendes Stressprogramm ... Wer mit jungen Leuten zusammenlebt, kennt die endlosen Diskussionen um Internet- und Computernutzungszeiten. Jeder Versuch, vernünftige Regelungen und Vereinbarungen zu treffen, bedeutet Entzug, wirkt wie ein Angriff aufs Leben. Ihre digitale Existenz, die sie zu versorgen haben, ist... [mehr]

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Mut(h)ige Vorbilder

Von Mathias Maurer, November 2009

Liebe Leserin, lieber Leser, als Jakob als 17-Jähriger in den Krieg musste, sprach man von Euthanasie und Eugenik, nicht von Integration, Inklusion und gleichen Rechten von Menschen, die anders oder besonders waren. Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft arbeitete Jakob Muth (1927–1993) als Gelegenheits­arbeiter, machte gleichzeitig das Abitur, wurde Volksschullehrer, schließlich studierte er, wurde Professor für Pädagogik und Mitglied im Deutschen Bildungsrat – eine Bildungskarriere, die heute unmöglich erscheint. Vielleicht hat er sich gerade deshalb besonders um jene gekümmert, die einen Weg in die Gesellschaft aus eigener Kraft nicht schaffen. Heute sind viele deutsche Behinderten- und Grund­schulen nach ihm benannt, weil er sich besonders... [mehr]

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