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Das ist ja nicht auszuhalten!

Von  Mathias Maurer, Juli 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Neulich saßen wir am Tisch und redeten – wieder einmal über die Schule. Sarah, 9. Klasse, Nicolas, 5. Klasse, und ich. »Der bescheuerte Morgenspruch, warum sprechen wir den eigentlich noch? ›Ich schaue in die Welt ... ‹, Nur peinlich, wie im Kindergarten«, wetterte Sarah. »Wieso bescheuert?«, fragte Nicolas, »meine Lehrerin erzählte uns, dass wir alle Pflanzen und Tiere liebhaben sollen. Das stimmt doch auch!« Ich frage: »Kann jemand von euch den Morgenspruch aufsagen?« Pause. Dann in Bruchstücken: »... die Steine lagern ..., im Sonn´- und Seelenlicht ..., o Gottesgeist« ... Sie brachten ihn nicht heraus, das geht wohl nur gemeinsam in der Klasse. Ich schaue ins Regal, ziehe das Buch heraus und will nachschauen:... [mehr]

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All inclusive

Von  Mathias Maurer, Juli 2013

Liebe Leserin, lieber Leser,­ wer den Inklusionsbegriff nur weit genug fasst, entdeckt unweigerlich: Unsere Gesellschaft separiert. Für die Kleinsten die Krippen und Kindergärten, für die Alten und Kranken die Altersheime und Krankenhäuser, für die schulpflichtigen Kinder die Schulen, die dann nochmals sortieren und auslesen, schließlich für die sogenannten Behinderten, die heilpädagogischen Einrichtungen. Wo sitzt noch die Großmutter im Lehnstuhl und erfreut sich des familiären Geschehens? Wo darf der »Verwirrte« noch brüllend durch die Straßen laufen, wenn er wieder einen Anfall hat? Selbst dem flüchtigen Blick kann eine gesamtgesellschaftliche Tendenz nicht entgehen: die Ausgrenzung, ja das Verschwinden ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem alltäglichen... [mehr]

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Bewegtes Gleichgewicht

Von  Mathias Maurer, Juni 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Der kleine Manuel liegt in seinem Bettchen und strampelt wild mit Armen und Beinen. Seine Schwester schaut zu ihm rein und fragt: »Warum zappelt Manu denn so in der Luft herum?« Die Mutter antwortet ihr: »Weißt Du, er muss erst einmal lernen, wie er seine Ärmchen und Beinchen richtig bewegen kann.« – »Musste ich das auch lernen?«, fragt die Schwester nach. »Ja, natürlich. Und jetzt kannst Du schon Seilspringen!« Die Schwester schaut noch mal vergewissernd hinein: »Aber ich bin doch viel langsamer!« Bewegung ist nicht Motorik oder Reflex, sie ist schierer Wille. Dieser Bewegungswille wird mit dem Heran­wachsen zunehmend verinnerlicht, geführter, immer stärker mit... [mehr]

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Die Macht des Singens

Von  Mathias Maurer, Mai 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Mia singt ohne Unterlass. Beim Spielen, Spaziergehen, in der Badewanne, aber auch mit vollem Mund beim Essen. Die Fünfjährige singt alle Strophen im Wortlaut richtig, aber auch Phantasiertes in der Melodie oder summt nur so vor sich hin. Fragt man direkt nach, ob sie etwas vorsingen möchte, verstummt sie. Auch wenn sie die Texte nicht alle inhaltlich versteht – Singen gehört zu ihrem Lebensausdruck. Paul, ihr Bruder, möchte nicht einmal den Mund aufmachen. Er ist ja auch schon vierzehn. Singen? Voll peinlich! Auch er sang einmal schön und gerne. Wo ist das geblieben? Paul weiß insgeheim, dass er beim Singen etwas preisgeben müsste, was wie selbstverständlich seine kleine Schwester noch besitzt: Sich selbst – und Pauls... [mehr]

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Lehrer gut, alles gut

Von  Mathias Maurer, April 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Es war unglaublich. Zehnte Klasse. Französisch. Svens Noten lagen zwischen vier und fünf. Lehrer­wechsel. Ein paar Monate später zwischen zwei und drei. Was war passiert? Der Schüler verstand den Umschlag nicht und der neue Lehrer kannte ihn nicht anders: interessiert, am Unterrichtsgespräch beteiligt, passable Testergebnisse ... Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in seiner Mammutstudie »Visible Learning« den Lernerfolg von 250 Millionen Schülern in 50.000 Metastudien ausgewertet. Um diese Masse zu bewältigen, brauchte Hattie 15 Jahre Zeit und der Zahlenelefant gebiert eine Maus an Erkenntnis: Die Lehrerpersönlichkeit entscheidet darüber, wie gut ein Schüler lernt. Dabei weiß jeder, der sich an seine... [mehr]

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Der Tiere Dienst, des Menschen Dank

Von  Mathias Maurer, März 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Neulich stehen wir in der Metzgerei und kaufen ein. Die Fünfjährige lugt interessiert in die Theke. Sie mag Salami. Foxi wedelt ungeduldig draußen vor der Tür – es winkt ihm ein Rädchen Lyoner. Am Wochenende soll es Rouladen geben. Da fragt die Tochter laut: »Wie hat der Metzger das Schwein totgemacht?« – Ich antworte: »Das ist Fleisch vom Rind, das hat er mit dem Messer geschlachtet.« Das Töchterchen fragt unverzagt weiter: »Tut das nicht weh?« – Die Kundschaft schaut leicht irritiert, die Verkäuferin freundlich angespannt und mir fehlen die Worte. Ohne abzuwarten folgt gleich die bange Frage: »Aber Foxi wird nicht geschlachtet!« – »Natürlich nicht, mein Kind«. Die Erleichterung ist groß.... [mehr]

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Mensch, spiele!

Von  Mathias Maurer, Februar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser! Raphael ist verschwunden. Ich rufe. Keine Antwort. Stille. Wo ist er? Ich mache mich auf die Suche. In seinem Zimmer, im Haus, im Keller, auf der Straße … Leichte Panik. Raphael ist weg. Und tatsächlich: Als ich Raphael hinter dem Schrank finde, ist er nicht da, sondern wie in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit. Der Zweijährige spielt, selbstvergessen und intensiv. Die Backen glühen, die Zungenspitze aus dem halboffenen Mund. Er hat das Nähkästchen entdeckt. Um ihn herum Scheren, Nadeln, Garnrollen, Knöpfe … Seine Fingerchen bemühen sich unablässig, einen Faden durch die Nadel zu bekommen. – Soll ich ihn stören, korrigieren, helfen und damit herausreißen aus seinem Spiel? Ich ziehe mich leise zurück. Nach einer halben... [mehr]

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»Mama, er spricht italienisch!«

Januar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser, Julian (3) war mit seiner Familie und seinen Geschwistern in den Sommerferien in Italien. Man gönnte sich zum Frühstück täglich frische Brötchen. Wieder in Deutschland, steht die Familie Samstag morgens in der Bäckerei. Julians Bruder Lukas (2) wendet sich dringlich an seine Mutter, doch sie versteht nicht, was er will. Seine Worte sind unverständlich. Was will er sagen? Lukas ist verzweifelt, zerrt am Ärmel seiner Mutter und wiederholt in dem vollen Laden nervtötend immer wieder den gleichen Satz: »Tschono Lisa ei?« Lukas wird jetzt richtig wütend. Der Vater kommt hinzu, auch er versteht ihn nicht. Die Szene nimmt dramatische Züge an. Keiner versteht Lukas. Hat er wieder einen... [mehr]

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Den eigenen Rhythmus finden

Januar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Rhythmus trägt das Leben, Rhythmus spart und gibt Kraft. Unsere gesamte menschliche Organisation baut auf rhythmischen Prozessen auf, die sich physisch, seelisch und geistig wechselseitig beeinflussen. Das kleine Kind liebt den Rhythmus; er gibt ihm Orientierung, Raum für sein Wachstum und seine Entwicklung. Spätestens als Schulkind beginnt es, Variationen des »Ewig-Gleichen« anfangs mit Vorsicht, später mit Absicht durchzuspielen. Im Jugendalter kommt es dann zu einer meist strapaziösen Umkehr alles Gewohnten. Die Nacht wird zum Tag, gegessen wird unabhängig von den Mahlzeiten, Hausaufgaben kann man auch spät abends oder kurz vor Schulbeginn machen. Für die... [mehr]

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Ich bin gemein

Dezember 2012

Liebe Leserin, lieber Leser!  Ein Kind wäre ohne Gemeinschaft verloren. Ein Erwachsener weniger – oder täuschen wir uns? Während Ersteres augenscheinlich ist, scheint jedes erwachsene Individuum sein maximales Selbstverwirklichungsprogramm und seine Interessen im Leben umsetzen zu wollen. Dafür benutzt er die kleine und große Gemeinschaft. Oder bräuchte er sie für mehr? Man weiß aus der Kindheitsforschung: Jedes Kind kann nur in und an der Gemeinschaft zum Individuum reifen. Ein Erwachsener nicht? Ist seine Entwicklung fertig?  Mitnichten. Erst am Du erkennt sich das Ich und spiegelt sich in der Gemeinschaft. Was ist dann das Ich? Ein Reflex der... [mehr]