Editorial

Den eigenen Rhythmus finden

Januar 2013

Liebe Leserin, lieber Leser!  Rhythmus trägt das Leben, Rhythmus spart und gibt Kraft. Unsere gesamte menschliche Organisation baut auf rhythmischen Prozessen auf, die sich physisch, seelisch und geistig wechselseitig beeinflussen. Das kleine Kind liebt den Rhythmus; er gibt ihm Orientierung, Raum für sein Wachstum und seine Entwicklung. Spätestens als Schulkind beginnt es, Variationen des »Ewig-Gleichen« anfangs mit Vorsicht, später mit Absicht durchzuspielen. Im Jugendalter kommt es dann zu einer meist strapaziösen Umkehr alles Gewohnten. Die Nacht wird zum Tag, gegessen wird unabhängig von den Mahlzeiten, Hausaufgaben kann man auch spät abends oder kurz vor Schulbeginn machen. Für die... [mehr]

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Ich bin gemein

Dezember 2012

Liebe Leserin, lieber Leser!  Ein Kind wäre ohne Gemeinschaft verloren. Ein Erwachsener weniger – oder täuschen wir uns? Während Ersteres augenscheinlich ist, scheint jedes erwachsene Individuum sein maximales Selbstverwirklichungsprogramm und seine Interessen im Leben umsetzen zu wollen. Dafür benutzt er die kleine und große Gemeinschaft. Oder bräuchte er sie für mehr? Man weiß aus der Kindheitsforschung: Jedes Kind kann nur in und an der Gemeinschaft zum Individuum reifen. Ein Erwachsener nicht? Ist seine Entwicklung fertig?  Mitnichten. Erst am Du erkennt sich das Ich und spiegelt sich in der Gemeinschaft. Was ist dann das Ich? Ein Reflex der... [mehr]

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Ortswechsel

Von  Mathias Maurer, November 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Die vierjährige Vanessa erzählt mir ganz genau, wie das ist, wenn man gestorben ist. »Die Oma schaut vom Himmel herunter und winkt uns zu. Und dann kommt sie wieder als Baby. Und dann kommt der Papa in den Himmel und dann die Mama.« Es geht so der Reihenfolge nach weiter mit den älteren Geschwistern. Schließlich: »Und dann komme ich und winke auch.« Es kehren alle wieder zurück, das Leben wird nicht unterbrochen: »Und alle kommen wieder!« Der Tod führt sie alle nur an einen anderen Ort, wie auf einem Ausflug. – »Fallen wir da nicht runter?« Ich höre gespannt zu und denke noch über eine Antwort nach: »Die Wolken sind ja weich und Mamas Bauch auch«, lacht sie. Vanessa hat Krebs... [mehr]

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Billig ist dumm

Von  Mathias Maurer, Oktober 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Billig heißt: Am Ende hat einer einen Verlust gemacht, vielleicht sogar mit seinem Leben bezahlt. Unsere Schnäppchen – seien es Bananen oder Autos – ruinieren einem Arbeiter auf einer pestizidverseuchten Großplantage in Südamerika oder in einer Erzgrube in Südafrika die Gesundheit. In der globalen Wertschöpfungskette stabilisiert der Konsument eines Billigprodukts unmenschliche Lebensverhältnisse. Den Letzten beißen die Hunde. Aber das ist ja weit weg. Billigheimer heißt, Raubau an Pflanze, Tier, Mensch und Erde treiben. Wir verdrängen diese Tatsache und freuen uns über die 70-Cent-Butter oder die Hähnchenschlegel für 1,99 Euro das Kilo im... [mehr]

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Aller guten Dinge sind drei

September 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Teresa, sechs Jahre, ist ein waches aufgewecktes Kind. Eines Tages bekommt sie heftige Herzbeschwerden. Sie kommt ins Krankenhaus und muss operiert werden. Zehn Jahre später: Teresa hat psychische Probleme, isst nur noch, um zu erbrechen. Ihre Magersucht wird psychotherapeutisch behandelt. Wieder zehn Jahre später: Teresa promoviert zu einem ungelösten Problem der Mathematik: Dass es zwar richtige Sätze gibt, die aber nicht beweisbar sind. Das Thema treibt sie in den Wahnsinn. Teresas Geschichte en miniature erinnert an Biographie und Schicksal des genialen Mathematikers Kurt Gödel (1906 –1978), der ein enger Freund Albert Einsteins und einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts war. Prominente und weniger... [mehr]

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Multikulti reicht nicht

Von  Mathias Maurer, Juli 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Amerika, »the melting pot«, die Leitkultur, ein multikulturelles Paradies aller Einwanderer, so lernte ich es noch in der Schule. Doch folgt man den Thesen des Politologen Samuel Huntington und seines umstrittenen Buches »Kampf der Kulturen«, hat es eine friedliche Koexistenz und Durchmischung der Kulturen nie gegeben. Die Einwanderer bleiben unter sich, bilden Ghettos in den Städten, grenzen sich kulturell und religiös ab, heiraten untereinander, halten an ihrer Muttersprache fest ... Der Schmelztiegel erweist sich als kulturpolitische Wunschvorstellung. Die Geschehnisse in Nordrhein-Westfalen, wo sich Salafisten und Pro-NRW-Aktivisten bekriegen, scheinen diese Annahme zu bestätigen. Wachsende Intoleranz auf allen Seiten.... [mehr]

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Verloren und wiedergewonnen

Von  Mathias Maurer, Juni 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Moral – was ist das? Und gar Tugend? Schnee von gestern? Mittelalterliche Ritterlichkeit oder mönchisches ora et labora, die protestantische Ethik, die uns zu Fleiß, Gehorsam und Pünktlichkeit aufrief, oder das anything goes im Kleide libertärer Toleranz und eines unverbindlichen Werterelativismus – chacun à sa façon. Mit Nachhaltigkeit, Klimawandel und Energiewende erleben wir heute eine weltweite Renaissance ethischer Werte, die bis in die Leitbilder von Großkonzernen und Banken Eingang finden. Sie treiben Occupy und Arabellion, die Gegner von Globalisierung, Gentechnik und Atomstrom wie die fundamentalistischen Koranverteiler und den Shitstorm der digitalen Bürger gleichermaßen an – wiederentdeckt, um eigenen Interessen... [mehr]

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Technik ist einfach phantastisch

Von  Mathias Maurer, Mai 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Raffael hat Geburtstag und wünscht sich ein Boot mit Fernsteuerung. Sein Freund hat auch eins und sie wollen gemeinsam die Gewässer der Umgebung befahren. Sein Wunsch wird erfüllt, doch die Erfüllung hält nicht lange: Zuerst zog das elektronische Relais Wasser – Tauchversuch als U-Boot – und dann die Fernsteuerung, als sie ins Wasser fiel. Ich sehe noch, wie seine Finger hektisch den An- und Ausschalter betätigen und die Hebel der Fernsteuerung fast abbrechen, als wolle er dem unwilligen Deus ex machina Beine machen. Jetzt liegt das Boot unbrauchbar in der Ecke. Maschinen können nur das leisten, was intelligente Ingenieure, Konstrukteure, Techniker und Programmierer in ihre Abgründe »hineingeheimnisst« haben und was wir... [mehr]

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Krankes System

April 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Der Mann könnte Waldorflehrer sein: Ausgerechnet der Präsident eines Lehrerverbandes hält Noten für ungerecht und subjektiv. Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrerverband bestreitet, dass Noten irgend etwas über den Schulerfolg und Leistungsstand eines Schülers aussagen. Zu stark hänge eine Note vom Ort der Schule und von der subjektiven Einstellung des Lehrers ab. Zudem verstärkten Noten nur die guten Schüler, die schlechteren würden demotiviert. Sein Fazit: Es gibt keine objektiven Noten. Entscheidend sei aber der Lernfortschritt – und der ist nicht mit einer Note wiederzugeben, sondern nur durch eine ausführliche schriftliche Beurteilung. – Das kommt einem doch bekannt vor. Doch Wenzel, selbst über 30 Jahre als Lehrer... [mehr]

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Fehle und lerne

Von  Mathias Maurer, März 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Es ist paradox: Wir leben heute in allgemein unsicheren Zeiten, was Fragen der Erziehung angeht. Jeder versteht sich und die Kinder anders richtig. Die Ratgeberliteratur für Erwachsenenlernen boomt, nicht minder die für die Erziehung der Kinder. Das Ergebnis: Unsichere Eltern und Erzieher verunsichern unsere Kinder nur noch mehr. In der Praxis erleben wir das Gegenteil: Wir begegnen uns – und zwar je höher das (erzieherische) Amt so, als ob ein Erwachsener sich eigentlich nicht mehr zu erziehen bräuchte. Er ist fertig, er hat ein festes Urteil, er weiß, was zu tun ist. Allein seine Biologie mag ihn das Gegenteil lehren. Scheitern, Fehler machen, Unsicherheit zeigen ist blamabel oder lustig. Es scheint keine positive... [mehr]

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