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Ortswechsel

Von  Mathias Maurer, November 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Die vierjährige Vanessa erzählt mir ganz genau, wie das ist, wenn man gestorben ist. »Die Oma schaut vom Himmel herunter und winkt uns zu. Und dann kommt sie wieder als Baby. Und dann kommt der Papa in den Himmel und dann die Mama.« Es geht so der Reihenfolge nach weiter mit den älteren Geschwistern. Schließlich: »Und dann komme ich und winke auch.« Es kehren alle wieder zurück, das Leben wird nicht unterbrochen: »Und alle kommen wieder!« Der Tod führt sie alle nur an einen anderen Ort, wie auf einem Ausflug. – »Fallen wir da nicht runter?« Ich höre gespannt zu und denke noch über eine Antwort nach: »Die Wolken sind ja weich und Mamas Bauch auch«, lacht sie. Vanessa hat Krebs... [mehr]

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Billig ist dumm

Von  Mathias Maurer, Oktober 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Billig heißt: Am Ende hat einer einen Verlust gemacht, vielleicht sogar mit seinem Leben bezahlt. Unsere Schnäppchen – seien es Bananen oder Autos – ruinieren einem Arbeiter auf einer pestizidverseuchten Großplantage in Südamerika oder in einer Erzgrube in Südafrika die Gesundheit. In der globalen Wertschöpfungskette stabilisiert der Konsument eines Billigprodukts unmenschliche Lebensverhältnisse. Den Letzten beißen die Hunde. Aber das ist ja weit weg. Billigheimer heißt, Raubau an Pflanze, Tier, Mensch und Erde treiben. Wir verdrängen diese Tatsache und freuen uns über die 70-Cent-Butter oder die Hähnchenschlegel für 1,99 Euro das Kilo im... [mehr]

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Aller guten Dinge sind drei

September 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Teresa, sechs Jahre, ist ein waches aufgewecktes Kind. Eines Tages bekommt sie heftige Herzbeschwerden. Sie kommt ins Krankenhaus und muss operiert werden. Zehn Jahre später: Teresa hat psychische Probleme, isst nur noch, um zu erbrechen. Ihre Magersucht wird psychotherapeutisch behandelt. Wieder zehn Jahre später: Teresa promoviert zu einem ungelösten Problem der Mathematik: Dass es zwar richtige Sätze gibt, die aber nicht beweisbar sind. Das Thema treibt sie in den Wahnsinn. Teresas Geschichte en miniature erinnert an Biographie und Schicksal des genialen Mathematikers Kurt Gödel (1906 –1978), der ein enger Freund Albert Einsteins und einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts war. Prominente und weniger... [mehr]

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Multikulti reicht nicht

Von  Mathias Maurer, Juli 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Amerika, »the melting pot«, die Leitkultur, ein multikulturelles Paradies aller Einwanderer, so lernte ich es noch in der Schule. Doch folgt man den Thesen des Politologen Samuel Huntington und seines umstrittenen Buches »Kampf der Kulturen«, hat es eine friedliche Koexistenz und Durchmischung der Kulturen nie gegeben. Die Einwanderer bleiben unter sich, bilden Ghettos in den Städten, grenzen sich kulturell und religiös ab, heiraten untereinander, halten an ihrer Muttersprache fest ... Der Schmelztiegel erweist sich als kulturpolitische Wunschvorstellung. Die Geschehnisse in Nordrhein-Westfalen, wo sich Salafisten und Pro-NRW-Aktivisten bekriegen, scheinen diese Annahme zu bestätigen. Wachsende Intoleranz auf allen Seiten.... [mehr]

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Verloren und wiedergewonnen

Von  Mathias Maurer, Juni 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Moral – was ist das? Und gar Tugend? Schnee von gestern? Mittelalterliche Ritterlichkeit oder mönchisches ora et labora, die protestantische Ethik, die uns zu Fleiß, Gehorsam und Pünktlichkeit aufrief, oder das anything goes im Kleide libertärer Toleranz und eines unverbindlichen Werterelativismus – chacun à sa façon. Mit Nachhaltigkeit, Klimawandel und Energiewende erleben wir heute eine weltweite Renaissance ethischer Werte, die bis in die Leitbilder von Großkonzernen und Banken Eingang finden. Sie treiben Occupy und Arabellion, die Gegner von Globalisierung, Gentechnik und Atomstrom wie die fundamentalistischen Koranverteiler und den Shitstorm der digitalen Bürger gleichermaßen an – wiederentdeckt, um eigenen Interessen... [mehr]

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Technik ist einfach phantastisch

Von  Mathias Maurer, Mai 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Raffael hat Geburtstag und wünscht sich ein Boot mit Fernsteuerung. Sein Freund hat auch eins und sie wollen gemeinsam die Gewässer der Umgebung befahren. Sein Wunsch wird erfüllt, doch die Erfüllung hält nicht lange: Zuerst zog das elektronische Relais Wasser – Tauchversuch als U-Boot – und dann die Fernsteuerung, als sie ins Wasser fiel. Ich sehe noch, wie seine Finger hektisch den An- und Ausschalter betätigen und die Hebel der Fernsteuerung fast abbrechen, als wolle er dem unwilligen Deus ex machina Beine machen. Jetzt liegt das Boot unbrauchbar in der Ecke. Maschinen können nur das leisten, was intelligente Ingenieure, Konstrukteure, Techniker und Programmierer in ihre Abgründe »hineingeheimnisst« haben und was wir... [mehr]

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Krankes System

April 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Der Mann könnte Waldorflehrer sein: Ausgerechnet der Präsident eines Lehrerverbandes hält Noten für ungerecht und subjektiv. Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrerverband bestreitet, dass Noten irgend etwas über den Schulerfolg und Leistungsstand eines Schülers aussagen. Zu stark hänge eine Note vom Ort der Schule und von der subjektiven Einstellung des Lehrers ab. Zudem verstärkten Noten nur die guten Schüler, die schlechteren würden demotiviert. Sein Fazit: Es gibt keine objektiven Noten. Entscheidend sei aber der Lernfortschritt – und der ist nicht mit einer Note wiederzugeben, sondern nur durch eine ausführliche schriftliche Beurteilung. – Das kommt einem doch bekannt vor. Doch Wenzel, selbst über 30 Jahre als Lehrer... [mehr]

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Fehle und lerne

Von  Mathias Maurer, März 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Es ist paradox: Wir leben heute in allgemein unsicheren Zeiten, was Fragen der Erziehung angeht. Jeder versteht sich und die Kinder anders richtig. Die Ratgeberliteratur für Erwachsenenlernen boomt, nicht minder die für die Erziehung der Kinder. Das Ergebnis: Unsichere Eltern und Erzieher verunsichern unsere Kinder nur noch mehr. In der Praxis erleben wir das Gegenteil: Wir begegnen uns – und zwar je höher das (erzieherische) Amt so, als ob ein Erwachsener sich eigentlich nicht mehr zu erziehen bräuchte. Er ist fertig, er hat ein festes Urteil, er weiß, was zu tun ist. Allein seine Biologie mag ihn das Gegenteil lehren. Scheitern, Fehler machen, Unsicherheit zeigen ist blamabel oder lustig. Es scheint keine positive... [mehr]

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Lasst die Kinder in Ruhe

Von  Mathias Maurer, Februar 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Früheinschulung, Turboabitur, Bildungsstandards … das sind die bildungspolitischen Maßnahmen, um unser Bildungssystem billiger und effizienter und unsere Kinder intelligenter zu machen. Auch die ersten Lebensjahre bleiben von dieser Entwicklung nicht verschont: Kinderkrippen ab 0 Jahren und Frühförderung im wissenschaftlichen Lernen, dazu minutiöse Dokumentationsberichte, durch die die kind­liche Entwicklung optimiert werden soll.  Erziehungspartnerschaften von Eltern und Erziehern drohen zu einem pädagogischen Zwangsbeglückungsunternehmen zu  werden, dem das Kind von der Geburt bis zum Verlassen der Schule nicht entweichen kann. Die pädagogische Therapiefreude kennt keine Grenzen, gefüttert von der elterlichen... [mehr]

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Mehr Gehalt – mehr Lehrer

Januar 2012

Liebe Leserin, lieber Leser! Waldorflehrer verdienen in Deutschland so viel wie ihre Kollegen an staatlichen Schulen in Griechenland, Portugal oder Spanien (30.000 bis 40.000 Euro im Jahr). Dagegen verdienen Deutschlands und Österreichs Staatsschullehrer gut (40.000 bis 60.000 Euro im Jahr), am besten in Dänemark und Luxemburg (60.000 bis 100.000 Euro im Jahr). Diese Zahlen legte die EU-Kommission Anfang Oktober 2011 in einem Bericht vor, in dem die Gehaltssituation von Lehrern in 27 EU-Mitgliedstaaten analysiert wird. Die Gehälter der Waldorflehrer waren noch nie sonderlich attraktiv. Man dient ja den Kindern zur Ehre Gottes. Kein Wunder, dass der Lehrermangel chronische und durch die nahende Pensionierungswelle noch dramatischere Ausmaße annehmen und... [mehr]