Standpunkt

Schöne neue Ritalin-Welt

Von  Henning Kullak-Ublick, April 2012

Vor 80 Jahren veröffentlichte Aldous Huxley seine »Schöne neue Welt«. Der Roman handelt von einer Gesellschaft, die sich die Ideale Frieden, Stabilität und Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat. Zur Erreichung dieser Ziele werden bereits Embryonen physisch manipuliert und die Kinder später durch raffinierte Bewusstseinsmanipulation zu Angehörigen unterschiedlicher Kasten erzogen, die von der exklusiven Führungsgruppe Alpha-Plus bis zu den Epsilon-Minus-Menschen für die niedersten Arbeiten reichen. In dieser utopischen Gesellschaft kommt niemand auf die Idee, sich gegen sein eigenes Funktionieren aufzulehnen. Dafür sorgt eine unablässige Aneinanderreihung von Konsum, Sex und der Droge Soma, die jede Frage, jeden Zweifel, jedes abweichende Gefühl... [mehr]

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Erziehungskunst – die Entscheidung

Von  Henning Kullak-Ublick, März 2012

Liebe Leserinnen und Leser, in diesem März entscheidet die Mitgliederversammlung des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) darüber, ob wir diese Zeitschrift in ihrer jetzt bestehenden Form weiterführen wollen oder nicht. Vor drei Jahren begannen wir mit einem Experiment, das wir, also Redaktion und Herausgeber, als Projekt verstehen, das sich kontinuierlich weiter entwickelt. [mehr]

Standpunkt

Macht, was ihr wollt

Von  Henning Kullak-Ublick, Februar 2012

Warum gibt es eigentlich die Waldorfschule? Also nicht speziell Ihre Schule, sondern ganz allgemein die Waldorfschule? Warum erlebt diese Schulform 93 Jahre nach ihrer Erfindung einen weltweiten Gründungsboom, der angesichts der manchmal extrem schwierigen Bedingungen, unter denen Waldorfschulen in vielen Ländern der Erde arbeiten müssen, kaum zu verstehen ist? Die Antwort ist vielschichtig. Ich beschränke mich auf einen Kernsatz ihrer Pädagogik: Erziehung ist immer Selbsterziehung. Dieser unscheinbare Satz stellt eine radikale Kampfansage an alle Versuche dar, den Menschen auf ein Ziel hin zu erziehen, das nicht in seinem eigenen Wesen, sondern in wirtschaftlichen, politischen, religiösen oder anderen weltanschaulichen Zwecken begründet ist. Die... [mehr]

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Auf die Dörfer, fertig, los …

Von  Henning Kullak-Ublick, Januar 2012

»Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen«, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Was aber ist, wenn es gar keine richtigen Dörfer – mit Bauer, Bäcker, Schmied, Schuster, Tischler, Zimmermann, Pfarrer und Dorfpolizisten – mehr gibt, für die allermeisten Kinder jedenfalls? Wer erzieht sie dann? »Es braucht eine ganze Stadt, um ein Kind zu erziehen«, hinterlässt eine Gänsehaut, signalisiert Anonymität statt Geborgenheit. Und trotzdem stimmt auch dieser Satz, denn weltweit wächst die Mehrzahl aller Kinder in Städten auf. Wir brauchen also Dörfer in den Städten, viele Dörfer für viele Kinder! Aber es gibt Unterschiede, die bleiben: In einem Dorf leben die Generationen nach alten und respektierten Traditionen zusammen, ihre Bewohner gehen mit... [mehr]

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Occupy Brandenburg

Von  Henning Kullak-Ublick, Dezember 2011

Am Samstag, dem 18. Dezember 2010 begann der »Arabische Frühling«, nachdem sich einen Tag zuvor der Tunesier Mohamed Bouazizi selbst angezündet hatte, um gegen die Polizei- und Behördenwillkür seines, bei uns hauptsächlich als billiges Urlaubsziel bekannten Landes zu protestieren. Seine Tat brachte Tunesien in Aufruhr.  [mehr]

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Rettungsschirm für die Bildung

Von  Henning Kullak-Ublick, November 2011

Alle Jahre wieder sorgt eine Statistik in Deutschland für Aufregung: Der OECD-Bildungsbericht, der akribisch Zahlen zusammenträgt, die erkennen lassen, was den 33 Mitgliedsstaaten dieses Wirtschaftsverbandes die Bildung in ihrem Land wert ist. Und wieder reibt sich der deutsche Leser ungläubig die Augen: Während wir einen Euro-Rettungsschirm nach dem anderen aufspannen und inzwischen versuchen, mit dreistelligen Milliardensummen ganze Staaten zu schützen, fehlt das Geld für die wichtigste und renditestärkste Investition, die sich nur denken lässt: für die Bildung.  [mehr]

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Bewegt euch!

Von  Henning Kullak-Ublick, Oktober 2011

Ein deutsches Grundschulkind verbringt täglich im Durchschnitt neun Stunden im Sitzen – Tendenz steigend. Erwachsene bringen es sogar auf über elf Stunden. Rechnet man die Bettruhe hinzu, ist heute ein Kind nur noch ein Viertel seines Lebens in Bewegung. [mehr]

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Willkommen in der Räuberschule!

Von  Henning Kullak-Ublick, September 2011

Nachdem nun auch die letzten aus hoffentlich schönen Sommerferien zurückgekehrt sind, können wir uns endlich wieder ans gemeinsame Rauben machen. Besteigen wir unser Piratenschiff und stechen wir zu neuen Abenteuern in See, entdecken neue Länder, entern, brandschatzen und plündern und schleppen unsere Beute auf unsere sagenumwobene, unzugängliche Insel mit ihren Geheimverliesen. Vielleicht denken Sie jetzt, mir sei eine bildhafte Begrüßung etwas schräg geraten. – Ist sie das? Schicken Sie Ihre Kinder nicht auf eine Privatschule? Ist »privare« nicht das lateinische Wort für rauben? Wem rauben wir also was? Den anderen Schulen die Kinder? Oder die Lehrer? Oder die engagierten Eltern? Oder dem Rest der Bevölkerung vielleicht eine bessere Startposition... [mehr]

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Ich lese was, was Du nicht siehst

Von  Henning Kullak-Ublick, Juli 2011

Im Gefängnis schrieb Rosa Luxemburg 1917 ihre berühmten Worte: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern. Nicht wegen des Fanatismus der Gerechtigkeit, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird.« An diese Worte musste ich denken, als ich die folgende E-Mail einer Mutter an unsere Redaktion las: »...wie geht man eigentlich mit folgendem Sachverhalt um: Einige Lehrer unserer Waldorfschule missbilligen bestimmte Artikel in der Erziehungskunst und haben daher beschlossen, sie schlicht nicht mehr auszuteilen. Der Lehrer meiner Tochter stellte es so dar: ›Wir sind der Meinung, dass einiges in der Zeitschrift... [mehr]

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Quelle des Lernens

Von  Henning Kullak-Ublick, Juni 2011

Leoni kämpft. Sie will etwas zu Papier bringen, das die meisten Leute nicht einmal denken können. Könnten sie es, würde das die Welt verändern. Leoni folgt einer Spur, die erst entsteht, indem sie sie zieht und ergänzt, was noch gar nicht da ist. Dazu muss sie sich gleich auf mehreren Ebenen anstrengen, indem sie erst fühlt, was sie sucht, dann tut, was sie fühlt, und schließlich sieht, was sie gesucht hat. Leoni ist Drittklässlerin und übt sich im Formenzeichnen. In zwanzig Jahren wird sich Leoni nicht mehr an die Einzelheiten ihrer Suche erinnern. Damit teilt sie das Schicksal aller Schüler, wenn sie die Schule hinter sich lassen: »Alle Überprüfungen des Wissens, das junge Menschen fünf Jahre nach Schulabschluss noch besitzen«, zeigen, so Gerhard... [mehr]