Ganzheitlicher Unterricht fördert die Gesundheit

Von Cornelie Unger-Leistner, Februar 2012

Die so genannten neuen Kinderkrankheiten wie Konzentrations- oder Schlafstörungen müssen genauso ernst genommen werden wie die früheren Infektionskrankheiten. Dies forderten Experten bei einer Diskussionsrunde auf der Sonderschaufläche »Bildung fürs Leben« des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) bei der didacta in Hannover.

Arzneimittel seien keine Lösung, betonte Moderatorin Celia Schönstedt und wies darauf hin, dass der Verbrauch von Ritalin in Deutschland von 34 kg 1993 auf 1,8 Tonnen im Jahr 2010 gestiegen sei. Dr. Christoph Hueck, Dozent der Freien Hochschule Stuttgart und Dr. med. Jan Vagedes, Oberarzt der Kinder- und Jugendmedizin an der anthroposophischen Filderklinik bei Stuttgart setzten dem »die Idee einer gesundenden Schule« entgegen. 

Die Waldorfschule sei von ihrem Gründer Rudolf Steiner von Anfang an mit der Absicht konzipiert worden, Schule müsse zur Gesunderhaltung beitragen, betonte Dr. Christoph Hueck. Dies gehe weit über die übliche Gesundheitserziehung an Schulen hinaus, die vorwiegend auf Sport und gesunde Ernährung setze. »Die Idee besteht darin, dass die Art des Unterrichts und die gesamte Gestaltung der Schule auf die Gesundheit der Kinder einwirkt«, so Hueck. Dies bedeute konkret, erläuterte Dr. med. Jan Vagedes, dass nicht nur die kognitive Seite der Kinder und Jugendlichen angesprochen werde. »Der Unterricht muss nicht nur den Kopf, sondern auch Herz und Hand ansprechen. Wichtig ist außerdem, dass dies im Wechsel geschieht.« Vagedes veranschaulichte seine These durch den Vergleich mit dem Herz-Kreislaufsystem, dessen Stabilität vom Wechsel zwischen An- und Entspannung abhänge.

Unterrichtskonzepte wie G 8, die mit ihrer Stoffmenge die Schüler ständig unter Druck setzten, blieben nicht ohne Auswirkung auf die Gesundheit. Die beiden Experten belegten ihre Aussagen mit einem Experiment zur Herzratenvariabilität (HRV), das die Besucher der Veranstaltung an einem Monitor mitverfolgen konnten. Anhand der Darstellung von Puls- und Herztätigkeit einer Teilnehmerin war zu sehen, wie sich zum Beispiel die Anspannung beim Lösen einer Rechenaufgabe direkt auf die Herztätigkeit auswirkt. »Das Herz ist keine einfache Pumpe, sondern ein feines Sinnesorgan, das jede Belastung sofort abbildet«, betonte Hueck. So sei der Stress eines Managers auch an verringerter Herzratenvariabilität erkennbar, während jemand, der viel meditiere, eine stärker ausgeglichene Herztätigkeit, sogenannte Kohärenz, aufweise.

Zum Gesundheitskonzept der Waldorfschulen gehört nach Aussage der beiden Experten auch das Fach Eurythmie: »Mit der Eurythmie steht uns eines der wirkungsvollsten Heilmittel zur Verfügung, ganz besonders in Form der therapeutisch wirkenden Heileurythmie«, so Vagedes. Er verglich die Bewegungskunst Eurythmie, die es nur an der Waldorfschule gibt, mit Tai Chi, das unter anderem in China zum Alltag gehöre. Entscheidend dabei sei die »beseelte Bewegung«, durch die ein Gleichgewicht zwischen innerem Erleben und äußerem Handeln erreicht werde. Wie das moderne Stressmanage¬ment zeige, sei dieses Gleichgewicht entscheidend für die Fähigkeit, mit Stress gesund umzugehen. Die Anwesenden konnten während der Veranstaltung auch selbst eine eurythmische Übung ausprobieren.

»Gesunde Schule« ist nur eines der Veranstaltungsthemen der gemeinsamen Sonderschaufläche des BdFWS und der Vereinigung der Waldorfkindergärten auf der didacta 2012 in Hannover. Weitere Themen auf der Waldorfwebseite zur didacta.

Für Aufsehen sorgt auf Europas größter Bildungsmesse der von dem Bildhauer Ulrich Lindow als begehbares Kunstwerk gestaltete Messestand. Auch die zahlreichen künstlerischen und handwerklichen Darbietungen von Waldorfschülern aus der Region, die beim Messeauftritt der Waldorfschulen auf der didacta schon Tradition sind, begeistern die Messebesucher.

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