Waldorflehrer: »Das fordert und erfüllt mich«

Von Cornelia Geidel, Mai 2017

Die Waldorfschulbewegung ist fast 100 Jahre alt und nach wie vor beliebt. Jedes Jahr werden allein in Deutschland bis zu fünf neue Schulen gegründet. Viele wollen dort Schülerin und Schüler sein, doch deutlich weniger auch Lehrerin und Lehrer. Dabei sind die Berufsaussichten bestens. Jedes Jahr werden um die 600 Stellen neu besetzt. Wenn in wenigen Jahren viele Lehrkräfte in Rente gehen, dürften es noch deutlich mehr sein.

»Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet, in der die Sterne funkeln, in der die Steine lagern. Die Pflanzen lebend wachsen, die Tiere fühlend leben, in der der Mensch beseelt dem Geiste Wohnung gibt ...« Die 40 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse der Freien Waldorfschule Gutenhalde in Filderstadt sprechen gemeinsam mit ihrer Lehrerin Maren Sonnenfroh den täglichen Morgenspruch bevor der Unterricht beginnt. Originalworte von Rudolf Steiner, aus dem Jahr 1919. So, wie sie schon damals nach Gründung der ersten Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe Morgen für Morgen von den höheren Klassen gesprochen wurden.

Laut Steiner sollen sie die Kinder darauf einstimmen, in der Schule Erkenntnisse aufzunehmen, die für das Leben wichtig sind.

Unterricht ohne Schulbuch

Zum Beispiel Mathe. Kombinatorik. Das steht zurzeit morgens auf dem Stundenplan der neunten Klasse. Maren Sonnenfroh beginnt mit ein paar Kopfrechenübungen, wiederholt dann den Stoff vom Vortag, bevor sie ihn mit neuen Aufgaben vertieft.

Unterrichtet wird an Waldorfschulen in Epochen. Immer drei Wochen lang haben die Kinder und Jugendlichen in den ersten eindreiviertel Stunden das gleiche Unterrichtsfach, dann wird gewechselt. »So kann ich mit den Schülern intensiv in ein Thema eintauchen, es ihnen in seiner Gesamtheit nahebringen. Über Nacht setzt sich der Stoff, am nächsten Tag greifen wir ihn noch mal auf und führen ihn weiter«, erklärt die Lehrerin. Trotz der großen Schülerzahl ist es in der Klasse erstaunlich ruhig. In ihr Epochenheft schreiben die Jugendlichen ab, was an der Tafel steht.

Schulbücher sucht man auf den Tischen vergeblich, die gibt es in Waldorfschulen kaum. Das schenkt den Lehrerinnen und Lehrern viel Freiraum bei der Gestaltung ihres Unterrichts.

Von der Gymnasial- zur Waldorflehrerin

»Mein Beruf ist genau das Richtige für mich. Ich bin total glücklich damit«, strahlt Maren Sonnenfroh nach der Mathestunde im Lehrerzimmer. Sie muss es wissen, denn sie hat den direkten Vergleich. Nach ihrem Abitur an einer staatlichen Schule hat sie zuerst Mathe und Chemie auf Lehramt studiert, bis zum ersten Staatsexamen. Ein Praxissemester an einem Gymnasium inklusive. Dann kam der Bruch. Sie hat gemerkt, dass sie den Beruf so nicht ausüben möchte, dass diese Art des Unterrichtens nicht zu ihr passt. Über eine Bekannte kam sie mit der Freien Hochschule Stuttgart in Kontakt, die Waldorflehrer ausbildet, und hat sich spontan entschlossen, dort in eineinhalb Jahren den Master als Oberstufenlehrerin zu machen. »Ich fand die Zeit ganz toll und sehr bereichernd für mich. Wir wurden umfassend ausgebildet, haben also nicht nur fachspezifisch gearbeitet, sondern durften auch selbst kreativ tätig sein: malen, plastizieren, musizieren, Eurythmie machen. Wir haben die ganze Vielfalt kennengelernt, die eine Waldorfschule ausmacht.«

Jedes Kind individuell fördern

Hannes Busche, der mit Sonnenfroh an der Freien Hochschule Stuttgart studiert hat und jetzt an der Waldorfschule Gutenhalde Deutsch unterrichtet, hat einen ähnlichen Weg hinter sich. Auch er hat nach dem ersten Staatsexamen und einem Praxissemester an die Freie Hochschule gewechselt. Da er selbst Waldorfschüler gewesen ist, war für ihn jedoch von Anfang an klar, dass er nur an einer Waldorfschule unterrichten möchte: »Mir gefällt die Hierarchie an den staatlichen Schulen nicht. Da Waldorfschulen selbstverwaltet sind, haben alle ein Mitspracherecht und jeder bekommt das gleiche Grundgehalt.« Auch das Spirituelle in der Arbeit mit den Schülern habe ihm an der Regelschule gefehlt, erzählt der 34- Jährige. »An der Waldorfschule ist der Unterricht an der Entwicklung der Kinder ausgerichtet. Als Lehrer kann ich besser auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen und sie fördern.«

Staatlich anerkannte Abschlüsse

Die Freie Hochschule Stuttgart bietet nicht nur Aufbaustudiengänge an, sondern als eine von drei Einrichtungen in Deutschland auch eine sogenannte grundständige Ausbildung zur Waldorflehrkraft. Das heißt, man kann direkt nach dem Abitur den Bachelor »Waldorfpädagogik« machen und dann den Master als Klassen- und Fachlehrer oder als Oberstufenlehrer anschließen. Ebenso gibt es den Bachelor und Master für Eurythmie. Das Besondere ist, dass die Abschlüsse staatlich anerkannt sind. »Das kann außer uns nur eine weitere Hochschule bieten«, erklärt Peter Loebell, Professor für Lernpsychologie und Schulentwicklung an der Freien Hochschule Stuttgart. »Für die Studierenden hat das den Vorteil, dass sie anschließend an jeder Waldorfschule weltweit unterrichten dürfen.« Aus eigener Erfahrung weiß er, dass viele der 239 deutschen Waldorfschulen händeringend nach Lehrkräften suchen.

Keiner seiner Studierenden bleibt nach dem Abschluss lange ohne Job. »Je nach Fächerkombination muss man natürlich flexibel sein. Die Schulen in Ballungsräumen und nahe der Hochschulen sind meistens besser versorgt als die in ländlichen Gebieten – aber Naturwissenschaften sind zum Beispiel überall gefragt.«

Vorteile wiegen die Nachteile auf

Trotz der Nähe zu Stuttgart macht man sich auch an der Freien Waldorfschule Gutenhalde Gedanken darüber, wie man die Welle der in vier bis fünf Jahren in Rente gehenden Lehrkräfte abfedern kann. Ulrich Seifert wird dann dabei sein. Er hat die Schule vor 33 Jahren mitbegründet, unterrichtet seither hier und engagiert sich im Schulleitungsteam. Warum entscheiden sich nicht mehr junge Menschen für den Beruf des Waldorflehrers? Die Antwort kommt ihm und Maren Sonnenfroh fast synchron über die Lippen: »Man verdient weniger als im staatlichen Schuldienst – und man hat keine Karrieremöglichkeiten, da es keine besserbezahlten Positionen gibt.« Durch die Gestaltungsmöglichkeiten im Unterricht und die Selbstverwaltung der Schule sei außerdem der Arbeitsaufwand relativ hoch. Doch das nehmen beide in Kauf. Sie lieben ihre persönliche Freiheit, die intensive Begegnung mit den Schülerinnen und Schülern und das gute Klima an der Schule. Bevor Maren Sonnenfroh weiter muss, zu einem Fachgespräch über die Fördermöglichkeiten für ein autistisches Kind, fügt sie hinzu: »Hier darf ich zeigen, dass ich Mensch bin. Der Umgang miteinander ist fair und ohne Neid, viel entspannter als ich es bisher kannte. Das tut mir einfach gut.«

Informationstag »Waldorflehrer werden«:

am 19. Mai von 10-17 Uhr, mit Gesprächen und Workshops Freie Hochschule Stuttgart, Haußmannstraße 44a, Stuttgart 

www.freie-hochschule-stuttgart.de | www.studium-mit-sinn.de

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