Placebos: Mehr als nur Einbildung
Im März des vergangenen Jahres legte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer eine Publikation mit dem Titel »Placebo in der Medizin« vor, die eine für manche überraschende Einsicht enthielt: Placebos wirken stärker und sehr viel komplexer als bisher angenommen. Und ihr Einsatz ist von enormer Bedeutung für die ärztliche Praxis.
Der sogenannte Placeboeffekt ist fast jedem ein Begriff. Viele verwenden ihn als Synonym für Wirkungslosigkeit oder einen nur »eingebildeten« Nutzen. Die Publikation »Placebo in der Medizin« zeigt jedoch, daß diese Auffassungen der Bedeutung von Placebo in der Medizin nicht gerecht werden. Die Publikation, die von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Robert Jütte erarbeitet wurde, rät, Ärztinnen und Ärzten bereits in der Ausbildung sowie in der Fort- und Weiterbildung tiefergehende Kenntnisse der Placeboforschung zu vermitteln. »Mit dem Einsatz von Placebo lassen sich erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten verringern und Kosten im Gesundheitswesen sparen«, so Jütte.
Die Untersuchung berücksichtigt Klinische Studien und therapeutische Praxis, die beiden Bereiche, in denen Placebos zum Einsatz kommen. Die Wissenschaftler weisen in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass die Mechanismen des Placeboeffekts trotz intensiver Forschungsbemühungen nur teilweise geklärt sind. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Forschung sei, »dass der Placeboeffekt hirnphysiologisch und –anatomisch lokalisierbar ist«. So lege eine Vielzahl von Studien nahe, dass vor allem die Aktivierung der Stirnlappen die Wirkungsweise des Placeboeffekts erklären könne.
Jütte, der auch Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung ist, betont, dass Placebos nicht nur in der klinischen Forschung als Kontrollgruppe eine zentrale Rolle spielten. Zahlreiche Studien belegten, dass sie in unterschiedlichster Form auch in der therapeutischen Praxis eingesetzt würden. So komme eine aktuelle Studie aus der Schweiz zum Ergebnis, dass die große Mehrheit der Schweizer Hausärzte Placebo einsetze. Dabei griffen 57 Prozent auf sogenannte Pseudo-Placebos zurück, also zum Beispiel Arzneistoffe mit extrem niedriger Wirkstoffdosis. Eine Minderheit von 17 Prozent verabreiche reine Placebos, sogenannte Zuckerpillen. »Es besteht allerdings in der therapeutischen Praxis nicht nur Unsicherheit, sondern auch Unkenntnis darüber, inwieweit eine Placebogabe in ethischer und rechtlicher Hinsicht erlaubt, vielleicht sogar geboten ist«, sagte Jütte.
Die Experten des Wissenschaftlichen Beirats halten die bewusste Anwendung von Placebos in der therapeutischen Praxis für vertretbar.
Die Publikation »Placebo in der Medizin« (ISBN 978-3-7691-3491-9), herausgegeben von der Bundesärztekammer auf Empfehlung ihres Wissenschaftlichen Beirats kann beim Deutschen Ärzte-Verlag erworben werden.
Mehr dazu auf der Webseite der Bundesärztekammer sowie im neuen Heft des Magazins Securvital
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