Buch der Bücher

Peter Guttenhöfer

Elsbeth Weymann hat eine Hilfestellung besonderer Art für die Bemühungen um ein Verständnis des Neuen Testaments geschaffen. Ihr Buch bringt ausgewählte Originaltexte der Bibel – neu übersetzt und gedeutet.

Es geht anhand des christlichen Jahreslaufes von Advent zu Advent durch kleine Kapitel, in denen jeweils eine signifikante Schriftstelle übersetzt und erläutert ist. Sie bringt die Übersetzungen im Zeilenstil wie moderne Lyrik, um dem Charakter des gesprochenen Wortes »auf der Spur zu bleiben«, Sprechtexte zu formulieren. Zudem bemüht sie sich, die Mit-Aussage der grammatikalischen Form für die Bedeutung des Geschriebenen zur Geltung zu bringen und nichts für das heutige Sprachempfinden zu glätten. Ein weiterer Leitstern ihrer Arbeit ist es, mit der Methode des »Dreifachen Schriftsinns« des Originales einige Texte zu verdeutlichen.

So wird im Kapitel »Ostern« die Stelle im Johannesevangelium, wo von der zweifachen Umwendung der Maria von Magdala am Grabe erzählt wird (Joh.20, 11-18), in ein klareres Licht gerückt. Bei der ersten Wendung nämlich lautet das griechische Verb stréfo (Aoríst Passiv), bei der zweiten strafeísa (Partizip, Aoríst Passiv). Weymann übersetzt 20,14 so: »Als sie dies spricht, wird sie gewendet, nach rückwärts …«, und 20,16: »Spricht Jesus zu ihr: ›Maria‹, wiederum sich umwendend spricht sie: ›Rabbuni‹ …« Dazu erläutert sie: »Diese zweite Umwendung der Maria ist physisch gesehen – nachdem sie sich gerade schon zu dem Christus hin umgewendet hatte – ganz unsinnig.« Der Text weist also deutlich auf eine nicht äußere, sondern innere Wendung, die sie wie aufwachen lässt für die nun aufleuchtende Erkenntnis: »Rabbuni« – mein Meister«. Damit wird der Zugang zu dem Geheimnis der Maria Magdalena erleichtert, die ja als erster Mensch auf Erden den Auftrag erhielt, das Evangelium von Tod und Auferstehung zu verkünden. Durch die genaue Übersetzung kommen Nuancen zur Geltung, die für unser Verstehen ausgelöscht waren und die die von der Tradition ausgetrockneten Texte wieder frischer und tiefer erscheinen lassen.

Eine vollständige Evangelienübersetzung nach solchen Maßstäben wäre wünschenswert, um eine zeitgemäße »christliche Seelenverfassung« überhaupt zu ermöglichen. Evangelientexte ungeglättet – noch ungeglätteter! –, herausfordernd, Ärgernis erregend, Denk- und Glaubenskräfte neu vereinend.

Elsbeth Weymann: Wege im Buch der Bücher, geb., 180 S., EUR 22,–, Verlag Urachhaus, Stuttgart 2011