Der menschenbildende Auftrag des Sprachunterrichts

Christian von Wernsdorff

Die Zusammenkunft war ein inspirierendes kleines Fest für Sprachlehrer. Singend steigerten wir mit Siegmund Baldszun unsere Aufnahmebereitschaft und ließen uns von Alain Denjean auf einen Streifzug durch 100 Jahre Fremdsprachenunterricht mitnehmen. Angesichts zunehmender chronischer Krankheiten kristallisierte sich für die Gegenwart und nähere Zukunft das Heilende, die »Gesundheit«, als zentrales Motiv für den Unterricht heraus. Was brauchen die Schüler? Worauf basiert ein heilender, gesundender Sprachunterricht? Erwähnung fand in diesem Zusammenhang Rainer Patzlaffs jüngstes Buch: »Sprache – das Lebenselixier des Kindes«.

Der Waldorf-Sprachunterricht will der Fremdsprache nicht die Fremdheit nehmen, er will analytisch statt synthetisch arbeiten, vom Ganzen ausgehen und damit die Schüler befähigen, sich in neuen und noch unvertrauten Zusammenhängen zurechtzufinden – das gehört zu seinem Grundprofil. Nun aber rückt immer mehr der Beziehungsaspekt, die seelische Ebene ins Zentrum: Wie können wir so unterrichten, dass wir aus unserer Mitte heraus agieren und die Mitte der Schüler ansprechen, sie zuhörbereit und aufnahmebereit machen? Diese Kultur des Austauschs auf Augenhöhe rückt allgemein ins Zentrum pädagogischen Forschens (Rosas »Resonanzpädagogik«, Gerald Hüther und die »Schulen im Aufbruch«). Die jetzt antretende vierte Generation von Waldorflehrern ist aufgerufen, die Impulse der Gründungsjahre neu zu greifen und sich auf die zentrale Bedeutung der Mitte beim Lernen zu besinnen. Kopf und Gliedmaßen ermüden, aber »die Mitte ermüdet nicht«, stand als weitreichende Einsicht am Ende von Alain Denjeans Ausführungen. Wie erreichen wir diese Mitte? Wie bringen wir unsere eigene Mitte ein? Wie ist es möglich, die Schüler an den Geist anzuschließen und Beziehung zu den Kräften der Nacht aufzunehmen? Hierzu gab es eine weiterführende Lektüreempfehlung: Johannes Greiners Buch über die »Spiritualität der Jugend und ihre Schatten«.

In den Arbeitsgruppen des folgenden Tages wurde die Frage nach dem menschenbildenden Auftrag des Sprachunterrichtes vertieft und die Ergebnisse anschließend im Schlussplenum zusammengeführt. 

Thematisiert wurde der Unterschied zwischen lebendigen und abgestorbenen Bildern oder auch die »innere Führung« durch den Engel im Gegensatz zur Außensteuerung durch Navigationssysteme.

Wie können wir den Frontalunterricht mit einem die Herzenskräfte ansprechenden »Cordialunterricht« und einem dem Bedürfnis nach Bewegung und Spiel gerecht werdenden »Radialunterricht« in Verbindung bringen? Was gilt es aus dem Traditionsbestand zu bewahren – und was gilt es zu erneuern?

Wir sind aufgerufen, unseren Unterricht als Forschungs-Dauerauftrag zu begreifen, stets von neuem aus der Menschenkunde heraus nach den sich wandelnden Bedingungen des Lernens zu fragen und die Pflege des Kontakts als Herzstück des Unterrichtsgeschehens zu begreifen. 

Das »Arbeitsforum Fremdsprachen« fand am 27. und 28. April 2018 in der Freien Waldorfschule Kassel statt. Das nächste Treffen wird bereits vom Initiativkreis vorbereitet – es wird im Frühjahr 2019 wieder in Kassel durchgeführt.