Experten auf der didacta bestätigen Waldorfpädagogik

Celia Schönstedt

An das Motto der Veranstaltungsreihe auf der didacta knüpfte Armin Krenz vom Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel an. Im Gespräch mit BdFWS-Vorstandsmitglied Henning Kullak-Ublick forderte der bekannte Buchautor einen »radikalen Perspektivenwechsel« im Verständnis von Bildung. Er konstatierte im Bildungswesen das Wiederaufleben eines alten Modells, das Bildung wie das Füllen eines Beutels oder Trichters begreife. Durch die gegenwärtige Praxis in der Frühförderung, aber auch in den Elternhäusern werde die Welt der Kinder »immer enger und künstlicher«. Anstatt Kindern die Möglichkeit zu eröffnen, durch eigene Aktivitäten die Welt zu entdecken, werde ihr Alltag durch vermeintliche Bildungsangebote »programmiert und auf die Zukunft hin orientiert.« Diese zunehmend entsinnlichte Kindheit entspreche nicht den Bedürfnissen der Kinder, die darauf angewiesen seien, mit allen Sinnen zu lernen.

Krenz verwies auf die Bedeutung der ersten sieben Lebensjahre für die Entwicklung von Selbstständigkeit, Belastbarkeit und Anstrengungsbereitschaft und sprach sich gegen Früheinschulungen aus. Henning Kullak-Ublick unterstrich, dass die Waldorfpädagogik die frühe Kindheit bis zum sechsten, siebten Lebensjahr als Erfahrungsraum schützen wolle, in welchem die Kinder die Welt mit allen Sinnen und ohne vorgegebene Ziele erobern können. Eine besondere Bedeutung in diesem Lebensalter komme der Qualität der Beziehungen zu den Erwachsenen zu, wobei dies nicht unbedingt die Eltern sein müssen, betonte Krenz. Sie seien entscheidend dafür, ob sich die im Kind angelegten Ressourcen positiv entwickeln können.

Auch beim Gespräch mit der Medienpädagogin und Autorin Paula Bleckmann am Stand von »Waldorfpädagogik aktuell« konnten sich die Waldorfpädagogen in ihren Auffassungen bestätigt sehen. Hinsichtlich der Vorbeugung gegen Mediensucht könne man den Waldorfschulen nur zu ihrer »Pionierarbeit« gratulieren, betonte Bleckmann. Dem in der bildungspolitischen Debatte kursierenden Begriff der Medienkompetenz, den sie als »verbrannt« bezeichnete, stellte sie ihre Forderung nach »Medienmündigkeit« entgegen. Es könne nicht darum gehen, den Kindern und Jugendlichen nur technische Fähigkeiten zu vermitteln, Ziel müsse ein selbstbestimmter Umgang mit den Medien sein. In diesem Zusammenhang verwies sie auf ihre Erfahrungen mit computerspielsüchtigen Jugendlichen im Rahmen ihrer Forschung am Kriminologischen Institut Niedersachsen. Das Problem dieser Jugendlichen sei gerade nicht die fehlende Medienkompetenz im technischen Sinne.

Moderator Henning Kullak-Ublick ergänzte aktuelle Zahlen zur Mediennutzung: Mit 15 Jahren habe ein Schüler bereits 12.000 Stunden vor dem Fernseher verbracht und dabei 10.000 Morde und 100.000 Gewalttaten gesehen. Auch die durchschnittliche Nutzung pro Tag bei Jungen dieses Alters sei mit siebeneinhalb Stunden erschreckend, meinte Kullak-Ublick und stellte Bleckmann die Frage nach Gegenstrategien der Eltern. Als wichtige vorbeugende Faktoren im Sinne der Resilienzforschung nannte die Medienpädagogin eine umfassende Sinnesentwicklung, soziale Kontakte, ein gutes Verhältnis zu den Eltern, also eine »solide Basis im echten Leben«.

Gerade in den frühen Lebensphasen entwickle sich »Produktionskompetenz«, die Fähigkeit zu gestalten wie auch die sensomotorische Entwicklung – beides Voraussetzungen für einen souveränen Umgang mit den Medien. Der Einsatz von Fernsehen in der Kita sei von daher kritisch zu sehen, bemerkte Bleckmann mit Hinweis auf die Ausführungen von didacta-Präsident Wassilios E. Fthenakis bei der Eröffnung der Bildungsmesse. »Sicherlich lernt ein Kind etwas, wenn es mit fünf Jahren vor dem Fernseher sitzt. Die Frage ist aber, was es dadurch verlernt und in welchem Verhältnis das zum Ziel einer späteren Medienmündigkeit steht«, sagte Bleckmann. Mediennutzung im Kindergartenalter führe zu weniger Bewegung und einer verminderten Sprachkompetenz. Die Wissenschaftlerin kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Interessengebundenheit vieler Forschungsergebnisse zum Thema Mediennutzung.

Weitere Veranstaltungen, zum Beispiel zur Inklusion oder zu den Bedingungen für gesunde Schule finden am Stand von »Waldorfpädagogik aktuell« in Halle 7 statt: www.waldorfpaedagogik-aktuell.de