Gesundheitsministerium: Onlinesüchtig?

Lorenzo Ravagli

Von der bisher allerdings noch nicht einheitlich definierten Internetsucht sind Jugendliche nach den Hochrechnungen der Wissenschaftler stärker betroffen als ältere Menschen, was nicht weiter verwunderlich ist, da die Älteren generationell keine »digital natives« sind. Als Symptome der Sucht werden angeführt: mangelnde Kontrolle über die Zeit, die im Netz verbracht wird, Entzugserscheinungen wie schlechte Laune, Angst oder Reizbarkeit, Vernachlässigung der sozialen Kontakte außerhalb des Internets. 

Die Forscher befragten über 15.000 Menschen zwischen 14 und 64 Jahren am Telefon. Auffallendstes Ergebnis: das Suchtpotential von Mädchen ist offenbar größer als das von Jungs. 4,9 Prozent der befragten Mädchen zwischen 14 und 16 sollen abhängig oder gefährdet sein, 77 % von ihnen nutzen soziale Netzwerke, 7,2 % Onlinespiele. Bei Jungs sind 3,1 % suchtverdächtig, 33,6 % von ihnen nutzen Onlinespiele, 64,8 % soziale Netzwerke. Möglicherweise ist diese Differenz aber auch darauf zurückzuführen, dass Mädchen – wie auch ihre Nutzung sozialer Netzwerke zeigt – kommunikativer sind als Jungen und daher eher bereit, über sich und vor allem ihre Probleme Auskunft zu geben.

Kritiker der Untersuchung wenden ein, nach den angewendeten Kriterien könne man auch von einer Fernsehsucht sprechen. Der Fernsehkonsum wurde allerdings nie in staatlichem Auftrag als Suchterscheinung untersucht. Warum jetzt also die Internetnutzung? Liegt es daran, dass das Fernsehen mit seinem Potential der Beeinflussung lange Zeit ein Monopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten und damit staatsnäher war, während das Internet ein Dschungel der Anarchie ist?

Siehe auch unser Heft zu neuen Medien Dezember 2009 (Download PDF ganzes Heft)

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