Macht Geld allein nicht glücklich?

Lorenzo Ravagli

Für die internationale Großstudie wurden 89.000 Menschen aus 18 Ländern befragt. Die Länder wurden drei Einkommensgruppen zugeteilt: hohem, mittlerem und niedrigem Einkommen. Deutschland, Belgien, Frankreich, Israel, Italien, Japan, die Niederlande, Neuseeland, Spanien und die USA gehören zur ersten Gruppe, zur zweiten und dritten Brasilien, Indien, China, Mexiko, Südafrika sowie die Ukraine. In den reichen Ländern litten 15 Prozent der Befragten schon einmal in ihrem Leben an Depressionen, in den beiden anderen Ländergruppen 11 Prozent.

Auch depressive Episoden (Verlust des Selbstbewusstseins, Schlaf- und Appetitlosigkeit, schlechte Konzentrationsfähigkeit, Gefühl der Traurigkeit) kamen in den reichen Ländern häufiger vor: bei 28 Prozent der Befragten – in den ärmeren Ländern nur bei 20 Prozent. Am depressivsten unter den reichen Ländern waren mit mehr als 30 Prozent Frankreich, danach die Niederlande und die USA. China dagegen scheint mit lediglich 12 Prozent zu den glücklicheren Ländern zu gehören. Frauen sind offenbar weltweit doppelt so empfänglich für depressive Störungen wie Männer. Als einer der Hauptauslöser für Depressionen wird der Verlust eines Partners durch Trennung, Scheidung oder Tod bezeichnet.

Eine Frage, die natürlich interessiert ist: wenn in Ländern mit höherem Durchschnitteinkommen mehr Depressionen vorkommen, sind es dann die Reichen oder die Armen in diesen Ländern, die vermehrt an Depressionen leiden? Für beides gibt es intuitive Argumente: die Reicheren haben Angst, ihren Reichtum oder sozialen Status zu verlieren und werden deswegen depressiv, die Ärmeren werden depressiv, weil sie den Status der Reichen nicht besitzen. Nun, in reichen Ländern wie Frankreich, Deutschland, Neuseeland und den USA waren die ärmsten Befragten zweimal häufiger depressiv als die Angehörigen der höchsten Einkommensgruppe. In den Ländern mit niedrigerem Durchschittseinkommen gab es keine signifikante Relation zwischen Einkommen und Depression. Das heisst, je geringer die Einkommensunterschiede, um so weniger Depression. Die Autoren der Studie bemerken, es scheine dem gesunden Menschenverstand zu widersprechen, dass die Bevölkerung in Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen mehr Streß ausgesetzt sei, als in den anderen Ländern. Aber es gebe Argumente dafür, dass es sich bei der Depression um eine Wohlstandskrankheit handle. Die Ungleichheit der Einkommen, die in Ländern mit hohem Einkommen meist größer sei, bringe eine Vielzahl chronischer Krankheiten mit sich, zu denen auch die Depression gehöre. Obwohl es die Ärmeren der Reichen sind, die stärker von depressiven Verstimmungen heimgesucht werden, sind es doch, verglichen mit den noch Ärmeren, offenbar generell die Reicheren, die depressiv werden. Vermutlich bleiben allein die extrem Reichen von dieser Krankheit stärker verschont, auch wenn die Boulevardpresse meist einen anderen Eindruck erweckt.

Die Barmer weist in ihrer Veröffentlichung, die sich nur auf Deutschland bezieht, darauf hin, dass die Aufenthaltsdauer in Kliniken aufgrund psychischer Störungen zwar abgenommen hat (von 45 Tagen im Jahr 1990 zu 31 Tagen im Jahr 2010), dafür ist die Zahl der Erkrankten aber absolut gestiegen. 1990 waren rund 4 von 1.000 Versicherten von depressiven Störungen betroffen, 2010 rund 9. Hochgerechnet litten im Jahr 1990 4.000 von einer Million Menschen an einer depressiven Krankheit, die vom medizinischen Apparat erfaßt wurde, 2010 waren es 9.000 von einer Million. Außerdem erleiden mehr als zwei Drittel aller als geheilt Entlassenen innerhalb von zwei Jahren einen Rückfall. Die kürzere Behandlung scheint jedoch auf die Rückfallquote keinen Einfluss zu haben, denn sie veränderte sich nur marginal.

Die Barmer wirft anläßlich ihrer Veröffentlichung die Frage auf, ob das Krankenhaus der richtige Ort für Depressive sei. Vieles spreche für eine ambulante oder teilstationäre Behandlung in der Nähe des Wohnorts der Betroffenen.

Die Weltgesundheitsorganisation hat vor kurzem beruflichen Streß, der häufig zu Burn-Out und Depressionen führt, zu einer der größten gesundheitlichen Gefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. In zwanzig Jahren könnten Depressionen die verbreitetste Volkskrankheit sein.

Die amerikanische Studie im Internet (PDF)
Die Veröffentlichung der Barmer
Ausführlicher werden diese Befunde im anthroblog diskutiert