Macht uns das Internet verrückt?

Lorenzo Ravagli

Durchschnittliche Amerikaner verbringen heute acht Stunden am Tag vor dem Bildschirm, mehr Zeit als mit jeder anderen Aktivität, Schlafen eingerechnet. Jugendliche bringen es an einem Schultag auf bis zu sieben Stunden; auf bis zu elf, wenn man die gleichzeitige Nutzung mehrerer Internetgeräte berücksichtigt.

Die Anfertigung von Textnachrichten hat sich exponentiell vermehrt: der durchschnittliche Amerikaner sendet oder empfängt 400 Textnachrichten im Monat, viermal mehr als 2007. Der durchschnittliche Jugendliche verfasst auf diversen Plattformen 3700 Texte monatlich. Mehr als zwei Drittel der Besitzer eines Handys kennen inzwischen das »Phantom-Vibrations Syndrom«: sie nehmen Vibrationen ihres Telefons wahr, auch wenn dieses keine aussendet.

Peter Whybrow, der Leiter des Semel Instituts für Neurowissenschaft und menschliches Verhalten an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) vergleicht den Computer mit »elektronischem Kokain«, das den Nutzer abwechselnd in manische und depressive Phasen stürzt. Larry Rosen, ein kalifornischer Psychologe, der die Wirkungen des Netzes auf den Menschen seit Jahrzehnten erforscht, ist der Überzeugung, es verstärke unsere Besessenheit, Abhängigkeit und Überspanntheit.

Die neue Auflage des führenden amerikanischen Handbuchs für Psychiater wird erstmals ein Kapitel über Internetsucht enthalten. Die neue Krankheit ist nicht auf Nordamerika beschränkt: China, Taiwan und Korea haben sie bereits anerkannt und betrachten die problematische Nutzung des Netzes mittlerweile als Volkskrankheit. In diesen Ländern gelten Millionen von Menschen, unter ihnen 30 Prozent der Jugendlichen, als internetsüchtig.

Bereits 2008 hat Gary Small, Leiter des Forschungszentrums für Gedächtnis und Alterung der UCLA, Veränderungen im Gehirn dokumentiert, die schon bei zurückhaltender Internetnutzung auftreten. Bei Internetsüchtigen lassen sich ähnliche Veränderungen feststellen, wie bei Drogen- und Alkoholsucht. Anfang dieses Jahres fanden chinesische Wissenschaftler vergleichbare Veränderungen in den Nervenzellen exzessiver Internetnutzer: während bestimmte Nervenstrukturen im präfrontalen Kortex, die mit der Beschleunigung von Wahrnehmungprozessen zu tun haben, wuchsen, schrumpften andere, die mit Sprechen, Erinnerung, Bewegung und Emotion zu tun haben, rapide.

Eine weitere amerikanische Untersuchung fand einen Zusammenhang zwischen Onlinezeit und Gemütskrankheiten bei jungen Erwachsenen. Chinesische Wissenschaftler haben ebenfalls einen direkten Zusammenhang zwischen starker Internetnutzung und Depression festgestellt. Wissenschaftler von der Case Western University wiederum brachten exzessive Twitter- und facebook-Nutzung mit Stress, Depressionen und Suizidgedanken in Verbindung.

Das amerikanische Magazin für Kinderheilkunde »Pediatrics« sprach jüngst von einer »facebook-Depression«, die durch die Intensität der Onlinewelt ausgelöst werden könne.

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